Schreibst du noch, oder tippst du schon?!

Ganz ehrlich- wann habt ihr zuletzt einen Brief geschrieben oder bekommen? Mit Brief meine ich einen echten- so richtigen Brief, auf Papier per Hand geschrieben, mit einem Stift. Die meisten wahrscheinlich schon vor sehr sehr langer Zeit! Schade eigentlich…

Briefe haben so etwas persönliches. Sie sind vertraulich und voller Emotionen. Man teilt einen besonderen Moment mit einer speziellen Person. Eigentlich verewigt man dann auch gewisse Ereignisse und Gefühle. Manchmal sind Briefe auch wie Weine- mit der Zeit werden sie so richtig gut, der Genuss kommt also erst wesentlich später.

Für Menschen, die weder Absender noch Empfänger eines Briefes sind, haben diese immer eine anziehende Kraft. Jahre später, wenn manche von ihnen veröffentlicht werden entlocken sie beim Leser voyeuristische Gelüste. Man liest einen Brief, obwohl man doch weiß, dass er nicht für uns bestimmt war und ergötzt sich ein Stück weit daran.

Briefe lehren eigentlich Verfasser und Empfänger die Geduld. Die Geduld etwas zu empfangen und die Geduld eine Antwort auf das Geschriebene zu bekommen. In unserer heutigen Zeit eine Gabe, die stark vom Aussterben bedroht ist, wo doch alles nur einen Touch entfernt ist. Wir haben keine Geduld mehr. Schade eigentlich… Denn manches gewinnt an Bedeutung und Wert, wenn man darin Zeit investiert!

Ich habe vor kurzem einen Brief von Katharine Branning erhalten, völlig überraschend. Ich kann die Freude, die mir die Zeilen gemacht haben nicht beschreiben. Ich habe ihr geantwortet und auch das Verfassen des Briefes hat mich tatsächlich erfüllt und mir eine wunderbare Freude bereitet. Eigentlich habe ich viele Freunde in Deutschland, ja selbst in Frankfurt, denen ich ab und zu einen Brief schreiben könnte- wieso haben wir denn so eine schöne Tätigkeit verkommen lassen?

Wann habt ihr das letzte mal einen Brief geschrieben oder bekommen? Wenn ihr euch denkt „schon vor einer halben Ewigkeit?“ dann schreibt doch wiedermal, statt immer zu tippen….

 

Bild: Jean Raoul (1677-1734). Der Brief. Louvre, Paris.

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DAS MUSS ICH LOSWERDEN

Ich habe einen Vorsatz gefasst: ich werde ab sofort Dinge, die mir gut tun, öfter machen! Mehr Kaffee, mehr Freude, mehr tiefgründige Gespräche, mehr reisen zum Beispiel. Darunter fällt auch die Rubrik „Schreiben“. Dabei geht es mir nicht um das Gelesen-werden sondern lediglich das Schreiben. Es ist für mich wie Yoga, oder für manch einen das Shoppen. Es entspannt ungemein und letztendlich hat man es dann auch schwarz auf weiss. Ergo- ich werde versuchen regelmäßig zu schreiben. Freitags ist ein guter Tag für solch eine Aktivität: die Workloads der Woche sind erledigt und das Wochenende steht bevor. So werde ich also quasi als „Wort zum Freitag“ freitags immer wieder etwas loswerden.

Da hat sich in letzter Zeit auch soviel Material angestaut. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Frühling und den Sommer gesammelt. Habe neues ausprobiert, halbe Sachen abgeschlossen, meine Grenzen abcheckt und neue ausprobiert und vieles dazugelernt. Nach meiner „Schreib-Brache“, meinem sabbatical, freue ich mich wirklich wieder darauf. Es steht ein strammer Herbst und anspruchsvoller Winter bevor. Viele Veranstaltungen und Konferenzen, auf die ich jetzt schon gespannt bin. Was ich denn diesmal wieder mitnehmen darf, obwohl doch eigentlich alle erwarten, dass sie von mir etwas mitnehmen werden? Nein, ich denke es ist jedesmal ein gegenseitiges geben und nehmen. Denn jeder Kommentar, jede Anregung, Kritik oder Frage verändert etwas in einem, man überdenkt oder -arbeitet etwas, und das ist gut, finde ich!

Ich habe mir übrigens auch vorgenommen wieder zu malen und kreativ zu werden. Eigentlich will ich auch ab und zu wieder mal was häkeln oder stricken. Aber am konsequentesten werde ich es mit dem Schreiben nehmen. Ohne wenn und aber sollte diese Königsdisziplin sitzen. Denn irgendwie ist das dann wie eine Verkümmerung der Worte, der inneren Stimme, die man kurz vor dem Anfang zum Schreiben immer so laut aus sich sprechen hört. Meine Stimme hat es zum Glück lange genug mit mir ausgehalten. Sie hat mir immer wieder interessante, amüsante und nachdenkliche Sätze zugeflüstert. Ich aber habe zwar auf sie gehört aber nicht geschrieben. Ähnlich wie beim Fasten- man sitzt vor dem Teller mit Suppe, der Tisch ist gedeckt, der Hunger hat überdimensionale Formate angenommen, aber dennoch wartet man voller Geduld auf den Ruf des Muezzin, denn es ist noch nicht soweit. Und dann, wenn es soweit ist, schmeckt der erste Löffel unbeschreiblich köstlich. Und so ist es jetzt bei mir mit dem Schreiben- es ist nun soweit….

Das muss ich loswerden…

#Muttertagswunsch

Der Hashtag #Muttertagswunsch geht nun seit einiger Zeit durch unsere sozialen Netzwerke. Viele zeigen, dass unsere Bedürfnisse, Wünsche und Hindernisse gleicher Natur sind, das heißt Übernational und -konfessionell. Es ist schwierig neue Wege und Modelle zu finden. Insbesondere in Zeiten von Wandel und Krisen. Wir sind auf der Suche nach Formeln und Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nach Förder- und Erziehungsmodellen für Kindern von Vollerwerbstätigen Müttern. Wo aber ist der Stand der Entwicklung? Manchmal schon auf dem Mond und manchmal im dunkelsten Mittelalter!

