Tücher ohne Köpfe- Deutschland holt Kopftuchdebatte aus dem Kühlfach

Houseroules:

1.Der Zwang zum Kopftuch, Hijab, Niqab etc. ist menschenrechtsverachtend und definitiv nicht im Sinne des Islam, steht daher ausserhalb der hiesigen Diskussion. Derartig patriarchale Machtmechanismen gehören verboten, der Einsatz gegen diese ist unser aller Aufgabe.

2. Im Gegenzug dazu gehört es aber auch zur freien Entscheidung einer jeden Frau, sich für das Tuch, in welcher Form auch immer, entscheiden zu dürfen, ohne die Freiheit, freie Wahl und Emanzipation dieser permanent abzusprechen.

3. Die Kleiderordnung dient nicht! der Entsexualisieurung  und Unterordnung der Frau. Das heutige Verständnis von Mode und Lifestyle stellt keine Divergenz zwischen islamischer Kleidung und Ästhetik und Schönheit. Vielmehr sollten hartnäckige KopftuchgegnerInnen sich eventuell den Aspekt einer spirituellen Kommunikationsform zwischen Frau und Schöpfer verinnerlichen.

4. Barbie ist mit Sicherheit nicht das beste ausschlaggebende Mittel für eine derartige Diskussion- oder vielleicht sollten wir eher von einer Polemik sprechen?!

 

Alle Jahre wieder kommt die Kopftuchdebatte. Immer finden die selben oder ähnlich gesinnte AkteurInnen einen Anreiz ihr Entsetzen dazu der Öffentlichkeit zu offenbaren. Anreiz im November 2017 eine Hijarbie: eine Sheroe- die Miniaturversion von Ibtihaj Muhammad. Eben jene, die schon seit 2006 für die Staaten an olympischen Wettkämpfen als Profisportlerin teilnimmt. Muhammad gilt als Rollenmodell für viele junge Frauen, da sie ein gutes Beispiel für Frauenkarriere in einer Männerdomäne und mögliche Teilhabe und Inklusion von Muslimas in der Mehrheitsgesellschaft ist. Man könnte meinen, alle würden sich für sie freuen. Leider erfährt aber Ibtihaj Muhammad, und solche wie sie,  gerade von Feministinnen und Frauenrechtlerinnen, die sich ja eigentlich für Frauen einsetzen, schärfste Kritik.

Kopftuch-Bashing als Werbung

Im Kanon sprechen die Gegner im selben Ton (nachlesbar aber nicht zu empfehlen im Beitrag von der Emma– übrigens erstaunlich viel gegen das Kopftuch publiziert und gar keine Pro-Beiträge zu finden). Die Angst steckt scheinbar tief im Mark! Wie oben in den Houseroules schon geschildert sind wir uns einig im Einsatz gegen die Zwangsverschleierung, die Entrechtlichung und Instrumentalisierung von Frauen.

Nun kennen aber die „GegnerInnen“ leider nun auch andere Beispiele aus ihrem persönlichen Leben. Sie haben genügend Zeit, sich im Privaten zu unterhalten, Einsichten zu sammeln und Abwägungen zu machen. Wenn aber danach dennoch an der bizarren und starren Haltung bestanden wird, ohne wenn und aber pauschalisiert wird, dann fehlt es eindeutig an Diskussionskultur und Weiterentwicklungsvermögen! Gerade jene wie Emma, Mansour und Ates sind durch ihre Tätigkeitsfelder eigentlich verpflichtet auch die andere Alternative zumindest zu erwähnen. Sie müssen diese nicht gut heißen, mögen oder vermarkten. Allerdings müssen sie als Aktivisten für Frauen- und Menschenrechte auch die Rechte von Frauen, die sie an den Pranger stellen möchten, schützen. Oder kann man sich mittlerweile schon durch einen selektiven Einsatz profilieren? Frauenrechtlerinnen müssen sich für die Rechte aller Frauen- auch für jene, die aus freien Stücken sich islamisch bekleiden möchten und daran gehindert werden, diskriminiert werden, einsetzen. Oder sind wir etwa keine Frauen, wie schon Soujorner Truth fragte „Ain’t I a Woman?“. Wie kann eine Akteurin sich als Imamin verstehen, aber nicht bereit sein, einen beachtlichen weiblichen Teil der Ummah so derartig abzuwerten und zu missachten?

Der Blick auf den Kopf unter dem Tuch lohnt sich- definitiv!

