1. Mai : Tag der unsichtbaren Arbeit alias Care- Migration

care migration

Morgen ist 1. Mai, Tag der Arbeit. In Deutschland ist dieser Feiertag relativ ruhig, nur historische Dokumentationen erinnern uns an die hitzigen Debatten und Demonstrationen . Viele werden sich morgen, bei schönem Wetter über das verlängerte Wochenende freuen. Morgen ist aber auch Tag der unsichtbaren Arbeit. Der Reproduktions- Care-Arbeit. Oft unentgeltlich oder schlecht bezahlt. Oft von Migranten ausgeübt.  Immer noch eine Branche, in der der Mindestlohn noch lange nicht ankommen wird.

Unter Reproduktionsarbeit fallen alle Tätigkeiten im Bereich Haushalt, Kinderbetreuung, Krankenpflege, etc. hinein. Diese als notwendig und sinnvoll eingestufte Arbeitsform, wird leider absolut gegensätzlich belohnt. Hauptsächlich betroffen sind Frauen, die spätestens in ihrer Rente mit einem starken finanziellen Defizit, häufig von Altersarmut, gequält werden. Sie sind überwiegend Mitte 30 bis 50, haben selber sehr früh Kinder bekommen, keine abgeschlossene Berufsausbildung oder Schulabschluss und einen Migrationshintergrund. Die eigenen Kinder sind einigermaßen selbstständig. Die Frau kann sich nun in der Arbeitswelt einbringen. Da allerdings alle Zugangsqualifikationen für den Arbeitsmarkt fehlen, wird oftmals im Jobcenter ein CARE-Beruf angeraten. Kinderbetreuung, Alten-und Krankenpflege oder Reinigungskraft/Haushaltshilfe. 

Immer schön unsichtbar bleiben

Man stelle sich mal vor, was passiert, wenn ein kranker, alter Mensch bettlägerig ist und einen ganzen Tag nicht gepflegt und versorgt wird. Ebenso das Beispiel von einem Kleinkind, welches den ganzen Tag alleine ist. Nicht vorstellbar. Unzumutbar, ja gar unmenschlich. Die städtischen Betreuungsmöglichkeiten von „bedürftigen“ Menschen sind in Deutschland in allen Städten entweder völlig ausgelastet oder sogar für Jahre im voraus ausgebucht. Eine Alternative muss her. Im Bereich der Kinder springen oft Tagesmütter ein. Eine adäquate Alternative. Für viele Mütter ein Rettungsring auf hoher See. Interessant ist hier, dass oftmals Tagesmütter ins Spiel kommen, die im Regelfall auf Grund von Konfession, Kleidungsstil oder manchmal sogar nicht ausreichendem Deutsch keinen Arbeitsplatz bekommen würden. Eigentlich eine gute Gelegenheit für diese Frauen könnte man sich denken. Wäre die ganze Angelegenheit auch fair, hätte die Sache eigentlich keinen Hacken. Dem ist aber nicht so. Diese Frauen betreuen Kinder von berufstätigen Frauen, fünft Tage die Woche, manchmal sogar am Wochenende, Ferientage sowieso. Bei manchen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmer“ Konstellationen kann man sich sicher sein, dass die Not diese beiden Parteien zusammen gebracht hat, denn soziales Umfeld und gesellschaftlicher Status sind so unterschiedlich, dass mehr kaum geht. Die traurige Pointe an der Geschichte ist nun, dass ein über die Stadt (Schulamt und Co.) laufendes Betreuungssystem den Frauen weder Urlaubs- noch Krankengeld gewährleistet. Die Frauen sind teilweise auf Grund ihrer finanziellen Situation auf das geringe Einkommen angewiesen. Man kann sich sicherlich denken, dass kaum eine Frau diese „harte“ Arbeit zur Entspannung, als Hobby oder einfach nur zum gesellschaftlichen Gemeinwohl ausübt.

Es macht nachdenklich und traurig zugleich zu sehen, dass wir als Gesellschaft und als Land mehr Geld in unser Bankensystem investieren können und wollen. Es ist ein menschliches Versagen, nicht ausreichend genug in die Zukunft sehen zu können, um zu sagen, dass wir jetzt und sofort in unsere Kinder investieren müssen, um einigermaßen stabil als gesellschaftlich-kommunale Konstruktion bestehen zu können. Der Mensch sollte immer noch, oder gerade jetzt noch mehr im Fokus und Vordergrund stehen, egal in welchem Alter und welcher Herkunft.