Hier sind einige #Muttertagswunsch Ideen, die mir heute am Muttertag 2017 spontan einfallen und die ich jetzt hier gerne bloggen möchte. Ich wünsche allen einen wunderschönen Tag mit ihren Liebsten. Ich wünsche aber auch allen anderen Frauen, die nicht Mütter sind einen schönen Tag, denn Mutter sein ist zwar wunderschön aber nicht das einzige Format womit Frau sich definiert und was sie ausmacht!

Insbesondere möchte ich auf alle Frauen in türkischen Gefängnissen aufmerksam machen, die unschuldig verhaftet sind! Derzeit befinden sich ca. 17.000 Frauen und 500 Kinder in Haft (seit 7/17) unter inhumanen Zuständen und auf unabsehbare Zeit. Dieses Leid findet kaum Gehör!

Aus Protest werde ich persönlich heute davon absehen wunderschöne, idyllische Geschenk- und Kuchenfotos zu teilen. Ich solidarisiere mich mit allen, die heute nicht mit ihren Kindern und in Freiheit feiern!

Hier nun die Liste:

  1. Ich wünsche mir, dass alle unschuldig inhaftierten Mütter entlassen werden
  2. Ich wünsche mir, dass ich als Frau später nicht für die Entscheidung zur Mutterschaft bestraft werde mit Armut
  3. Ich wünsche mir den gleichen Lohn wie mein Kollege und Barrierefreiheit auch für Frauen mit Kopftuch
  4. Ich wünsche mir einen ausserschulischen Betreuungsplatz
  5. Ich wünsche mir wesentlich mehr Geld und Personal für Kinder und Erziehung
  6. Ich wünsche mir, nicht zwischen Beruf und Kinderwunsch entscheiden zu müssen
  7. Ich wünsche mir, dass es nicht mehr heisst „nur“ Hausfrau und Mutter
  8. Ich wünsche mir die Würdigung von Care-Arbeit
  9. Ich wünsche mir, dass Hausarbeit nicht verweiblicht wird
  10. Ich wünsche mir würdevollen Umgang mit Gefangenen
  11. Ich wünsche mir, dass Frauen Männern nicht die Gelegenheit des „Vater-seins“ nehmen
  12. Ich wünsche mir, dass wir unsere Natur für die Menschen, die nach uns kommen schützen und bewahren können
  13. Ich wünsche mir, dass Kinder keinen Hunger und Krieg leiden müssen
  14. Ich wünsche mir ein weltweites Waffenverbot
  15. Ich wünsche mir Demokratie für alle
  16. Ich wünsche mir die Achtung der Menschenrechte überall auf der Welt
  17. Ich wünsche mir für Familien humanere Arbeitszeiten
  18. Ich wünsche mir, dass Frauen nicht auf ihre Sexualität und ihre Körper reduziert werden
  19. Ich wünsche mir, dass die muslimische Community ihren Frauen die Rechte einräumt, die ihnen bereits von Gott gegeben sind
  20. Ich wünsche mir unendlich viel Kraft und Ausdauer bis zu meinem letzten Atemzug für die Verwirklichung dieser und der Wünsche anderer Frauen einstehen zu können!

TO BE CONTINUED….

Türkei: 15.07.2016- 15.04.2017

Ganze neun Monate sind seit dem inszenierten Putschversuch in der Türkei vergangenen. Die Brut der vergangenen Monate wird sich morgen nach dem Referendum zeigen. Manche Prognosen gehen von einem Kopf-an-Kopf Rennen aus, manche eher von dem Ende der Demokratie mit dem Einzug des Ein-Mann-Systems. Viel hat sich in den vergangenen Monaten ereignet. Ein immenser Rückschritt in jeglicher Rechtslage, Menschenrechtsverletzungen, Enteignungen, Entlassungen, Verhaftungen, Denunzierung…. Der Alltag der Türkei ist längst nicht mehr, Sonne, Meer und Çay… Das einst so gastfreundliche Land ist geteilt in Evet-Hayır, Gut und Böse, dafür und dagegen… Die Gesellschaft ist gespalten (sowohl in der Türkei als auch in der Diaspora). Man hat Angst offenherzig seine Meinung zu sagen, aus Angst denunziert, entlassen oder  verhaftet  zu werden. Man ist am Ende der Solidarität und Zivilcourage angekommen. Auch wenn man es nicht befürwortet, traut man sich nicht, sich dagegen zu äußern.

Gesellschaft in verschlossener Kiste

Für die Menschen in der Türkei gibt es kaum mehr die Möglichkeit für den Zugang von objektiven oder oppositionellen Medien oder Vertretern. Alles, was anders spricht, schreibt oder denkt, ist entweder stumm geschaltet, weggesperrt oder im Asyl im Ausland. Die jubelnde Masse der Erdoganisten feiert zwar dies momentan noch als Sieg, allerdings werden selbst diese relativ bald merken, dass der Konsum von Medien der Nahrungsaufnahme sehr ähnelt: wird es gleich und einseitig treten zwangsläufig Mangelschäden auf, die Krankheiten verursachen. Die hoch gejubelte Innovation, der internationale Aufschwung des Landes, die lang ergötzte Macht des Landes- ja sie bleibt aus. Kein einziges Land, welches sich einem extremen Diktator-Regime mit Isolation und Abkapselung zugewandt hat, konnte Neid erregenden Erfolg erzielen. Gerade die Türkei hätte eigentlich mit derartigen Beispielen aus den Nachbarländern viel beobachten und lernen können. Die Entwicklung zeigt allerdings, dass dem nicht der Fall ist.

 

Fehlende Solidarität und unterlassene Hilfeleistung

Egal, welcher Weltanschauung man angehört, welche politische Einstellung man vertritt oder wie man gepolt ist: es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich für die Menschheit und insbesondere für minder-Privilegierte und Bedürftige einzusetzen. Gerade in den vergangenen neun Monaten kamen nach den Schuldzuweisungen des vermeintlichen Putsches viele Kommentare wie „ihr wart doch Komplizen!“, „Das geschieht denen ganz recht“, „ich habe es doch immer gesagt, das sind Landesverräter“. Innerhalb von einer Nacht haben sich eine Unmenge von Türken und Nicht-Türken zu Türkei-Experten entpuppt. Jeder hatte eine konkrete und die einzig wahre Vorstellung und Meinung. Ein Diskussion fand nicht statt; eine Diskussion schon gar nicht! Den Leittragenden, den Opfer dieser Tragödie wurde kaum oder gar nicht Gehör verschafft. Ihr persönliches Schicksal findet keinerlei Beachtung, wie andere Missstände auf dem Globus. Der Mensch der Moderne meidet es seinen solidarischen Blick auf Bedürftige zu richten um sich in seiner eigenen Komfortzone, in seinem irdischen Paradies nicht stören zu lassen.