Unsere pluralistischen Gesellschaftsformen stellen uns vor neue Herausforderungen. Eine gemeinsame, im Dialog verankerte mit Diversität bereicherte Gesellschaft erfordert mehr Respekt, Toleranz und Teilhabe. Die Zugänge dürfen nicht selektiv und von Privilegien abhängig sein. Wir müssen heute in der Lage sein, Lebensformate unter den jeweiligen Konditionen betrachten zu können. Leider gelingt es den GegnerInnen der Kopftuchdebatte nicht die westliche Brille abzusetzen (Lesetipp Chandra Talpade Mohanty: Under Western Eyes) und sich das Leben des Gegenüber aus dem jeweiligen Standpunkt anzuschauen. Zwangsläufig pauschalisiert man und missachtet somit Rechte anderer. Man läuft Gefahr, dass koloniale Diskriminierungsansätze im 21. Jahrhundert zwanghaft am Leben gehalten werden. Traurigerweise fing die eigentliche Kopftuchdebatte, so auch die Soziologin Prof. Dr. Nilüfer Göle, erst an, als die ersten Frauen mit Kopftuch sich hochgearbeitet hatten von der Putzfrau zur Lehrerin oder Angestellten.

Erstaunlicherweise richtet sich die Kritik fast immer gegen jene Frauen, die die Teilhabe am Öffentlichen anstreben, erfolgreich sind oder für viele andere als Rollenmodell dienen. Letzen Sommer war es die Urlauberin am französischen Strand mit einem Burkini heute eine Spitzensportlerin. Gebasht werden also jene Frauen, die aktiv am Leben teilnehmen und auch in ihren eigenen Reihen und Communities eventuell vom Patriarchat „bekämpft“ werden. Also stellt sich die Frage, warum jene nicht von AktivistInnen für jene Rechte unterstützt werden, sondern nochmal in anderer Form erniedrigt und ausgegrenzt? Vorbildlich und wünschenswert wäre es manchmal, wenn jene Office-AktivistInnen mal raus auf das Feld gingen und tatsächlich sich für unterdrückte und geschändete Frauen einsetzen würden, sich gegen ihre entsetzlichen Männer aufstemmen würden und Einsatz und Courage bewiesen. Das bedarf aber viel Kraft und Einsatz- ohne Geld- bringt auch nicht genug Echo- ist also nicht PR-tauglich. Dann basht man also lieber diejenigen, die Früchte tragen, denn das verkauft sich immer gut!

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#668 #lassmichfrei

Welch wunderschönes Gefühl es doch ist, sein Leib und Leben, das Wertvollste Abends in den Schlaf zu legen. Ihm dabei zuzusehen wie friedlich es nachts schläft, tagsüber spielt und voller Energie jeden Tag ein Stückchen mehr über sich selbst heraus wächst. Unbeschreiblich schön und friedlich!

Dieser Frieden und Segen ist nicht jedem Kind gegönnt. Unzählige Kinder erleiden Hunger, Gewalt und Missbrauch. Derzeit sind in der Türkei mindesten #668 Kinder unter 3 Jahren mit ihren Müttern im Gefängnis. Dabei sollte man sich keineswegs Sondereinrichtungen für den besonderen Bedarf angepasst vorstellen. Es sind teils extrem überfüllte, aus hygienischen Gründen besorgniserregende, definitiv nicht kindergerechte Orte und Zustände. Kein Ort an dem sich die inhaftierten Frauen je vorgestellt hätten mit ihren Kindern zu landen. 

Das kollektive Schweigen und Verdrängen ist nicht auszuhalten. Wenn selbst die Verletzung der Rechte von Schutzbefohlenen nicht zur Aufruhr führen kann, wer ist dann noch für dieses Leid verantwortlich? Kann man noch sagen „Wir haben das nicht gewusst?“ oder befinden wir uns längst in einer Kollektivschuld?

Am 28.10.2017 finden weltweit Aktionen statt, um für das Leid der Kinder in der Türkei, die mit ihren Müttern im Gefängnis sind, Gehör zu verschaffen. Man kann über die sozialen Medien, mittels diverser Veranstaltungen aktiv sein. Auch wenn diese solidarische Zusammenarbeit wohl leider nicht die Freiheit für diese Opfer bedeuten. Aber zumindest kann diese Gemeinschaft morgen auf die Frage „was habt ihr damals für uns unternommen?“ ehrlich und aufrichtig antworten. Kindswohl kann und darf niemals ein Privileg für eine Minderheit auf dieser Welt sein!!! 

Brief an Hannah Arendt

Hochverehrte Hannah Arendt[1],

 

bitte erlauben Sie mir Ihnen heute einen fiktiven Brief zu schreiben. Wie generell bei Briefen, geht es mir in erster Linie um das Schreiben und nicht um das Gelesen- werden. Die Möglichkeit einer Bekanntschaft ist für das Diesseits leider nicht mehr eingeschlossen, alle anderen Varianten dafür jedoch, nicht ausgeschlossen.

