Wir lassen die Katze aus dem Sack- wir haben tierischen Nachwuchs…

Wir haben seit heute neuen Nachwuchs. Mit dieser Nachricht haben wir so manche Freunde und Nachbarn überrascht. Manche haben verdutzt auf meinen Bauch geschaut. Andere versuchten die versteckte Logik zu finden. Ich habe aber alle nicht lange zappeln lassen, so auch nicht meine Leser: wir haben ein Katzenbaby!

Das Katzenkind, weiblich, britisch Kurzhaar, black-golden shaded, hört auf den Namen Ponçik, was soviel wie knuffig bedeutet im türkischen. Naja, ich glaube, sie hört noch nicht ganz auf ihren Namen, aber sie macht einen aufgeweckten Eindruck und wird das sicher noch mit der Zeit merken, dass wir sie meinen, wenn wir Ponçik rufen.

Wie kam es dazu?

Nun ja… Eigentlich war es bis vor kurzem ein Ding der Unmöglichkeit. Zumindest sah es so aus. Mein Mann war aus Prinzip dagegen, ein Haustier zu halten. Vor allem nachdem die Fische, die er gekauft hatte, nach kurzer Zeit keine Attraktion mehr darstellten. Er bestand vehement darauf kein Tier, das vier Beine hat, in der Wohnung zu halten. Wir, die Mädels und ich, haben unser Glück auch probiert in dem wir diskutierten ob wir eventuell ein Tier haben konnten, das zuvor vier Beine hatte und nun unglücklicherweise nur noch drei hat. Aber er beharrte auf seiner Meinung. Katzen standen immer außer Diskussion, da ich jahrelang davon ausging, dass ich allergisch gegen sie bin.

Vor einigen Monaten ereignete sich ein katastrophaler „Mord“ an einem Hundewelpen in der Türkei. Einige Kinder hatten einem kleinen Welpen mit einer Axt alle vier Beine abgehackt und hatten ihre Tat mit dem Handy gefilmt. Dieses Video (welches ich bis heute nicht angeschaut habe und auch sicher nicht kann) kursierte im Netz. Tierschützer hatten das Tier gefunden und verarztet aber jede Hilfe kam zu spät, das Tier starb. Wir waren tagelang entsetzt. Wir konnten es uns einfach nicht erklären wie grausam man in dem Alter sein kann und fragten uns was in der Erziehung dieser Kinder fehlgegangen ist. Wir kamen mit meinem Mann zu dem Entschluss, dass Tierliebe und Achtung des Lebens und der Natur von klein an anerzogen werden muss, dass es täglich geübt werden muss. Genauso wie mit dem Ehrenamt, welches laut Studien in der Familie erlernt und abgeschaut wird, müsste es auch mit Tierliebe sein, haben wir uns gedacht.

So redeten wir tagelang darüber. An einem sonnigen Tag auf dem Balkon gab dann mein Mann klein bei und sagte wenn ich keine Allergie hätte, dann könnten wir gleich heute noch eine Katze holen, er habe ja nichts dagegen aber ich könne einfach nicht. Noch am selben Abend waren wir bei Freunden eingeladen. Nur wenige Stunden nach diesem Gespräch, trafen wir bei den besagten Freunden auf Elvis. Elvis ist Europäer, Freigänger und Kater. Er kam ins Haus, grüsste mich kurz ganz nett und fragte ob er es sich auf meinem Schoß gemütlich machen dürfe. Irgendwie habe ich schon immer ein extrem gutes Händchen für Katzen gehabt, sie kamen schon immer einfach auf mich zu und liebten es, sich von mir streicheln zu lassen. Eine hatte es sich sogar schon einmal auf meinem Kopf gemütlich gemacht. Nun ja, Elvis kam, sah und siegte. Knapp eine Stunde schlief er auf mir und schnurrte und gurrte. Die Pointe der Geschichte war, dass ich kein einziges mal niesen musste und währenddessen lernten wir, dass man nicht zwangsläufig gegen alle Rassen allergisch sein muss. Das Gute an der Geschichte war, dass mein Mann das Omen sofort verstand- es musste jetzt eine Katze ins Haus! Ich danke Pervin und Süreyya- sie sind die WG- Besitzer von Elvis. Dank euch haben wir heute eine Katze!