Ich wünsche mir für alle türkischen, bulgarischen, polnischen, marokkanischen, afrikanischen (und was es noch für Nationen gibt) Frauen, die täglich unsere Kinder, Alten und Kranken pflegen und betreuen, unseren schlimmsten Dreck, den wir niemals unseren Freunden und Bekannten zeigen, geschweige denn zumuten würden, tagtäglich von neuem wegmachen

♥SICHTBARKEIT UND FAIRNESS♥

 

Fotoquelle: http://www.nurseuncut.com.au/wp-content/uploads/2011/10/10.png

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Toleranz und Gleichberechtigung- Werte, die Europa abhanden kommen

Toleranz ist die theoretische und praktische Anerkennung oder Achtung vor der Andersartigkeit eines Menschen und somit das Gegenteil von Diskriminierung oder gar Verfolgung, so steht es im Lexikon des Dialogs. Theoretisch und praktisch einen Wert aufzusplitten, ist wohl in unserer heutigen Zeit ein permanentes Vergehen. Denn theoretisch sind wir alle modern, demokratisch, tolerant, human, und was man eben noch so mitbringt um heute als vorbildhaft zu gelten. Wir gehen von der Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Mitmenschen und Mitbürgern aus. Dabei ziehen wir eine unsichtbare Grenze, denn dieses gleiche Recht gewähren wir nur uns und unseresgleichen.

„Du kommst hier net rein“

Kaya Yanar hatte in seinen Stand-Up-Shows immer einen Charakter des Türstehers, Hakan. Dieser Schrank von Türsteher kam immer mit dem Standardsatz „Was guckst du?“. Ähnlich wie Hakan, behandeln wir nun alle anderen, die auch zu uns kommen möchten. Sie gehen von unseren theoretischen  Angaben aus, sie lassen sich von unserem statistischen Reichtum blenden oder wollen einfach nur weiterleben. Sie nehmen Strapazen und Gefahren auf sich, steigen in kleine Boote, geben ihr letztes Hemd für eine unendliche Reise. Dann am Ziel werden sie nicht von unseren theoretischen Werten empfangen. Nein wir empfangen sie mit unserer praktischen Realität. Hakan erzählt ihnen „Ey, du kommst hier net rein“. Während wir aber die Freiheit genießen in alle Länder dieser Welt zu reisen, tolle materielle Vorzüge der Globalisierung zu genießen, sind wir weder tolerant noch gleich berechtigend um zu sagen „du kannst auch zu mir kommen, du bist willkommen“.

Rassismus im neuen Format salonfähig machen

Spätestens nach der Entnazifizierung haben wir verstanden, dass Rassismus ziemlich schlecht und extrem gefährlich sein kann. Dennoch kriegen wir in manchen Gemütern diesen Gendefekt  nicht mehr weg. Er mutiert um weiter fort bestehen zu können. Er ist wohl noch nie so unauffällig und hinterlistig gewesen, denn die Betroffenen selbst wissen oft nicht, dass sie daran leiden. Ausreden wie, es fehle eben der interkulturelle Kontakt, oder man hätte negative Erfahrungen gemacht, sind diesbezügliche NO-GO’s. Oft wird man auf Aussagen stoßen wie „Du bist ja aber anders“ oder „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber“. Der darauf folgende Nebensatz beinhalte eine Abstufung oder negative Wertung.