Ich lese derzeit Ihr Werk „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“. Darin ist Ihre 1965 vorgelegte Vorlesung in New York vorzufinden. Nach über einem halben Jahrhundert muss ich sagen, das Böse ist nun in einem zuvor nicht vorstellbaren Format da, es zirkuliert in der Blutlaufbahn der breiten Masse, man kann es förmlich riechen und durch das global-vernetzte System auch permanent sehen. Kein Tag, keine Stunde, keine Minute vergeht, in der nicht auf der Welt Leid zugeführt wird. Das privilegierte Grüppchen zeigt sich da und dort solidarisch aber dann kehrt es zu seiner Gewohnheit und seinem Gebrauch zurück. Es möchte seine Grenzen nicht öffnen, seine Waffen weiterverkaufen und vom Kapitalismus profitieren. Und keineswegs möchte es sein Privileg teilen. Wie auch Sie in Ihrer Vorlesung anmerken: „Wie unheimlich und wie erschreckend schien es plötzlich zu sein, dass ausgerechnet die Begriffe, die wir für diese Dinge gebrauchen – „Moral“ mit dem lateinischen Ursprung, „Ethik“ mit dem griechischen-, niemals etwas anderes gemeint haben sollten als Gebräuche und Gewohnheiten! …. Sind wir schließlich aus einem Traum erwacht?“ Liebe Hannah Arendt, ich wage zu behaupten, es handelt sich um einen Alptraum im Wachzustand. Denn wie sonst kann man es sich erklären den Leidenden bei ihren fürchterlichen Schmerzen jeglicher Art zuzusehen, den Zustand eventuell in dem Moment zu bedauern und gleich im nächsten wieder, ja fast schon ‚heuchlerisch’, weiter ‚funktionieren’?

Das Böse ist heute nicht mehr ganz eindeutig. Es ist vielschichtig und so unendlich häufig. Womit soll ich anfangen? Wir haben heute wieder den Trend von despotischen Staatoberhäuptern, die sich nicht zu fein sind, ihren Schmuck aus gefälschten Demokratie-Federn abzulegen. Es zählt das Prinzip der Macht, ähnlich wie zur Steinzeit. Wir haben heute Kämpfe, die sich im Namen der Religion vermarkten, bei denen aber im Grunde genommen die ganze Welt weiß, dass es lediglich um Territoriale und Ressourcen Ansprüche geht. Religion ist für solche Handlanger des Bösen ein Opfer, welches sie tagtäglich bewusst missbrauchen. Die Handlanger haben leichtes Spiel, denn ihnen mangelt es nicht an Marionetten, die mit der Annahme sie kämen ins Paradies, bereits hunderte Menschen mit in den Tod gerissen haben. Wir Recht Sie doch haben mit Ihren folgenden Zeilen, die unseren heutigen Zeitgeist widerspiegeln: „Es ist nicht zu schwer zu sehen, ja zu verstehen, wie jemand sich entscheiden mag, „ein Schurke zu werden“ und, wo sich die Gelegenheit bietet, eine Umkehrung der Zehn Gebote auszuprobieren- beginnend mit dem Gebot „Du sollst töten“ bis hin zu der Vorschrift „Du sollst lügen“. Auf Ihre Frage warum der Angeklagte ein Funktionär in dieser Organisation wurde, haben wir bisher leider keine zufriedenstellende Antwort. Wir können nur hoffen, dass es eben nicht „einen Eichmann in jedem von uns“ gibt.

Das „radikal Böse“ nach Kant, ist die Neigung und Versuchung in der menschlichen Natur, Böses zu tun. Sie schreiben dazu „Niemand will böse sein, und jene, die trotzdem böse handeln, fallen in ein „absurdum morale“, in moralische Absurdität. Der, der das tut, befindet sich eigentlich im Widerspruch mit sich selbst, mit seinem eigenen Verstand und muss sich deshalb, in Kants Worten, selbst verachten.“ Wir ersticken regelrecht in Selbstverachtung. Tagtäglich ersticken wir am Kant’schen „faulen Fleck“ in der menschlichen Natur: der Verlogenheit, dem Vermögen zu lügen. Trauriger weise beginnen wir wieder damit bei dem Selbst. Denn das Selbst ist in jedes Zentrum gerückt. Unser selbst willen lieben wir unseren nächsten und unser selbst willen tun wir nichts, was wir nicht wollen, dass man es uns antut.