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An der Weggabelung

Morgen gibt es nun die letzte Gelegenheit, das Lenkrad des zum Abgrund hin rasenden Fahrzeugs umzulenken. Selbst da ist es, in Anbetracht der Situation, kaum mehr möglich unbeschadet, so wie vorher oder ganz von vorne weiterzumachen. Denn zu viele haben sich für die Misere entschieden, ihre Position und ihr Amt missbraucht, Rechtswidrigkeit billigend in Kauf genommen und den Mund nicht aufbekommen. Gerade jene, die über alles und jeden eine Meinung haben, die Zuwendung der Community und den medialen Raum haben, bevorzugten es in diesem Fall nicht der/die Expert*in sein zu müssen. Komisch nur, dass Rosinen aus dem Kuchen picken doch so salonfähig ist! Sicherlich muss das jede*r für sich entscheiden. Hilfreich wäre es allerdings sicherlich, insbesondere aus Sicht der Leidtragenden, ab und an das Knöpfchen des Gewissens anzumachen und in sich hinein zu hören. Gerade jenes Referendum, welches von immenser Bedeutung für die Zukunft des Landes ist, bei der man an einer Weggabelung steht, an der sich je nach Richtung alles völlig anders abwickeln kann, bedarf großen Mutes und Gewissenhaftigkeit. Es ist nicht die Abstimmung für oder gegen jemanden sondern für oder gegen eine Staats- und Regierungsform.

Schon Voltaire sagte im 17. Jahrhundert: „ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“. Egal nun ob man zu Voltaire steht oder nicht, Fakt ist, dass man jetzt dazu noch die Gelegenheit hat, durch die politische Partizipation morgen an der Urne in der Türkei, oder über diverse NGO’s in Deutschland,  aktiv zu wirken, die Zukunft zu gestalten. Wie könnte man hier Kant widersprechen: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben“?!

 

 

Beitragsbilder: @Ina Fassbender, @wdr

 

Die letzte Ausgabe ZAMAN

Heute kommt die letzte Ausgabe der türkischen Tageszeitung Zaman in die Briefkästen der Abonnenten in Deutschland. In der Türkei ist sie bereits vor Monaten verstummt. Die Machtübernahme des Diktators lässt der Freien Presse keinen Raum. Sehr wohl stimme ich den Kritiken man hätte Fehler gemacht, müsste auf gewisse Sachen achten, würde jetzt die Konsequenzen tragen, zu. Dennoch plädiere ich auf Anstand und Verständnis, gerade heute! Denn es ist ihr letzter Tag…

Meine Bekanntschaft mit der Zaman beruhte auf einem langjährigen Abo. Wie viele andere war ich von der Publikationsphilosophie überzeugt- Nachrichten, die unverfälscht, familienfreundlich und objektiv sind. Mehr oder weniger durch Zufall ergab sich unsere Exkursion zur Zeitung für das Seminar „Soziologie und Beruf“und quasi wie im Film bekam ich mein Jobangebot vom damaligen Chefredakteur Mahmut Cebi. Das fühlte sich damals wie ein 6-er im Lotto an, zumal ich ja im Seminar über die Gefahr von Arbeitslosigkeit von Soziologen so viel gehört hatte. Dumm wäre ich gewesen, dieses Angebot nicht anzunehmen. So begann meine bisher spannendste, intensivste und oft an meine zuvor unbekannten Grenzen bringende Reise bei Zaman…

Ich kam in ein Team von türkisch-stämmigen Journalisten die alle männlich und in der Türkei sozialisiert waren. Ihr Lebensmittelpunkt war ihr Beruf und ihre Zeitung. Wie schwer tat sich manch einer, nun plötzlich mit einer Kollegin am Konferenztisch der Redaktion zu planen. Eine, die kein einwandfreies türkisch sprach, zwar sehr türkisch aussah aber so ganz und gar deutsch war… Wie schwer tat sich diese junge Frau, die zu Hause mittlerweile ein Kleinkind und ein Säugling hatte und mit brechen und biegen allen beweisen wollte, dass aus ihr eine gute, ja sogar sehr gute Journalistin werden kann. Ganz unerwartet wurde alles gut. Man kann es sich kaum vorstellen aber, selbst die Alpha-Männchen nahmen mich im Rudel auf. Ich erfuhr im Team Respekt und, wenn auch nicht immer offenherzig, Anerkennung. Es wurden weitere Frauen im Team aufgenommen. Ich wurde Initiatorin der Medienakademie und lernte viele viele junge Menschen kennen, die den Beruf Journalismus näher kennenlernen konnten. Journalismus ist eine Art Virus. Wenn man damit in Berührung kommt, ist man Lebenslang  damit infiziert. Ich arbeite nun schon seit 2 Jahren nicht mehr bei Zaman (wir gehörten damals zur ersten Welle der entlassenen Mitarbeiter, als die Krise sich bemerkbar machte), dennoch gibt es immer wieder Geschehen und Ereignisse bei denen ich mir meine Story im Kopf für einen Artikel aufbaue. Die Glut ist nicht mehr auf den ersten Blick zu sehen aber dennoch lodert sie irgendwo tief in mir. Das wird sie wohl immer.

Zaman hat leider auch in Deutschland die Krise nicht überstanden. Zu stark reicht des Diktators Arm in alle Winkel und Ecken der türkischen Diaspora, geschweige denn in die eigentliche Heimat. Einst war Zaman eine renommierte Tageszeitung, die durch ihre tolerante und intellektuelle Haltung mittels ihrer Leserschaft aus allen Gesinnungen und Richtungen zur auflagenstärksten wurde.