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Noch in der selben Nacht habe ich mindestens tausend Kitten Fotos angeschaut. Die kommenden Tage hatte ich auch irgendwie das Gefühl dass mir alles mit Katzen sofort ins Auge springt- selektive Wahrnehmung eben. Um es kurz zu fassen- ich bin bei der Suche immer und immer wieder bei der selben Annonce hängen geblieben. Das Foto hatte sich in meine Festplatte eingebrannt- das war sie – nur sie und keine andere. Nach einem kurzen Treffen bei der Züchterin war dann auch das Eis bei allen anderen gebrochen. Sie kam wie erwartet zuerst auf den Schoß von meinem Mann. Wie erwartet ist sein Herz aus Pudding in Wallung geraten. Er hat alle Besorgungen fast selbstständig recherchiert und hat alle Vorkehrungen in der Wohnung vorgenommen, damit der jungen Dame ja nichts zustösst. Die Kinder sind völlig aus dem Häuschen und haben vor lauter „nur noch x-mal schlafen, dann kommt Ponçik“ fast schon Schlafstörungen bekommen.

Was man von einer Katze doch so alles lernen kann

Just in diesem Moment schläft Ponçik auf dem Gebetsteppich, der in der Ecke des Arbeitszimmers liegt. Ich habe es nicht über das Herz gebracht sie dort so liegen zu sehen und habe aus ihrer kleinen Decke, die vorher meinen Kindern als Babydecke diente, ein kleines Nest gemacht. Sie hat sich dankend reingelegt und schläft. Sie ist sofort nach ihrer Ankunft bei uns aus der Transportbox raus und hat das gesamte Zimmer in Augenschein genommen. Katzen sind wirklich wahnsinnig neugierig! Danach hat sie stundenlang mit den Kindern gespielt. Sie hat gedacht sie sei eine Löwin, die Kinder dachten sie seien Dompteure- was für eine Show! Als sie dann schlief, haben alle automatisch angefangen zu flüstern, damit sie ungestört ist. Das wird sich vielleicht die Tage danach legen, ich meine  die Rücksicht, aber selbst für den ersten Tag, empfand ich das Feingefühlt und die Fürsorge wirklich wunderschön!

Leider haben viele Kinder Angst vor Tieren. Viele muslimische Familien haben Hemmungen in puncto Haustiere. Dabei ist das eine zauberhafte Gelegenheit Liebe, Geborgenheit und Verantwortung aktiv zu lernen und zu üben. Der Grundsatz des Glaubens ist auch bedingungslose Liebe gegenüber allen Geschöpfen, alles was Leben trägt, alles was Schutz benötigt. Das ist vielleicht auch die allererste Aufgabe des Menschen, nach den Pflichten Gott gegenüber. Und wir wissen es doch eigentlich ganz genau- Liebe ist soviel schöner als Hass!

Ponçik ist also unser neues Familienmitglied. Wir sind mächtig geehrt mit einer so bezaubernden Person leben zu dürfen. Schon jetzt ist klar, sie braucht nicht uns, sondern wir sie….

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Sharing Ramadan

Nun sind es nur noch 24 Stunden, bis der heilige Fastenmonat der Muslime, Ramadan zu Ende geht. Die Fastenzeit war 2018 für uns ganz besonders. Wir haben in diesem Jahr ausschließlich mit Nicht-Muslimen und Geflüchteten am Abend unser Fasten gebrochen, bekannt als „Iftar“. Unter dem Motto #SharingRamadan haben viele Muslime in den sozialen Medien Beiträge und Fotos von gemeinsamen Begegnungen geteilt. Denn Fasten heisst eigentlich nicht nur Verzicht auf Lebensmittel, Getränke und Genuss sondern Fasten heißt primär Besinnung, Disziplin, Umkehr und Teilen.

Wir möchten uns nochmals bei unseren wundervollen Gästen bedanken, die jeden Abend so unendlich bereichert haben. Kein einziger Abend glich dem anderen. Am Tisch herrschte Aufregung, Freude, Harmonie und Geschwisterlichkeit. Dabei waren gerade unsere Unterschiede und Differenzen der Grund der Bereicherung. Wie tollkühn der Mensch doch sein kann, wenn er denkt nur durch Gleichheit und Einfalt kann Schönes entstehen.