Wo anfangen und wo aufgeben liebe Hannah Arendt? Die Bilder aus Aleppo, Nigeria, Paris, Istanbul… Sie haben sich in mancher eins Gedächtnis gebrannt. Wenn es dunkel und still wird, man die Augen schließt, sind die Bilder da… Wie richtig Sie doch bei folgender Feststellung liegen: „Gewiss, der Katalog der menschlichen Laster ist alt und inhaltsreich, doch kommt eigenartigerweise in einer Aufzählung, bei der weder Völlerei noch Faulheit fehlen, der Sadismus, das reine Vergnügen an der Erzeugung und Betrachtung von Schmerz und Leid, nicht vor, das heißt das eine Laster, das wir berechtigterweise als das Laster aller Laster bezeichnen können und das während ungezählter Jahrhunderte nur in der pornographischen Literatur und in der Maler des Abartigen bekannt war.“ Vielleicht ist der Sadismus die, nun nach einer Metamorphose existente Form des Bösen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins, dass man ihm heute nicht nur randläufig begegnet – er ist quasi allgegenwärtig!

Und dennoch, und vielleicht auch gerade deshalb, darf, ja kann ich jetzt nicht aufgeben, dem Bösen, dem Sadismus, und ihren Verfechtern das Feld zu überlassen. Gerade jetzt und eben noch viel mehr, setzte ich mich ein für Gutes, welches alles und jeden wie ein helles Licht durchflutet, sofern man ihm nur Zeit und Raum gibt. Im Koran heißt es „Wahrlich, gute Taten löschen die schlechten Taten aus.“ (11:114) Ist dieser Vers nicht auch für Sie wie ein heller Lichtblick im tiefen Dunkel? Ich schöpfe daraus soviel Kraft und soviel Energie… Täglich versuche ich in meiner kleinen Existenz das von Ihnen als „wirklich Böse“ beschriebene, welches „bei uns sprachloses Entsetzen verursacht“ zu bekämpfen; um nicht sagen zu müssen: „Dies hätte nie geschehen dürfen“.

An dieser Stelle begebe ich mich gegen Ende meines Briefes. Ich könnte hier noch eine lange Lobpreisung Ihrer Ideen und Werke auflisten. Allerdings verspüre ich aus Ihren Zeilen, dass Sie keineswegs die Sorte Frau sind, die sehr viel Wert auf derlei „Wort Geschwätz“ legt. Vielmehr möchte ich mich für die in mir durch Sie verursachte bewusste Anregung zum Denken und daraus resultierenden unablässigen Versuch „gut“ zu sein, bedanken. Wahrlich leben wir heute in einem Zeitabschnitt, in dem einem das „Böse“ sein, häufig leichter gestellt ist als umgekehrt.  Wie es aber in einem Sprichwort so schön heißt: „was zählt, ist das Schwere zu schaffen“. In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für die Anregung, das Schwere anzugehen.

 

Hochachtungsvoll

Hilal Akdeniz

 

 

 

 

 

[1] Dies ist ein fiktiver Brief, den die Autorin an die Philosophin Hannah Arendt verfasst. Darin bezieht sie sich auf die erste Vorlesung Arendt’s unter dem Titel „Some Questions of Moral Philosophy“ im Jahre 1965 an der New York School for Social Research in New York. Veröffentlicht in der Fontäne, 2017.

Es wird gejagt und in die Fresse gehauen

„Was geschehen ist, ist geschehen! Nun sind wir in Deutschland und müssen hier weitermachen. Wir müssen an das Gute glauben und dafür arbeiten!“

Dieses Zitat stammt von einer geflüchteten Journalistin, die gestern auf einem Panel mit diesen Worten ihre Rede abschloss. Wie gerne hätte man ihr gesagt: ja genau, hier ist es möglich. Hier haben wir Demokratie. Die Menschen respektieren sich und gehen zivilisiert miteinander um. Tja, nach der Wahl und vor allem nach den jüngsten Aktionen von Politikern, dem Einzug der AFD, kann man eine derartige Aussage nicht glaubwürdig an den Mann oder an die Frau vermarkten.

Gauland jagt Merkel und Nahles haut in die Fresse. Nazis besetzen das Amt des Richters und lassen Gerechtigkeit walten. Antisemiten kommen in den Bundestag. Flüchtlinge sind sowieso nicht erwünscht. Ach ja und Ausländer müssen immer noch raus. Da gibt es zwar noch die Migranten, die integriert sind und einen deutschen Pass haben, aber leider kann man das auf der Straße nicht gut unterscheiden- eventuell Symbol an die Kleidung annähen?!

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Immer Liebe und Positivismus verstreuen. Den Kindern, der Zukunft zuliebe. Ja, aber wie? Keine Nachrichten mehr sehen- alle Diskussionen meiden- ein Haus im Wald bauen- sich in Watte verstecken? Klingt teilweise verlockend aber nicht für jeden machbar. Benötigt es denn für die Besinnung der Menschen immer einer Katastrophe, Apokalypse oder eines Weltkrieges? Tja, selbst da scheint unsere Spezies keine Lektion daraus zu lernen.