Es schmerzt einen derartigen Text zu verfassen…. Es ist ein Abschied, ähnlich wie von einem geliebten Menschen… Zaman hat mich vieles gelehrt, mir verholfen Hoffnung zu haben, Hoffnung für viele andere Menschen und insbesondere junge Frauen zu geben. Ich habe mich selber in dieser Zeit der Zeitungsarbeit sehr gut kennengelernt…Dank dieser Zeit weiß ich, was ich leisten kann und was ich lieber unterlassen sollte… Ich habe Menschen so süß wie Zuckerwatte und Lebensbiographien so bitter wie Bittermandeln kennengelernt…Es wäre wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Zaman mich zudem gemacht hat, wer ich heute bin…Der Abschied fällt mir schwer… An deinem Platz ist nun eine große Leere, für ungewisse Zeit…Elveda…

#Zaman #freiePresse #Grundrecht #Pressefreiheit #Elveda #heygidigünler

Auf Wiedersehen geliebter Ramadan…

Heute befinden wir uns am letzten Ramadan Tag…

Der Monat ist sichtlich zu Ende…

Auch wenn die Freude auf das Fest groß ist,

so bleibt doch ein gewisser Trennungsschmerz von dieser heiligen Zeit…

Wir werden heute Abend unser letztes Fastenbrechen unternehmen, wenn Gott will schaffen wir es in die nächste Fastenzeit. Ramadan 2016 war für mich ein Monat voller neuer Erfahrungen. Manch Vorsatz konnte realisiert werden, mancher kommt für 2017 erneut auf meine Agenda. Alles in allem bin ich doch ziemlich erleichtert. Das Wetter hat sehr gut mitgeholfen, es war überwiegend erfrischend kühl. Ein richtiger Segen, wenn man bedenkt, dass die Tage definitiv nicht kürzer wurden. Ich hatte mich bewusst aus dem aktuellen Geschehen so weit wie möglich zurückgehalten, auch das habe ich, besser als vermutet, eingehalten. Ich hatte mir als Ziel gesetzt nichts kommerzielles für mich zu kaufen, das habe ich auch geschafft. Der Wunsch einige Kilos loszuwerden konnte zum Glück auch realisiert werden.

Den Vorsatz gar nichts wegzuschmeißen habe ich leider nicht geschafft. Spätestens 2017 werde ich diesen Vorsatz erneut in Angriff nehmen. Ich habe zwar wirklich versucht so wenig wie möglich zu kochen, aber ab der Hälfte wurden unsere Mägen ziemlich klein.

Auch das Tarawih Gebet habe ich leider nicht jede Nacht geschafft- das ist auch ein bleibender Vorsatz.

An 8 Abenden haben 34 Personen gemeinsam mit uns Iftar gemacht. An drei Abenden haben wir an gemeinsamen Fastenbrechen teilgenommen. In Anbetracht von „spät-Schulkinder- Nachbarschaft“ lässt sich das Ergebnis wirklich sehen, denke ich.

Summa summarum können wir zufrieden sein. Nichtsdestotrotz ist eine gewisse Trauer in mir. Diese ist nicht zwangsläufig an ein Stockholmer Syndrom verknüpft. Nein, wir fühlen uns diesem Monat nicht verbunden weil er uns peinigt und bloß stellt. Vielmehr sind wir, wenn auch für einen kurzen Moment ganz klar und wach gewesen, konnten wichtiges von unwichtigem, Dankbarkeit von Undankbarkeit, Vergänglichkeit von Ewigkeit auseinander halten. Nun haben wir Angst, dass wir sie wohl nicht mehr bewahren können, diese Gabe…

In diesem Sinne beten wir heute, an Arefe,  1000 Ihlas, besuchen die Grabstätten, besinnen uns am letzten Iftar, danken für all jene Gaben, die unser privilegiertes Leben so sehr bereichern…

Elveda ya Sehr-i Ramazan

#Istanbul

Gestern Nacht wurde der Atatürk Flughafen in Istanbul  Ziel eines Terrorangriffs. Details, Bilder, Mutmaßungen und Kommentare schwirren im Netz. Man schätzt 36 Tote und 147 Verletzte…

Was man dazu noch hinzufügen kann? Wohl nicht viel, denn für die Verstorbenen und die Hinterbliebenen ist man an dem Punkt, wo es nichts mehr zu sagen gibt…

Unendliche Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit, Trauer…

Und an einigen Punkten komme ich dennoch nicht vorbei:

  1. Wie bewerkstelligen es Kreaturen im Fastenmonat Ramadan, in dem sie sich doch umgehendst auf ihren persönlichen Mikrokosmos, auf  die Beziehung „Ich und mein Schöpfer“ fokussieren sollten, eine derartige Gräueltat verüben? Ergo- für mich sind das keine Muslime! Nicht mal Mensch kann eine zutreffende Bezeichnung sein…
  2. Wie schafft man es, in einen als einer der sichersten Flughäfen Europas bekannten Ort, Waffen einzuschmuggeln? Was macht eigentlich MIT (Geheimdienst der Türkei)? Wie können drei Selbstmordattentäter so unbemerkt ihre Tat vollbringen? Hatte der Sultan es nicht versprochen bei seiner Wahl würden die Anschläge und Opferzahlen sinken? Seit 2015 sind hunderte Menschen gestorben, es vergeht kein Tag ohne Tote, wieso schweigt die Mehrheit, erhebt eure Köpfe aus dem Sand!
  3. Wieso sperrt die türkische Regierung sofort nach dem Anschlag soziale Medien und verlangsamt das Internet im gesamten Land? Werden durch diese Maßnahme die Opferzahlen geringer? Wird die gesamte Welt nicht sowieso davon erfahren oder wer oder was könnte dadurch einen Nutzen ziehen?
  4. Wie kann man nach Bekanntgabe des Anschlags und der ersten Opferzahlen in der Nacht noch einen Beschluss zum Gesetz im türkischen Kabinett verabschieden? Hat das in diesem Fall nicht Zeit oder benötigt man gerade dieses Chaos um gewisse Sachen ohne viel Aufsehen zu erledigen?
  5. Ein Video war gestern noch im Netz zu sehen (mittlerweile wurde es scheinbar entfernt- Grund unbekannt???). Zu sehen ist einer der Attentäter, der von einem Polizisten bemerkt wird und beim Versuch zu stoppen, am Bein angeschossen wird. Er liegt für einige Minuten am Boden, die Menschen um ihn herum fliehen. Kurz darauf sprengt er sich selbst in die Luft. Man sieht nur ein helles Licht und darauf Fetzen die durch die Luft schießen. Dieser Mann hätte noch die Gelegenheit gehabt für Reue, Neuanfang, Kapitulation, Sühne, Büße… Jetzt hat er nichts mehr davon. Wieso befindet man sich in solch einem Dilemma? Was macht aus einen Menschen ein solches Monster? Wo haben wir versagt?
  6. Shame on you!!! Taxifahrer sollen gestern Nacht am Flughafen, als die Krankenwagen nicht mehr ausgereicht haben, perverse Summen von Opfern verlangt haben. In Brüssel fuhren die Kollegen ohne Entgelt. Wenn das stimmen sollte, kann man für die Türkei nur noch beten, denn das gesellschaftliche Klima, Mitgefühl und Empatievermögen scheint sichtlich getrübt zu sein… Aus der Not den Profit schlagen- dazu fehlen einem nur die Worte..