Jesus, Muhammed, Buddha, Gandhi, Mevlana und Co. haben es uns doch vorgemacht

Ein Sprichwort besagt man müsse Amerika nicht zweimal entdecken. Man solle sich einfach aus den Erkenntnissen anderer Menschen bereichern. Das machen wir gerne in Bezug auf Technik, Medizin und Wellness. Alles wird optimiert und weiterentwickelt. Alles kann somit noch besser auf den Markt gebracht werden, somit natürlich noch mehr Geld einbringen. In puncto Frieden schaffen wir das Kai Zen Prinzip jedoch leider nicht. Frieden bringt unpraktischer Weise kein Geld ein, davon geht man eigentlich aus. Nun ist allerdings so, dass laut neuesten Forschungen der Frieden doch gewinnbringend wirken kann-suprise- diesen Forschungen wird jedoch noch nicht genug Gehör verschafft. Man muss der Rüstungsindustrie vorher noch ein neues Hobby verschaffen. Diese Tatsache hat leider auch nichts mit unserem Zeitalter zu tun, sondern war schon seit der Menschheitsgeschichte so. Und es verwundert uns nicht, dass es dann auch immer wieder herausragende Persönlichkeiten gegeben hat, die uns Frieden vorgemacht haben. In allen Kulturen und Nationen haben sie versucht, die Menschen zu rechtleiten, zum größtenteils  vergebens.

Der muslimische Gelehrte Fethullah Gülen hat folgenden Ausspruch 1985 verfasst  “aç açabildiğin kadar aç sineni, ummanlar gibi olsun“ (Öffne dein Herz soweit du kannst, dass es so weit wie ein Ozean wird). Dieser poetische Satz klingt so einfach und selbstverständlich und doch stellt er uns Menschen wohl vor die größte Herausforderung unserer Zeit. Egal wer, egal wo und egal wann- sich öffnen und Einlass gewähren- so wie er ist- das ist die Aufgabe, die es zu meistern gilt….

 

Foto: gesehen bei Facebook/ graslutscher.de

#regrettingmotherhood

Unsere heile Welt ist gekippt, und das alles mit einem Hashtag namens #regrettingmotherhood. Die  Studie einer israelischen Soziologin, die 23 Mütter intensiv zum Thema befragt hat, ist in aller Munde. Jedes Land tastet sich vorsichtig an das Thema und fragt sich „Wie sieht es bei uns aus?“. Die sozialen Medien durchleben eine regelrechte Beitragsinflation. Eins ist klar, unsereins ist manchmal überfordert, bereut so manches oder fühlt sich unqualifiziert ja sogar disqualifiziert.

Was hatten Mütter vor 100 Jahren, was wir nicht haben?

Früher schien das keinen zu stören. Weder die Frauen beschwerten sich über das Mutter-sein, noch die Gesellschaft, noch viel weniger die Kinder. Vielleicht hatten diese Frauen einfach den besseren Draht zum Mutter-sein. Vielleicht ist unsere moderne Gesellschaft einfach so komplex und kompliziert, dass wir vor lauter Anpassung und am-Ball-bleiben unseren Mutter-Instinkt allmählich verlieren? Ja, mag sein, dass früher im Haushalt alles schwieriger und aufwendiger war. Kann auch gut sein, dass Frau überwiegend im „Kinder-Küche-Kirche“ Takt getickt hat. Aber dafür musste sie nicht permanent darauf achten, wann welches Kind in welchen Kurs muss, und das am besten schon ab dem vierten Lebensmonat. Heutzutage fängt man gleich mit einigen Monaten mit dem Pekip-Kurs an, dann geht man über zur Krabbel-Gruppe, nicht zu vergessen den Purzel-Kurs. Man muss unbedingt schon früh genug beim Schwimm-Kurs seine Anmeldung betätigen, denn in Großstädten wartet man bis zu einem Jahr. Hinzu kommen dann noch Musik und Fremdsprachen, ja Fremdsprachen sind enorm wichtig. Dann hat man noch den täglichen Gang zum Spielplatz, gleich nach Kita und Schule, jeden Tag, bei Regen und Sonne. Vielleicht konnte man früher die Kinder alleine raus schicken, aber heute geht das nicht. An jeder Ecke lauern potentielle Pädophile, so dass man zum Wohle des Kindes am Spielplatz seinen Stammtisch hat. Wie die Männer eben in der Kneipe, so die Mütter am Spielplatz, nur eben mit ganz vielen Kindern und ohne Alkohol, versteht sich. Wobei manch eine dann schon immer ganz sachte an einer Thermosflasche nippt, kann sein, dass da nicht nur der Bio-Saft drin ist. Ach ja, wenn wir schon bei Bio sind, darauf muss man natürlich auch Wert legen, Bio, ausgewogen, vegan…

Heute muss man eben die Konditionen der Kinder so früh wie möglich optimieren. Man muss an der Karriere mitbasteln. Und Aufsicht ist besser als Nachsicht! Helikopter-Mütter, das war gestern, heute zählt Body-scan mit Drohnen-check. Tja, und all diejenigen, die das eben nicht zeitig machen, die haben dann die Loser-Kinder. Die Sorte, die man auf den privaten Sendern in die tollen Shows einlädt mit dem Motto „Lehre gesucht“, „Kinder-Mütter“ oder „I make your body sexy“. Nein, dann lieber 24 Stunden intensiv Kurs.