Man sollte tatsächlich als erstes an unserer Diskussionskultur arbeiten. Leben und leben lassen. Reden und reden lassen. Diversität als Bereicherung achten. Wenn wir nur ein Viertel von Mevlana’s Toleranzverständnis verinnerlichen könnten… Man müsste wohl im Kindergarten mit Konzepten ansetzen, die Themenschwerpunkte Menschenrechte und Liebe beinhalten. Man kann damit nicht früh genug anfangen. Hass darf keine Fläche finden um seine Sporen zu streuen.

Ja, es scheint extrem aussichtslos und die Hassenden haben sowieso vielmehr Erfolg und Spass. Gut und nett und ehrlich sein sind irgendwie Oldschool und out. Und nichtsdestotrotz müssen wir weiter machen. Gerade deshalb und eben drum. Geht liebevoll miteinander um!

Wer die Wahl hat, hat die Qual #Wahl2017

Anlässlich der heutigen Wahl schreiben wir das Wort nicht am Freitag sondern mal am Sonntag. Heute haben alle Wahllokale geöffnet. Wer also nicht vorher per Briefwahl gewählt hat der sollte, lieber schneller als „mach ich gleich“, ins Lokal huschen.

Die Wahl 2017 hat irgendwie so ihre Tücken, finde ich. Auf der einen Seite haben wir zwei Kanzlerkandidat*innen, die sich im TV Duell so geähnelt haben und so harmonisch waren, dass es mehr von einem Duett hatte als von einem Duell. Auf der anderen Seite haben wir eine riesengroße braune Lawine die droht, über das Land zu rollen. Zwar versuchte Frau von der Leyen noch am Freitag beim Frühstück beim MoMa im ARD zu beruhigen und sagte, dass die AFD wohl in den Bundestag einziehe aber da ihr jegliche Inhalte zu Bildung und Rente fehle, werden wohl die populistischen Wähler dann wach werden und es hätte sich dann mit der AFD ausgeträumt. Das mag vielleicht so schon zutreffen aber vier Jahre AFD, was heisst das für uns? Vier Jahre bedeutet komplett Grundschule, Grundstufe auf dem Gymnasium oder Ankommen in Deutschland- Asyl beantragen und abgeschoben werden ohne das Land kennenzulernen oder der Sprache irgendwie mächtig zu sein. Vier Jahre Traumphase sind definitiv zu lange.

Auf der anderen Seite haben wir im internationalen Diskurs solch eine „bad Karma“ Konstellation- im Mittelalter hätte man von  schlechten Sternkonstellationen gesprochen. Wer weiß, ob jetzt nicht doch demnächst der 3. Weltkrieg einbricht, oder so viele Menschen wegen Folter, Hunger und Krankheit sterben, weil wir unser Grundrecht an Leben nicht teilen wollen. Es sieht im Gesamtkontext nicht gut um die Welt aus! Gerade deshalb müssen wir wohl umso mehr Einsatz für Demokratie und Menschenrechte bringen- nicht nur so als Hobby sondern in Form von Lebensphilosophie. Caroline Emcke sagte dazu mal in einem Vortrag:“ unsere Freiheit und Rechte werden nicht weniger, wenn wir diese auch für andere verlangen und gelten lassen“. Wie wahr!

Wir sind unserer bürgerlichen Pflicht nachgegangen, haben von unserem demokratischen Recht Gebrauch gemacht und waren wählen, bitte tut das auch! #gehtwählen #wahl2017 #BTW17 #Bundestagswahl #Merkel #Schulz #Deutschland

Schreibst du noch, oder tippst du schon?!

Ganz ehrlich- wann habt ihr zuletzt einen Brief geschrieben oder bekommen? Mit Brief meine ich einen echten- so richtigen Brief, auf Papier per Hand geschrieben, mit einem Stift. Die meisten wahrscheinlich schon vor sehr sehr langer Zeit! Schade eigentlich…

Briefe haben so etwas persönliches. Sie sind vertraulich und voller Emotionen. Man teilt einen besonderen Moment mit einer speziellen Person. Eigentlich verewigt man dann auch gewisse Ereignisse und Gefühle. Manchmal sind Briefe auch wie Weine- mit der Zeit werden sie so richtig gut, der Genuss kommt also erst wesentlich später.

Für Menschen, die weder Absender noch Empfänger eines Briefes sind, haben diese immer eine anziehende Kraft. Jahre später, wenn manche von ihnen veröffentlicht werden entlocken sie beim Leser voyeuristische Gelüste. Man liest einen Brief, obwohl man doch weiß, dass er nicht für uns bestimmt war und ergötzt sich ein Stück weit daran.