Den Verstorbenen wünsche ich Gottes Segen und Gnade, den Hinterbliebenen viel Geduld und Stärke

 

Bildquellen aus dem Netz:

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Ramadan kareem 2016

Weltweit fasten Millionen Menschen im Monat Ramadan. Und ja, sie essen nicht nur bis Sonnenuntergang- sie dürfen auch nichts trinken 🙂 Und nein, die Fastenden sind nicht kurz davor den Löffel abzugeben sondern erleben zeitweilen ihre kleinen Nirwanas. Für all jene, die es nicht ganz glauben: lasst euch zum Iftar/Fastenbrechen einladen und macht doch den Selbstversuch… Hier einige Zeilen zu meinem ersten Tag im Ramadan 2016…

Endlich ist er da, der langersehnte, Ruhe und Frieden stiftende Monat, Ramadan… Ich muss sagen, ich freue mich dieses Jahr ganz besonders auf die Fastenzeit. Höchstwahrscheinlich weil ich noch nie so dermaßen müde und zerstreut von den Ereignissen der Weltgeschichte war. Ständig passiert irgendwo auf dieser Welt ein Leid und Elend, wessen Zuschauer wir alle werden, und ein kollektives Schulterzucken uns zu unserem egoistischen, mit Wohlstand gezückten Alltag überleitet. Ich habe mir vorgenommen dieses Jahr komplett zu fasten: nicht nur Essen und Getränke werden reduziert sondern auch alles andere an Unfug und Zeitverschwendung- ich wünsche mir wirklich innig, dass ich es dieses Jahr schaffe.

Für meinen ersten Fastentag habe ich mir vorgenommen meinen Tagesablauf zu dokumentieren. Ich habe schon seit geraumer Zeit eine Schreibblockade. Die Nachrichten auf meiner Timeline lassen alles, worüber ich mich schriftlich ablasse einfach nichtig und banal erscheinen. Nicht so zum Thema Ramadan. Die Zeilen fließen gerade so… Es wird für viele von uns eine nicht ganz so einfache Zeit, die Tage sind lang und heiß. In manchen Teilen dieser Welt fastet man länger als 20 Stunden! Nichtsdestotrotz ist es dennoch ein ganz besonderes Gebet, denn es ist ein zeitgleich, ein monatiges, globales und kollektives Gebet… Mögen die Gebete der frömmsten unter uns erhört werden und unsere in die derer eingegliedert…. In diesem Sinne #HappyRamadan2016

 

03:00 Aufwachen zum Essen/Sahur 

Ich stehe leichter auf als erwartet. Muss wohl eine Leichtschlafphase erwischt haben. Dass dem nicht immer so sein wird in den kommenden nur noch 29 Tagen weiß ich sehr genau! Doof ist, dass ich heute alleine esse, da mein Mann beruflich unterwegs ist. Ich hasse es alleine zu essen. Dennoch stehe ich auf und mache mir etwas. Es gibt Toast, Fruchtjoghurt mit Chea-Samen, Datteln und Rosinen. Ich will zwar viel trinken aber mehr wie 2,5 Gläser schaffe ich nicht.

Ich sehe nach den Kindern, die feste schlummern.

Irgendwie ist es extrem still in der Wohnung. Mein Tinnitus macht sich unangenehm bemerkbar, ich muss etwas Lärm auffinden. Ich schalte auf YouTube ein Sahur Programm ein. Leider ist das Gespräch im Vorspann schon abgelaufen, man richtet sich nach anderen Zeitzonen, aber ich höre einer Koranrezitation zu. Bakara 240 wird gerade von vorgelesen: Diejenigen von euch, die abberufen werden, und Gattinnen zurücklassen, sollen ihren Gattinnen Versorgung für ein Jahr vermachen, ohne dass sie vertrieben werden. … In dieser Sure wird soviel zum Scheidungs- und Erbrecht vermittelt… Ich wundere mich, dass man für seine Frau im Vorfeld im Falle eines Todes für ein ganzes Jahr eine Versorgung organisieren sollte. Die wenigsten unter uns tun das wohl heute, denn wir gehen davon aus, oder verhalten uns zumindest so, als ob wir ewig leben! Die Rezitation berührt mich sehr. Ich verstehe zwar kein arabisch aber dennoch verbinde ich etwas emotionales mit dieser Sprache… Irgendwie bin ich sowieso die letzten Tage sehr nah am Wasser gebaut… Man wird wohl im Alter etwas sensibler…

04:38 Erste Anzeichen von Durst?!

Ich habe das Gebet verrichtet und tippe so vor mich hin. Es ist immer das selbe Dilemma- wenn man knapp aufsteht hat man nach dem Zähneputzen nicht mehr ausreichend Zeit noch genug zu trinken. Keine Ahnung was die Leute in die Zahnpaste reinstopfen aber nach kurzer Zeit hat man einen ganz trockenen Mund! Dem ist nun der Fall. Vor mir steht eine große Flasche Wasser aber wir zwei gehen nun für 17 Stunden getrennte Wege!

Ich habe meine Facebook App vom Smartphone gelöscht! Das Handy ist eben der tägliche permanente Begleiter und irgendwie ist es schon ein Reflex geworden die Timeline abzuchecken während man wartet, sitzt oder gar sich mit jemand unterhaltet. Mal sehen wieviel Zeit man dadurch gewinnt. Es wird mich wohl nicht komplett aus dem Geschäft der socialmedia retten können aber zumindest muss man dafür mehr Aufwand aufbringen um verbunden zu sein (via Laptop) und kann es eben nicht überall!