#regrettingsociety and #conditions

Ob diese 23 Frauen nun bei einer hypothetisch unmöglichen Wahrscheinlichkeit sich anders entschieden hätten und keine Kinder bekommen hätten, darauf werden wir niemals eine Antwort bekommen. Das sie jedoch alle samt auch ganz wundervolle und einzigartige Momente und Erlebnisse mit ihren Kindern haben, ist ganz gewiss. Jedes Kind, auch das allerschlimmste Schreibaby oder der fürchterlichste Trotzkopf verwandelt sich im Schlaf in einen unschuldigen Engel.Wenn es eins gibt was Mütter exzellent beherrschen, dann ist das doch vergeben und vergessen.  Jede Phase in der Entwicklung birgt ganz besondere und faszinierende Erinnerungen an die sich unser mütterliches Gedächtnis klammert. Es ist wohl heute nicht das #motherhood, was wir bedauern, sondern wohl eher #regrettingsociety und #conditions, die von unserem Dasein als Frau und Mutter soviel abverlangt. Denn tief im inneren weiß jede, ja sogar diese 23, dass der Verlust dieser kleinen Menschen einfach unbeschreiblich fürchterlich wäre. Ebenso sind sich doch alle Mütter darüber bewusst, dass Millionen von Frauen weltweit, alles, aber auch alles dafür geben würden, um einfach nur die Mutter ihres eigenen Kindes sein zu dürfen.

Mütter sollten also nicht die Rolle einer übersinnlich heroischen Heldin spielen müssen. Auch sollten sie nicht mit all den Strapazen und Schwierigkeiten der Kinder alleine gelassen werden. Die Rollen der einfühlsamen und einflussreichen Großmütter, Großväter, Tanten und Onkel sollten wieder vergeben werden. Der Begriff „Familie“ müsste sich erneut von der Vater-Mutter-Kind-Konstelation heraus in größere Verbindungen ausweiten. Anstatt immer die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Karriere durchzuplanen sollte man die einzelnen zwischenmenschlichen Beziehungen der Familienmitglieder vereinbaren. So und nur so, kann man die Mutter, einfach nur die Mutter von xy oder aber xx sein.

#backtotheroots- Lang lebe das Studenten-Dasein!

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Nach einer technischen Pause von knapp sechs Jahren wage ich mich erneut an die Uni. Ich besinne mich zu meinen Wurzeln und juble „back to the roots“ denn als Langzeitstudent entwickelt  man tatsächlich wurzelartiges Verbindungsmaterial zu der Institution Universität. Ich hatte in diesen sechs Jahren technischer Pause hin und wieder mal ein Blockseminar oder eine andere Veranstaltung, jedoch neigten meine Kinder zur schlimmen Gewohnheit, dass sie gerade zu diesen raren Terminen entweder zahnten oder an extremen Durchfall erlitten, so dass ich sicherlich einige Dutzend Emails mit dem Satz „auf Grund gesundheitlicher Probleme meiner Tochter…“ auf die Veranstaltung flöten konnte.

Nun denn, jetzt sind alle über den Berg, können verbal äußern, wenn etwas nicht passt und erleiden nicht an Entzugserscheinungen, wenn sie zwei Stunden keine Nahrung zu sich nehmen. Ich genieße tatsächlich diese ungebundene Freiheit, es wirkt wie ein Jugend-Elixier. Viel intensiver als jede Anti-Falten-Creme oder Botox-Spritze. Anti-Aging pur! Nichtsdestotrotz will auf diese zwei kleinen Frauen verzichten müssen und im Falle eines Falles, wir hoffen es nicht, würde ich mich immer für sie und gegen den Rest entscheiden, bye the way. (Vor einigen Tagen gab es einen Beitrag in der Zeitung von einigen Müttern, die die Entscheidung zum Kind bereuen, für mich irgendwie nicht nachvollziehbar! hier zu lesen: http://www.deutschlandradiokultur.de/muetter-in-der-gesellschaft-wahnsinniger-druck.1008.de.html?dram%3Aarticle_id=317198 http://www.deutschlandradiokultur.de/regrettingmotherhood-wenn-frauen-bereuen-mutter-geworden-zu.2165.de.html?dram:article_id=317195)