Briefe lehren eigentlich Verfasser und Empfänger die Geduld. Die Geduld etwas zu empfangen und die Geduld eine Antwort auf das Geschriebene zu bekommen. In unserer heutigen Zeit eine Gabe, die stark vom Aussterben bedroht ist, wo doch alles nur einen Touch entfernt ist. Wir haben keine Geduld mehr. Schade eigentlich… Denn manches gewinnt an Bedeutung und Wert, wenn man darin Zeit investiert!

Ich habe vor kurzem einen Brief von Katharine Branning erhalten, völlig überraschend. Ich kann die Freude, die mir die Zeilen gemacht haben nicht beschreiben. Ich habe ihr geantwortet und auch das Verfassen des Briefes hat mich tatsächlich erfüllt und mir eine wunderbare Freude bereitet. Eigentlich habe ich viele Freunde in Deutschland, ja selbst in Frankfurt, denen ich ab und zu einen Brief schreiben könnte- wieso haben wir denn so eine schöne Tätigkeit verkommen lassen?

Wann habt ihr das letzte mal einen Brief geschrieben oder bekommen? Wenn ihr euch denkt „schon vor einer halben Ewigkeit?“ dann schreibt doch wiedermal, statt immer zu tippen….

 

Bild: Jean Raoul (1677-1734). Der Brief. Louvre, Paris.

DAS MUSS ICH LOSWERDEN

Ich habe einen Vorsatz gefasst: ich werde ab sofort Dinge, die mir gut tun, öfter machen! Mehr Kaffee, mehr Freude, mehr tiefgründige Gespräche, mehr reisen zum Beispiel. Darunter fällt auch die Rubrik „Schreiben“. Dabei geht es mir nicht um das Gelesen-werden sondern lediglich das Schreiben. Es ist für mich wie Yoga, oder für manch einen das Shoppen. Es entspannt ungemein und letztendlich hat man es dann auch schwarz auf weiss. Ergo- ich werde versuchen regelmäßig zu schreiben. Freitags ist ein guter Tag für solch eine Aktivität: die Workloads der Woche sind erledigt und das Wochenende steht bevor. So werde ich also quasi als „Wort zum Freitag“ freitags immer wieder etwas loswerden.

Da hat sich in letzter Zeit auch soviel Material angestaut. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Frühling und den Sommer gesammelt. Habe neues ausprobiert, halbe Sachen abgeschlossen, meine Grenzen abcheckt und neue ausprobiert und vieles dazugelernt. Nach meiner „Schreib-Brache“, meinem sabbatical, freue ich mich wirklich wieder darauf. Es steht ein strammer Herbst und anspruchsvoller Winter bevor. Viele Veranstaltungen und Konferenzen, auf die ich jetzt schon gespannt bin. Was ich denn diesmal wieder mitnehmen darf, obwohl doch eigentlich alle erwarten, dass sie von mir etwas mitnehmen werden? Nein, ich denke es ist jedesmal ein gegenseitiges geben und nehmen. Denn jeder Kommentar, jede Anregung, Kritik oder Frage verändert etwas in einem, man überdenkt oder -arbeitet etwas, und das ist gut, finde ich!

Ich habe mir übrigens auch vorgenommen wieder zu malen und kreativ zu werden. Eigentlich will ich auch ab und zu wieder mal was häkeln oder stricken. Aber am konsequentesten werde ich es mit dem Schreiben nehmen. Ohne wenn und aber sollte diese Königsdisziplin sitzen. Denn irgendwie ist das dann wie eine Verkümmerung der Worte, der inneren Stimme, die man kurz vor dem Anfang zum Schreiben immer so laut aus sich sprechen hört. Meine Stimme hat es zum Glück lange genug mit mir ausgehalten. Sie hat mir immer wieder interessante, amüsante und nachdenkliche Sätze zugeflüstert. Ich aber habe zwar auf sie gehört aber nicht geschrieben. Ähnlich wie beim Fasten- man sitzt vor dem Teller mit Suppe, der Tisch ist gedeckt, der Hunger hat überdimensionale Formate angenommen, aber dennoch wartet man voller Geduld auf den Ruf des Muezzin, denn es ist noch nicht soweit. Und dann, wenn es soweit ist, schmeckt der erste Löffel unbeschreiblich köstlich. Und so ist es jetzt bei mir mit dem Schreiben- es ist nun soweit….