Habt ihr alle fest schlafenden da draußen eigentlich schon mal gehört, dass die Vögel am schönsten vor Sonnenaufgang singen? Es ist kein wildes Gezwitscher. Es ist vielmehr ein melodischer Chor! Es heißt sie sollen Allah lobpreisen. Es klingt einfach bezaubernd! Mit dem Aufgang der Sonne endet der Gesang. Nimmt euch mal die Zeit und lauscht!

08:30 Erster Anflug von Schlaf und Hunger

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ich habe seit 03:00 Uhr nicht geschlafen. In der Zwischenzeit habe ich Koran gelesen, Kinder geweckt, Frühstück und Pausenbrote vorbereitet, in Schule und Kita gebracht, ein Stückchen vorgekocht. Ich merke so allmählich Kontraktionen im Magenbereich. Für gewöhnlich gibt es nämlich jetzt ein Frühstück- heute eben aber nicht. Man muss es sich ja nicht gleich am ersten Tag verscherzen- folglich lege ich jetzt bis ich zur Uni muss eine Pause ein und schlafe erst mal ein wenig, obwohl ich genau weiss, dass ich danach ziemlich durstig aufwachen werde aber egal, man muss beim Fasten Kompromisse eingehen. Also: Stand-by-Modus an….

11:00 Aufstehen aber wie?

Ich habe überraschenderweise keinen Hunger. Aber durstig bin ich. Außerdem könnte ich eigentlich den ganzen Tag so rumliegen aber ich muss zur Uni, die Referatsgruppe wartet, hängen lassen geht nicht. Ich mache mich fertig und es dauert irgendwie ewig. Ich bin total langsam, so langsam dass ich mich selber nerve. Zum Glück schaffe ich noch den Bus. Eigentlich müsste ich umsteigen auf S- und U-Bahn. Aber irgendwie sitze ich grad gut und kann glaube ich nicht so gut unter der Erde reisen. Also bleibe ich beim Bus, obwohl der doppelt so lange braucht. Dann nutze ich die Zeit zum Lesen von einem Text. Ich lese zwar aber irgendwie dauert es ewig bis der Satz bei mir ankommt. Ich bemerke auf der dritten Seite, dass ich fast jeden Satz mit Textmarker angemalt habe- soviel zum konzentrierten Arbeiten!

13:00- 15:00 Campus: Achtung Essen und Essende

Auf dem Campus habe ich den ersten Moment der selektiven Wahrnehmung: alle sind am Essen oder sich anstellen für Essen oder aber beim zurückbringen eines bereits aufgesessenen Etwas in Form von Tablett, Teller, etc. Ich verspüre immer noch keinen Hunger, muss wohl an den Chea-Samen liegen. Aber langsam merke ich wie mein Körper für meinen Geist zu träge wird- die zwei haben scheinbar beschlossen getrennte Wege zu gehen. Mein Körper entdeckt die Langsamkeit für sich, nicht nur in puncto Mobilität sondern in allem. Damit meine ich auch alles: ich brauche wesentlich länger beim Lesen, Gehen, Sprechen, ja sogar beim Hören. Bis das Gehörte meinen Verstand erreicht ist der Absender bereits nicht mehr anwesend. Spannend! Aber im Kopf bin ich noch ganz klar, vielleicht sogar klarer als sonst. Die ganzen Abwehrmechanismen, Reizüberflutungen und pipapo sind nicht da- es ist als ob mein Geist nun eine Brille bekommen hätte und eine starke Sehschwäche kuriert wäre. Spannend!Mir ist etwas kalt, muss wohl auch mit der Nahrung, dem Koffeinmangel, Schokoentzug und was ich sonst noch so durchlebe zu tun haben.

Als ich an der Uni bin regnet es richtig stark. Es wird sofort etwas kühler, und draußen herrscht eine vorübergehende Ruhe, weil alle sich irgendwo verkrochen haben um nicht nass zu werden. Regen bedeutet immer auch Rahmet, Bereket und Segen. Ich merke, wie ich gegenüber alltäglichen Ereignissen aufmerksamer werde, dafür bin ich dankbar.

16:00 Kochen Endphase

Wir haben uns vorgenommen die Fastenzeit wirklich andächtig in vollen Zügen zu durchleben. Das heisst es gibt dieses Jahr keine Völlerei! Leider ist es tatsächlich so, dass wir Muslime zwar den ganzen Tag Enthaltsamkeit üben, diese Übung dann aber nach Sonnenuntergang auf’s massivste zerstören. Es wird gegessen wie Gott in Frankreich. Das gibt es dieses Jahr nicht. Wir sind mit der Welt solidarisch- wenn andere nicht so viel essen können, dann wollen wir es auch nicht obwohl wir es könnten. Ich baue mehrere Tage die Woche vegane Menüs ein, die Menge ist nicht übertrieben und wenn es keine Gäste gibt dann soll es auch kein komplettes Menü geben. Heute gibt es zum Glück Gäste, also: Suppe, Salat, Hauptgang und Obst zum Nachtisch.

Beim Kochen fällt mir der süßliche Geschmack in meinem Mund auf. Hatte das nicht was mit dem Blutzucker zu tun? Das problematische beim Kochen in der Fastenzeit ist, dass man nicht abschmecken kann ob man ausreichend gewürzt hat. Doof, wenn man dann am Tisch Gäste hat!

18:00 Sohbet mit Kindern

Wir haben dieses Jahr einen Ramadan-Kalender ohne Geschenke. Jeden Tag gibt es ein Hadith, ein Gebet oder einen Koranvers, der mit der heiligen Zeit in Verbindung steht. Wir unterhalten uns gemeinsam darüber und malen oder schreiben etwas zu diesem Tag in unser Ramadan-Tagebuch. Für die Kinder ist das gemeinsame und besinnliche ganz wichtig. Sie fühlen sich sichtlich wohl und äußern sich darüber, dass sie Ramadan als eine wunderbare und besondere Zeit wahrnehmen. Ich hoffe wir können dieses Tempo den ganzen Monat durchhalten.