Neustart mit knapp 36

So fange ich also mit knapp 36 nochmal an zu studieren. Zum Glück genau da weiter, wo ich alles auf Eis gelegt habe, es handelt sich in meinem Fall tatsächlich nur noch um 3 Semester. 1,5 Jahre, die sicherlich Ruck-Zuck vorüber sind, wenn man bedenkt, dass die erste Semesterwoche ja schon fast vorbei ist. Die Entscheidung fiel echt nicht leicht. Sie fiel damals auch nicht leicht, alles mal so kurz vor Abschluss auf Eis zu legen. Das System ist leider viel zu fest gestrickt, es gibt kaum Alternativ-Strecken. Wenn man eben umdisponieren muss, und wenn man eben dann früher Kinder bekommt, oder aber wenn man eben nicht alles wie Fritz, Meier, Müller machen kann, dann sollte man doch auch unkonventionelle Wege fahren dürfen?! Ich entscheide mich also vor 6 Jahren alles einwenig langsamer oder aber anders anzugehen. Ich bin an diesem Tag, noch in Heidelberg, in die Vorlesung „Zivilgesellschaft und Assoziationswesen“ gedüst. Gedüst, weil ich vorher noch eine Wickeltasche mit Utensilien für 4 Stunden vorbereitet, meinen Mann und meine Tochter beim Spielplatz abgestellt  und dann noch wie irre eine Parkplatz gesucht habe. So komme ich also am besagten Tag noch rechtzeitig in die Veranstaltung. Die ersten 10 Minuten kriege ich nichts mit, da sich erst mein Puls regulieren muss und ich meinem Mann noch mindestens 3 SMS schicken muss, ob die Kleine geweint hat etc. Als ich dann endlich mental in der Vorlesung bin, neige ich mich zu meiner Tasche um meinen Block und meine Stifte zu holen. Da sehe ich, dass der Ärmel meiner Jacke von oben bis unten mit Karotte-Kartoffel-Kotze dekoriert ist. Wie ich mich doch über diese Aufmerksamkeit freue-Ironie. Sie hat sich tatsächlich so verewigt, auf meinem Arm, so quasi „Mama ich habe dich lieb, schau ich teile mein Essen mit dir, bitte vergiss mich nicht“. Ich denke mir nur „hoffentlich geht das auch wieder raus“. Tja, in der Tasche, dann die zweite Einsicht; neben Block und Stift habe ich noch Pampers und Feuchttücher, Schnuller und Babyflasche. Ich schweifte so mit meinem Blick durch den Hörsaal. Außer mir hatte das Chaos keiner bemerkt. Alle hatten wirklich wahnsinnig wichtigere Probleme wie, was zieh ich auf der Party an, wo soll ich heute Mittag essen oder heute Abend lieber Kino oder Grillen. Ich frage mich nur „Was mache ich hier eigentlich?“ So habe ich an diesem Tag innerlich meine Sachen gepackt und mich für das ausschließliche „Mutter-Dasein“ entschieden. Ich bereue meine Entscheidung nicht, auch  wenn ich genau weiß, dass auf Grund der Kausalitätskette, diese Entscheidung sich gravierend auf meine Rente auswirken wird!. Aber, egal, ich muss wahrscheinlich eh bis 80 arbeiten, drum, je später ich anfange, desto besser 🙂

Heute, nach besagten 6 Jahren sieht es doch tatsächlich anders aus. Ich kann meinen Plan schön legen, der Tag gehört mir! Am Nachmittag sind dann meine Kinder wieder bei mir, und wir können uns doch tatsächlich erzählen wie unser Tag war. Ich bereite morgens drei Brotdosen vor, eine für den Kindergarten, eine für die Schule und eine für die Uni. Ich genieße die „Anonymität“ an der Universität, ein Teilchen von ganz ganz vielen anderen zu sein. Ich habe quasi wie die Derwische des Cavlaki Tarikat, die einem suffistischen Orden angehören und als Zeichen der Aufgabe aller bisherigen Fähigkeiten und Kompetenzen die komplette Körperbehaarung (auch Augenbrauen!) rasieren, alles Können weggelegt. Ich fange von neu an. Alles, aber auch alles spricht dagegen (Kein Bafög, keine Sozialhilfe), denn Studieren im höheren Alter heisst in Deutschland finanzieller Suizid! Außer man hat geerbt, einen reichen Mann oder ein sicheres Stipendium. Ich habe noch keines dieser Alternativen, aber was nicht ist, kann ja noch werden 🙂