Das muss ich loswerden…

#Muttertagswunsch

Der Hashtag #Muttertagswunsch geht nun seit einiger Zeit durch unsere sozialen Netzwerke. Viele zeigen, dass unsere Bedürfnisse, Wünsche und Hindernisse gleicher Natur sind, das heißt Übernational und -konfessionell. Es ist schwierig neue Wege und Modelle zu finden. Insbesondere in Zeiten von Wandel und Krisen. Wir sind auf der Suche nach Formeln und Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nach Förder- und Erziehungsmodellen für Kindern von Vollerwerbstätigen Müttern. Wo aber ist der Stand der Entwicklung? Manchmal schon auf dem Mond und manchmal im dunkelsten Mittelalter!

Hier sind einige #Muttertagswunsch Ideen, die mir heute am Muttertag 2017 spontan einfallen und die ich jetzt hier gerne bloggen möchte. Ich wünsche allen einen wunderschönen Tag mit ihren Liebsten. Ich wünsche aber auch allen anderen Frauen, die nicht Mütter sind einen schönen Tag, denn Mutter sein ist zwar wunderschön aber nicht das einzige Format womit Frau sich definiert und was sie ausmacht!

Insbesondere möchte ich auf alle Frauen in türkischen Gefängnissen aufmerksam machen, die unschuldig verhaftet sind! Derzeit befinden sich ca. 17.000 Frauen und 500 Kinder in Haft (seit 7/17) unter inhumanen Zuständen und auf unabsehbare Zeit. Dieses Leid findet kaum Gehör!

Aus Protest werde ich persönlich heute davon absehen wunderschöne, idyllische Geschenk- und Kuchenfotos zu teilen. Ich solidarisiere mich mit allen, die heute nicht mit ihren Kindern und in Freiheit feiern!

Hier nun die Liste:

  1. Ich wünsche mir, dass alle unschuldig inhaftierten Mütter entlassen werden
  2. Ich wünsche mir, dass ich als Frau später nicht für die Entscheidung zur Mutterschaft bestraft werde mit Armut
  3. Ich wünsche mir den gleichen Lohn wie mein Kollege und Barrierefreiheit auch für Frauen mit Kopftuch
  4. Ich wünsche mir einen ausserschulischen Betreuungsplatz
  5. Ich wünsche mir wesentlich mehr Geld und Personal für Kinder und Erziehung
  6. Ich wünsche mir, nicht zwischen Beruf und Kinderwunsch entscheiden zu müssen
  7. Ich wünsche mir, dass es nicht mehr heisst „nur“ Hausfrau und Mutter
  8. Ich wünsche mir die Würdigung von Care-Arbeit
  9. Ich wünsche mir, dass Hausarbeit nicht verweiblicht wird
  10. Ich wünsche mir würdevollen Umgang mit Gefangenen
  11. Ich wünsche mir, dass Frauen Männern nicht die Gelegenheit des „Vater-seins“ nehmen
  12. Ich wünsche mir, dass wir unsere Natur für die Menschen, die nach uns kommen schützen und bewahren können
  13. Ich wünsche mir, dass Kinder keinen Hunger und Krieg leiden müssen
  14. Ich wünsche mir ein weltweites Waffenverbot
  15. Ich wünsche mir Demokratie für alle
  16. Ich wünsche mir die Achtung der Menschenrechte überall auf der Welt
  17. Ich wünsche mir für Familien humanere Arbeitszeiten
  18. Ich wünsche mir, dass Frauen nicht auf ihre Sexualität und ihre Körper reduziert werden
  19. Ich wünsche mir, dass die muslimische Community ihren Frauen die Rechte einräumt, die ihnen bereits von Gott gegeben sind
  20. Ich wünsche mir unendlich viel Kraft und Ausdauer bis zu meinem letzten Atemzug für die Verwirklichung dieser und der Wünsche anderer Frauen einstehen zu können!

TO BE CONTINUED….

Türkei: 15.07.2016- 15.04.2017

Ganze neun Monate sind seit dem inszenierten Putschversuch in der Türkei vergangenen. Die Brut der vergangenen Monate wird sich morgen nach dem Referendum zeigen. Manche Prognosen gehen von einem Kopf-an-Kopf Rennen aus, manche eher von dem Ende der Demokratie mit dem Einzug des Ein-Mann-Systems. Viel hat sich in den vergangenen Monaten ereignet. Ein immenser Rückschritt in jeglicher Rechtslage, Menschenrechtsverletzungen, Enteignungen, Entlassungen, Verhaftungen, Denunzierung…. Der Alltag der Türkei ist längst nicht mehr, Sonne, Meer und Çay… Das einst so gastfreundliche Land ist geteilt in Evet-Hayır, Gut und Böse, dafür und dagegen… Die Gesellschaft ist gespalten (sowohl in der Türkei als auch in der Diaspora). Man hat Angst offenherzig seine Meinung zu sagen, aus Angst denunziert, entlassen oder  verhaftet  zu werden. Man ist am Ende der Solidarität und Zivilcourage angekommen. Auch wenn man es nicht befürwortet, traut man sich nicht, sich dagegen zu äußern.