21:37 Allahu Akbar…

Alle Vorbereitungen sind getroffen. Essen steht bereit, Tisch ist gedeckt, selbstgemachte und eiskalte Erdbeerbowle zwinkert mir schon zu. Alles perfekt. Die Gäste sind unterwegs. Ich setze mich die letzte Viertelstunde auf meinen Balkon. Ich schaue mich um auf meinem kleinen, friedlichen „Paradies“ mit Blumen, Vogelgezwitscher, Abenddämmerung und Gewissheit… Gewissheit darüber, dass ich in wenigen Minuten meinen Durst und Hunger stillen werde. Diesen sogar mit ganz vielen und unterschiedlichen Speisen stillen werde. Gewissheit darüber, dass ich heute Nacht in meinem eigenen, super bequemen Bett schlafen werde. Diese Gewissheit macht mich dankbar aber auch so unendlich traurig. Mir schießen Tränen in die Augen, denn es gibt so unendlich viele Menschen, die diese Gewissheit nicht haben. Menschen, die ich täglich in den Medien, Straßen, Haltestellen sehe. Diese Gewissheit sollte kein Privileg für Wenige, sondern für alle sein. Ich frage mich, was wenn im besagten Hadith „Derjenige ist kein Gläubiger, der sich satt isst, während sein Nachbar hungert“ mit Nachbarschaft nicht nur meine Nachbarin von nebenan, sondern meine Nachbarn in der ganzen Welt gemeint sind?!

Es klingelt, die Gäste sind da. Gleich darauf ertönt der Muezzin von der digitalen Gebetsuhr: Allahu Akbar– Allah ist groß, größer als alles andere. Ohne Zweifel…

Ich hatte vergessen wie unbeschreiblich Datteln schmecken können. In diesem Sinne Ramadan Kareem…

 

Eine Gruppe „Pinguine“ reist nach Istanbul

 

Heute ist Nawrouz, Frühlingsanfang, Weltglückstag und der Tag nach dem Bombenanschlag in Istanbul/Taksim… Die Grenzen sind dicht, die AFD jubelt, die EU reinigt sich die Hände mit der Türkei und Erdogan geht lieber auf Hochzeiten als sich um den Terror in seinem Land zu kümmern… Glück hat offensichtlich nicht jeder, sondern nur der, der weiß-männlich- und mit rentablem Habitus ist… Mir ist nicht gut zumute, dennoch versuche ich zumindest mit irgendetwas einen anderen Beitrag zu leisten. Dieser Text war eigentlich für ein anderes Format gedacht, nun führten verschiedene Ereignisse dazu, dass er hier landet und das ist auch gut so…. Wir brauchen wesentlich mehr Ülkü’s und noch viele, viele Pinguine….

 

Dies ist die wunderbare Geschichte von acht jungen Frauen, die im Frühjahr 2014, kurz bevor in Deutschland Ostereier und in der Türkei neue Kommunalregierungen gesucht wurden, gemeinsam eine Reise nach Istanbul machen. Sie selbst gaben dieser Reisegruppe den Namen „Pinguine“. Ich hatte das wunderbare Glück einige Eindrücke und Erinnerungen über diese Unternehmung erzählt zu bekommen. Auch durfte ich mir die Briefe, die sich die „Pinguine“ nach ihrer Reise geschrieben haben, lesen. So viel Herzlichkeit und Freundschaft musste mit anderen Menschen geteilt werden. Daher nun die Geschichte der Reise der „Pinguine“ nach Istanbul.

 

Der jüngste Terroranschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul ist noch präsent in unseren Erinnerungen. Am frühen Morgen, auf dem Sultan-Ahmed-Platz, vor dem Obelisken des Thutmosis, wurden 13 Menschen schwer verletzt und 12 aus dem Leben gerissen. Es waren jene Menschen, die eine gewisse Vorliebe für das Reisen, die Stadt Istanbul, das türkische Essen, die Kultur und die Menschen aber vor allem für die deutsch-türkische Freundschaft hatten. Drum galt der Anschlag im Grunde genommen nicht einer Publicity bringenden Metropole Istanbul, sondern vielmehr den Schönheiten und Faszinationen, die diese Stadt umgeben. Denn Istanbul ist nicht nur eine Stadt, die zwei Kontinente miteinander verbindet. Nein, sie verbindet auch Vergangenheit und Zukunft, Tag und Nacht, fremd und bekannt- ja sogar acht „Pinguine“, die sich vor ihrer Reise dorthin teilweise nur einmal gesehen hatten.

Organisiert und geleitet wurde die Reise von Ülkü. Ülkü’s Eltern wohnen in Istanbul Büyükçekmece, einem Stadtteil relativ weit außerhalb. Für Deutschland gesprochen würde es der Strecke zwischen Erfurt und Jena oder zwischen Düsseldorf und Bonn entsprechen. Diese Strecke fuhr die Gruppe täglich, um die unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten, die verstreut sind über die sieben Hügel Istanbuls, zu besichtigen. Jede junge Frau hat für sich selbst etwas Wunderschönes wahrgenommen und bewahrt diese Erinnerung seither im Herzen. Sie alle haben ihre Gefühle in Briefen niedergeschrieben. Ich hatte die Ehre diese Briefe zu lesen und auf Wunsch der reisenden „Pinguine“ mit der Welt zu teilen. Schon immer hatte ich eine besondere Vorliebe für Briefe, vor allem für jene, die mit bezaubernder Tinte auf entzückendem Papier verfasst worden sind. Wie sehr freut sich doch ein Empfänger über einen Brief von einem geliebten Menschen. Meine Vorliebe allerdings für Briefe anderer, deren Adressat ich gar nicht bin, habe ich seit ich Lady Montagu kennengelernt habe. Noch heute zählen ihre Briefe über ihre Reisen zu den wichtigsten historischen Dokumenten. So habe ich aus den Briefen der „Pinguine“ eine engere Auswahl für unsere Leser getroffen.

Auf das mehr Menschen sich Briefe schreiben, Freunde werden und gemeinsam nach Istanbul reisen….