Ich habe damals immer die Studenten mit grauem Haar aus der ersten Reihe, die in jedem Studiengang anzutreffen sind, ein wenig bestaunt. Haben diese Menschen denn nicht etwas besseres zu tun? Und wieso tut man sich so etwas denn zweimal an? Aber das Leben belehrt uns manchmal eines besseren. Mein chices Tuch kaschiert meine grauen Haare, mein Alter behalte ich für mich, aber ich setze mich gerne in die vorderen Reihen, zu den Älteren. Studieren, und damit meine ich nicht Inhalte des Moduls im Kurzzeitgedächtnis abspeichern und dann zur Prüfung auskotzen, nein damit meine ich wissenschaftliches Wissen verinnerlichen und dann weiterentwickelt anwenden, ist doch in der Tat Luxus! Und Leute, ich genieße gerade Luxus pur! Lang lebe das Studenten-Dasein!

Fotoquelle:

http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Der-Medizin-Student-id20636951.html

 

Welcher Lehrer prägte uns auf dem Gymnasium Maria Stern?

Schule

Das Kopftuchverbot ist seit kurzem aufgehoben und Debatte dreht sich nur noch um das Stück Stoff. Die Urangst, dass viele kleine Kinder nun mit Kopfbedeckung in den Schulreihen sitzen, weil sie alle von ihrer Lehrerin mit Kopftuch geprägt sind, scheint nicht nur ein Gerücht zu sein. Ob wir inhaltliche Probleme in unserem Schulsystem haben, scheint momentan niemanden zu interessieren. „Mit“ oder „Ohne“ das ist hier die Frage,à la Shakespeare. Aber ist diese Angst berechtigt? Kann es tatsächlich sein, dass ein Lehrer mit seiner religiösen Haltung und seinem Kleidungsstil prägt? Oder präziser gefragt: Welcher Lehrer prägt?

Ich habe neun Jahre meines Lebens auf einem katholischen Mädchengymnasium verbracht. Man sieht es mir nicht wirklich an, aber im Grunde genommen bin ich stock-katholisch. Ich kann immer noch das Vaterunser auswendig und Dona nobis pacem kann ich einwandfrei singen. Dennoch bin ich nicht Klosterschwester geworden. Nicht nur ich bin es nicht geworden, keine von den anderen Schülerinnen hat sich für diesen Weg entschieden.

Der Beruf des Lehrers ist ja so kein Beruf sondern eine Berufung. Manch einer verbringt ja mehr Zeit mit seinen Lehrern als mit seinen Eltern. Was aber von diesen Lehrern nehmen wir mit ins Leben? Gibt es da auch etwas persönliches, etwas privates, was man vom Lehrer übernimmt?

Flashback: Gymnasium Maria Stern

Ich streife durch meine Jahre am Gymnasium Maria Stern. Pro Jahr im Schnitt 10 Fächer mit mindestens 8 verschiedenen Lehrern. Die These ist, nichts kann im Schulbetrieb absolut objektiv sein, denn auch das Objektive wird durch unser Subjektives gelenkt. Dennoch beeinflusst bei professionellen und wirklich guten Lehrern das Subjektive lediglich die Art wie sie ihren Stoff und ihr Fach vermitteln. Ihr privates Leben oder ihre persönlichen Vorlieben bleiben im Hintergrund. Je mehr sich ein Lehrer für sein Fach berufen fühlt, je stärker seine Muse dafür ist, umso intensiver und interessanter kann er es auch vermitteln. Was sein Sternzeichen und seine Konfession dabei ist, ist absolut irrelevant.

Wer prägte uns damals…

Alle Absolventinnen des Gymnasiums Maria Stern werden nun genau wissen wen ich meine, die breite Masse darf sich alles imaginär vorstellen.

