Vom Gastarbeiterkind zur Frau Doktorin

Das ist meine kleine Schwester Fatma. Ich kann mich noch wie gestern an den Tag im Juni 85 erinnern, als meine Eltern mit einer kleinen hellblauen Babytrage in die Wohnung kamen, diese vor das Fenster auf den Stuhl stellten und sagten „das ist eure kleine Schwester Fatma!“ Im Vergleich zu meinem Bruder war ich ich mächtig glücklich, denn ich wurde bereits mit seiner Nachfolge vom Thron geschubst, also litt ich nicht mehr wenn jüngere dazukamen. Aber das entscheidende Detail lag darin, dass ich nun eine Verbündete hatte. Ihn hatte ich auch lieb, aber eine Schwester hatte ich noch nicht- das war jetzt neu! Trotz sechs Jahren Altersunterschieds blieb diese innige Liebe. Klar haben wir auch gezankt, waren vom Wesen her unterschiedlich, haben es manchmal nicht ausgehalten ein Zimmer teilen zu müssen. Aber trotz Krisen und Tiefen überwiegen die Höhen und die Verbundenheit. Blut ist manchmal wirklich dicker als Blut!

Diese junge Frau hat gestern ihre Dissertation mit Bravur verteidigt! Sicherlich ist das nicht zwangsläufig ein Weltereignis und wahrscheinlich haben gestern neben meiner Schwester noch viele weitere Menschen diesen akademischen Grad erlangt. Allerdings ist gerade ihre Promotion für mich, meine Familie und viele weitere unseresgleichen ein so großer Schritt. Als wir uns gestern mit ihr unterhielten, in gemeinsamer Freude, sagte sie: wer hätte das gedacht! Wo doch immer in den Zeugnissen der Grundschule stand „Fatma ist verträumt- Schwierigkeiten dem Unterrichtsgeschehen konzentriert zu folgen- sprachlich ausbaufähig- eventuell wäre eine Ausbildung die bessere Alternative“ usw. usw. Wo stehen wir Jahre später? Am Summa cum laude! Sie hat einfach das System gesprengt. Laut Herkunft und selektivem Schulsystem sollte sie nicht studieren. „Wir brauchen auch Menschen, die eine Ausbildung abschließen, sie könnte doch Friseuse oder Arzthelferin werden“ lauten dann die Vorschläge im Beratungsgespräch in der Schule. Im Deutschunterricht klappt es auf brechen und biegen nicht, den Migrationshintergrund aus der Benotung rauszuhalten. Am liebsten entscheidet für manche nicht die persönliche Performance sondern die zugeordnete Bestimmung, wie im gleichnamigen Film, zumindest haben wir alle vier Geschwister die selbe Misere erlebt. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Schade nur, dass dieser Weg für manche so schwer und ermüdend ist!

Ich bin mächtig stolz auf dich Fatma! Nicht nur, weil du der erste Mensch überhaupt in der gesamten Familiengeschichte meiner Eltern bist, die diesen akademischen Grad erreicht hat, sondern weil es mit kleinem Kind, ohne finanzielle Unterstützung, mit Betreuungswechsel aufgrund unüberwindbarer Differenzen, trotz so vieler Gründe, die dagegen gesprochen haben, es trotzdem geschafft hast! Aus allen Steinen, die dir in den Weg gelegt wurden, hast du eine Brücke gebaut, aus allen Gruben, die dir gestellt wurden bist du raus geklettert, hast diese zugeschüttet, damit kein anderer nach dir reinfällt. Du bist DAS Best-Practise Beispiel überhaupt.

Ich sonne mich gerne in deiner Weisheit, Disziplin, deinem anti-kapitalistischen Frugalismus. Was doch aus diesem kleinen Baby in der Trage geworden ist. Du bist das lebendige Beispiel, dass am Ende alles gut wird, mit dem Glauben, der Berge versetzt. Ich feiere dich!

*Genauer Titel der Promotion wird nach der Ausstellung der Urkunde hier aufgeführt

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Ein Gedanke zu “Vom Gastarbeiterkind zur Frau Doktorin

  1. Hallo,
    Ihr Lieben,
    Auch ich hatte das Glück Fatma,auch wenn nur kurz, kennenzulernen.
    Ich gratuliere Sie vom Herzen, freue mich für Sie und wünsche Ihr das Beste auf Ihrem Lebensweg.

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