 

 

 

Meine liebe Ülkü,

schon über einen Monat ist es nun her, dass ich aus Istanbul abgereist bin. Und trotzdem habe ich noch genau das Gefühl in mir, das ich hatte, als ich in Salzburg landete und die Alpen sah, eine so schöne Landschaftsform, dich mich schon immer fasziniert hat- und mir plötzlich die Tränen in die Augen stiegen. Warum? Es war einfach so wunderschön und gleichzeitig so anders als das Wunderschöne, woran ich mich die vergangenen Tage gewöhnt hatte. Anders als das Wunderschöne in den Muezzin- Rufen, die gleich einem Echo über der Stadt am Bosporus erklangen und den gesamten Luftraum der Stadt ausfüllten- das Wunderschöne im Lächeln und in den freundlichen Worten der vielen Leute, denen wir oft begegnet waren- das Wunderschöne in der Gelassenheit und Lebensfreude, die uns immer wieder überrascht hatte- das Wunderschöne in der Gastfreundschaft, durch die wir uns trotz fehlender Sprachkenntnisse bald wie zu Hause in Istanbul fühlten.

Selten hat mich eine Reise so geprägt und ich weiß, dass das zum Großteil an dir liegt. Ohne dich wären wir vermutlich in einem preisgünstigen Hotel im Zentrum untergebracht gewesen. Hätten andere Reisende aus den USA, Deutschland, China kennengelernt, mit ihnen auf Deutsch oder Englisch geredet. Englisch- das wäre auch unsere einzige mögliche Kommunikationsform mit den Menschen der Türkei gewesen. Vielleicht wäre uns etwas in der Unterführung nahe der Galata-Brücke geklaut worden, vielleicht hätten wir noch viel mehr Äußerungen von Türken („Istanbul ist so schön“) missdeutet und vielleicht hätten wir nichts anderes als Falafel, Lokum und Pizza gegessen. Es wäre vermutlich ein schöner Urlaub gewesen- aber auch nicht mehr.

Und darum bin ich dir so dankbar: Statt in einer Blase durch die Stadt zu laufen, waren wir mittendrin… in den Frauenbereichen zahlreicher Moscheen, auf Fähren, wo uns Haushaltsgeräte angeboten werden, in Insider Cafes mit atemberaubendem Blick über Istanbul, an Ständen, wo uns einfach mal so Armbänder geschenkt wurden- und natürlich in einer richtig türkischen Familie, die uns allen richtig ans Herz gewachsen ist. Die Gastfreundschaft, wie hätten wir sie so hautnah erlebt, wenn du uns nicht so großzügig bei euch aufgenommen hättest. Und wenn ich genauer überlege, ist Gastfreundschaft vielleicht sogar das falsche Wort: denn nicht nur Gästen gegenüber habe ich diese Herzlichkeit bemerkt. In keinem Land, in keiner Stadt, in der ich bisher war, wurde Tieren gegenüber so viel Respekt und Liebe entgegengebracht wie in Istanbul. Hunde und (vor allem…!) Katzen können dort friedlich leben. Niemand jagt sie aus Restaurants oder heiligen Orten, sondern sie sind schlichtweg Teil des Lebens. Und so habe ich mich dank dir auch gefühlt.

Es fällt mir immer noch schwer, das Erlebte zu erfassen, einzuordnen und für mich in ein Ganzes zu bringen. So viele kleine Dinge, die mich berührt haben, fallen mir mitten im Alltag ein. Und ich merke auch, wie sehr mich diese Reise geprägt hat: immer, wenn ich hier Frauen mit Kopftüchern oder einen türkischen Supermarkt sehe oder ein Kind „anne“ sagen höre: dann denke ich an dich und an Istanbul und ich sehe mit anderen Augen. Mit offenen Augen würde ich sagen.

Und dafür danke ich dir.

Alles Liebe

Deine Freundin Vanessa

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Ülkü,

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wie schon am letzten Abend in Istanbul von mir erwähnt, hat kaum ein Mensch in meinem Alter von mir in so kurzer Zeit soviel Respekt verdient.

Dass du alles großartig organisiert hast und du ein wahnsinnig gutes Führungspotential bietest mit der dazugehörigen Fürsorge und Nachsicht einer Mutter, weißt du vielleicht selbst.

Aber was du für mich persönlich bedeutest, wirst du wahrscheinlich nicht ahnen können. Nicht nur, dass du mir einen Urlaub geboten hast, der mich aus der Enttäuschung und der Belastung der Frankreichreise gerettet hat, sondern auch dieses beseelte Gefühl neue Freunde gewonnen zu haben und eine zweite Familie mit einer wunderschönen neuen andersartigen Kultur zu finden, hast du mir geschenkt. Einfach so, mit offenen Armen wurden wir in Istanbul empfangen und mit Tränen in den Augen mussten wir alles wieder verlassen.

Ein neues Land mit neuen Gerüchen, anderen Farben, süßen, klebrigen Speisen, eigenartig wechselndem Klima, berauschen herzlichen Menschen und wunderschönen Klängen, die mich nicht nur glauben, sondern auch hoffen ließen, habe ich entdecken dürfen. Auch die heiteren Momente, wenn sprachliche Barrieren und verschiedene Kulturen aufeinander prallten, waren für mich unvergesslich.

Um in Bildern zu sprechen: Liebe Ülkü, du hast mir eine Brücke gebaut, die von Katharine Branning in ihren Briefen an die Türkei so umfangreich geschildert wird. Eine Brücke in vielen Bereichen. Du warst die Brücke der Verständigung, die uns von dem einen Ufer zum anderen sicher brachte.

Du hast nicht nur meine erste Verbindung zur Türkei geschaffen, sondern uns alle so sicher getragen in Situationen, dass wir alle Istanbul und auch den muslimischen Glauben durch deine Augen sehen durften. Eine Brücke ist auch ein Symbol der Macht, wie Katharine Branning richtig sagt. Wer Zugang zu einer Brücke hat, besitzt eine strategische Kontingente die die eine Seite der anderen zugänglich macht und beide soweit zusammenhält, dass sie nur mit ihr vereint existieren können.

Und so warst auch du die Brücke zwischen uns acht anderen Pinguinen. Es gab zwischen uns nicht nur kein Gequake, weil die Chemie stimmte, sondern weil du unser beruhigender Brückenpfeiler warst, der uns schwingend in den Wind wehend von einer Erfahrung zur nächsten führte.

Würde es auf der Welt soviel mehr Brücken wie dich geben, bräuchten wir keine Grenzen mehr. Die bewegenste und leichteste Brücke jedoch, hast du zu meinem Herzen gebaut.

Ich danke dir vor allem dafür.

Herzlich Deine Dominique