Gesellschaft in verschlossener Kiste

Für die Menschen in der Türkei gibt es kaum mehr die Möglichkeit für den Zugang von objektiven oder oppositionellen Medien oder Vertretern. Alles, was anders spricht, schreibt oder denkt, ist entweder stumm geschaltet, weggesperrt oder im Asyl im Ausland. Die jubelnde Masse der Erdoganisten feiert zwar dies momentan noch als Sieg, allerdings werden selbst diese relativ bald merken, dass der Konsum von Medien der Nahrungsaufnahme sehr ähnelt: wird es gleich und einseitig treten zwangsläufig Mangelschäden auf, die Krankheiten verursachen. Die hoch gejubelte Innovation, der internationale Aufschwung des Landes, die lang ergötzte Macht des Landes- ja sie bleibt aus. Kein einziges Land, welches sich einem extremen Diktator-Regime mit Isolation und Abkapselung zugewandt hat, konnte Neid erregenden Erfolg erzielen. Gerade die Türkei hätte eigentlich mit derartigen Beispielen aus den Nachbarländern viel beobachten und lernen können. Die Entwicklung zeigt allerdings, dass dem nicht der Fall ist.

 

Fehlende Solidarität und unterlassene Hilfeleistung

Egal, welcher Weltanschauung man angehört, welche politische Einstellung man vertritt oder wie man gepolt ist: es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich für die Menschheit und insbesondere für minder-Privilegierte und Bedürftige einzusetzen. Gerade in den vergangenen neun Monaten kamen nach den Schuldzuweisungen des vermeintlichen Putsches viele Kommentare wie „ihr wart doch Komplizen!“, „Das geschieht denen ganz recht“, „ich habe es doch immer gesagt, das sind Landesverräter“. Innerhalb von einer Nacht haben sich eine Unmenge von Türken und Nicht-Türken zu Türkei-Experten entpuppt. Jeder hatte eine konkrete und die einzig wahre Vorstellung und Meinung. Ein Diskussion fand nicht statt; eine Diskussion schon gar nicht! Den Leittragenden, den Opfer dieser Tragödie wurde kaum oder gar nicht Gehör verschafft. Ihr persönliches Schicksal findet keinerlei Beachtung, wie andere Missstände auf dem Globus. Der Mensch der Moderne meidet es seinen solidarischen Blick auf Bedürftige zu richten um sich in seiner eigenen Komfortzone, in seinem irdischen Paradies nicht stören zu lassen.

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An der Weggabelung

Morgen gibt es nun die letzte Gelegenheit, das Lenkrad des zum Abgrund hin rasenden Fahrzeugs umzulenken. Selbst da ist es, in Anbetracht der Situation, kaum mehr möglich unbeschadet, so wie vorher oder ganz von vorne weiterzumachen. Denn zu viele haben sich für die Misere entschieden, ihre Position und ihr Amt missbraucht, Rechtswidrigkeit billigend in Kauf genommen und den Mund nicht aufbekommen. Gerade jene, die über alles und jeden eine Meinung haben, die Zuwendung der Community und den medialen Raum haben, bevorzugten es in diesem Fall nicht der/die Expert*in sein zu müssen. Komisch nur, dass Rosinen aus dem Kuchen picken doch so salonfähig ist! Sicherlich muss das jede*r für sich entscheiden. Hilfreich wäre es allerdings sicherlich, insbesondere aus Sicht der Leidtragenden, ab und an das Knöpfchen des Gewissens anzumachen und in sich hinein zu hören. Gerade jenes Referendum, welches von immenser Bedeutung für die Zukunft des Landes ist, bei der man an einer Weggabelung steht, an der sich je nach Richtung alles völlig anders abwickeln kann, bedarf großen Mutes und Gewissenhaftigkeit. Es ist nicht die Abstimmung für oder gegen jemanden sondern für oder gegen eine Staats- und Regierungsform.

Schon Voltaire sagte im 17. Jahrhundert: „ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“. Egal nun ob man zu Voltaire steht oder nicht, Fakt ist, dass man jetzt dazu noch die Gelegenheit hat, durch die politische Partizipation morgen an der Urne in der Türkei, oder über diverse NGO’s in Deutschland,  aktiv zu wirken, die Zukunft zu gestalten. Wie könnte man hier Kant widersprechen: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben“?!

 

 

Beitragsbilder: @Ina Fassbender, @wdr