Frau P.

Begnadete Biologie und Chemie Lehrerin. Nicht verheiratet, keine Kinder. Zog immer nur Hosen an, ich habe diese Frau tatsächlich kein einziges mal mit einem anderem Stil gesehen. Gleicher Haarschnitt, gleicher Hosenschnitt, Bluse oder Poloshirt. Sie ist die einzige, die ich kenne, die auf den Galapagos Inseln war. Sie berichtete von ihrer Reise und wir waren alle hin und weg.  Mit ihr haben wir zum ersten mal am Bunsenbrenner mit Laborkittel und Schutzbrille experimentiert. Ach ja, das Ochsen-Auge hatten wir auch bei ihr auseinander genommen.

Frau G.

Sie hätte Mozarts Schwester sein können. Ich glaube sie hat fast jedes Instrument gespielt. Ihr blondes Haar war immer kreativ gelockt. Interessant war, dass sie angeblich 100 Paar Schuhe hatte, da ihr Vater ein Schuhgeschäft hatte. Sie leitete die Schulband und führte auch mal moderne Stücke mit Schlagzeug und Co. im Schulkonzert auf.

Schwester A.

Mathe und Musik. Schöne Kombination könnte man sich denken. Ihre feine Statur kam auch immer wieder im Unterricht zum Vorschein. Es hatte wohl keiner ihrer Schülerinnen über das Herz gebracht, ihr zu sagen, dass Mathe ein Fehlgriff war. Sie hatte es sich selbst irgendwie beigebracht, aber den anderen konnte sie es leider nicht so gut vermitteln. Ganz anders in Musik. Da ging Schwester A. richtig auf.

Herr Z. 

Vieles was Herr Z. sagte verstand ich einige Minuten danach, er hatte einen sehr starken bayerischen Akzent. Die Kunst war sein Ding. So begabt und ganz und gar in seinem Element. Nach vielen Jahren wurde im Neubau das obere Stockwerk als Kunstbereich erweitert, wo Herr Z. Ideen einbringen konnte. Helle Räume ganz oben mit breiten Holztischen. „Licht und Ruhe, das braucht man zum Malen!“ sagte er immer.

Frau R.

Deutsch und Geschichte waren ihre Fächer. Sie hatte einen Mann, eine Katze und keine Kinder. Diese kleine und zierliche Frau war quasi immer in Trachten Mode unterwegs (das Gegenstück zu Frau P. in puncto Mode). Wir haben sie in den ganzen neun Jahren nicht in Hosen gesehen. Immer absolut modisch, immer mit einer Uschi Glas Kurzhaarschnitt Frisur.

Frau N.

Sie war höchstwahrscheinlich zu ihrer Jugendzeit ein Hippie, das ließ zumindest ihr etwas chaotischer Kleidungsstil vermuten. Sie unterrichtete Geschichte und (?). Sie hatte eine Adoptivtochter. Wenn sie aufgeregt erzählte, strahlten ihre großen blauen Augen.

Herr A. 

Erdkunde und Wirtschaft waren seine Fächer. Es gab an unserer Schule auch eine Frau A., die Ehefrau. Eigentlich gab es an unserer Schule erstaunlich viele Lehrer-Ehepaare. Herr A. war ein ruhiger und genüsslicher Mensch. Im Wirtschaftsunterricht  kamen fast ausschließlich Leberkäse Beispiele.

Was ist von all dem hängengeblieben?

Wie man sieht war das Lehrerkollegium sehr bunt und unterschiedlich. Wir haben uns alle für ganz unterschiedliche Berufe entschieden von der Anwältin, der Biologin zur selbständigen Marmeladeverkäuferin ist alles vertreten. Wir haben uns für die Themen und Inhalte begeistern lassen. Was wer angezogen hat, wie jemand politisch eingestellt war oder welcher Konfession er angehört, blieb da wo es hingehört, bei seinem Eigentümer. Wir haben unsere Lehrer, so unterschiedlich sie auch waren, alle gern gehabt, egal ob Ordensschwester, Sportskanone, Biergarten-Fan oder Faschionista. Was zählt ist der Inhalt und nicht die Verpackung 😉

Fotoquelle : © S. Hofschlaeger / pixelio.de