Viele Gäste haben ansatzweise versucht an dem Tag, an dem sie zum Iftar eingeladen waren, zu fasten. Diese Geste ist sehr nobel. Zumal man als Nicht-Muslim ja keinerlei „Zwang“ hat, dies zu tun. Man hat diesen „Zwang“ im übrigen auch als Muslim nicht, da das Fasten ein Gebet ist und zu den 5 Säulen des Islam gehört. Gebete werden bekanntlich für Gott gemacht und dazu kann man Menschen nicht zwingen, da es eine Art Kommunikation zwischen Mensch und Gott ist und Dritte nicht eingreifen dürfen.

Spannend und ebenso überraschend war es festzustellen, dass 90% unserer Gäste bisher noch nie zu einem Iftar eingeladen waren. Wir hatten also, wenn man das so bezeichnen darf, überwiegend „Jungfern-Fastenbrechen“ oder „Erstis“. Umso größer war für uns die Ehre, dass sie dies mit uns an unserer Tafel getan haben. Wie kann es aber sein, dass Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland seit Jahrzehnten zusammen leben und diese intensive Zeit noch nie gemeinsam zelebriert haben? Ich kann es mir eigentlich nur so erklären, dass auf beiden Seiten Hemmungen die Zusammenkunft hindern. Muslime denken sich oftmals „Deutsche essen nicht so spät und oft auch nicht warm am Abend- ergo lieber nicht stören. Außerdem könnte man die Einladung falsch verstehen, im Sinne von missionieren oder ähnliches“. Nicht Muslime glauben oft, dass Iftar nur für Fastende und Muslime gängig ist und gehen davon aus, dass sie aus Prinzip nicht daran teilnehmen können. Beidseitige Irrungen und Wirrungen haben wir dieses Jahr mit 23 Nicht-Muslimen behoben. Wir haben bereits Absprachen für das kommende Jahr! Spätestens 2019 essen wir wieder gemeinsam.

Eins ist sicher: auch Ramadan wird viel viel schöner, wenn man die Zeit gemeinsam teilt! Wie auch ein Gast bemerkte, ist das gemeinsame Warten auf den Gebetsruf bei Sonnenuntergang, der das Ende des Fastens für den jeweiligen Tag angibt, ein bisschen wie an Sylvester. Die Spannung steigt mit jeder verstreichenden Minute und am Ende gibt es selbst beim ersten Schluck Wasser eine Gefühls- und Geschmacksexplosion. Das wohlige Gefühl der Dankbarkeit umwickelt alle am Tisch und man kann mit Freunden das Essen genießen und ist sich über das Privileg, satt werden zu können, in vollem Ausmaß bewusst. In diesem Sinne Danke an alle!

Ein Plädoyer für die Pressefreiheit

 

Die Gedanken sind frei,

wer kann sie erraten,

sie fliehen vorbei

wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen,

kein Jäger erschießen,

es bleibet dabei:

die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein

Im finsteren Kerker,

das alles sind rein

vergebliche Werke;

denn meine Gedanken

zerreißen die Schranken

und Mauern entzwei:

die Gedanken sind frei.

(Deutsches Volkslied zur Gedankenfreiheit, 1780).

 

Heute ist Tag der Pressefreiheit. Die Welt feiert die Macht, die als fünfte (hier wird die allseits gegenwärtige kapitalistische Macht noch hinzugezählt) und regulierende Kraft in Staatssystem gilt. Ein aktueller Beitrag der Reporter ohne Grenzen zeigt jedoch, dass diese regulierende Instanz stark gefährdet ist. Selbst in den demokratischen europäischen Ländern häufen sich Hetze und Gewalt gegenüber Journalisten. Eine Rangliste von 180 Staaten macht deutlich, dass Staaten, die zuvor als Demokratie- gefestigt, Menschrechte- befürwortend und Meinungsfreiheit- bestärkend galten, auf ihren Rangreihen abgerutscht sind. Die Länder, die ihre Gesamtpunktzahl der Bewertungskriterien behalten oder gar vermehrt haben sind in der extremen Unterzahl. Die Liste wird eröffnet mit den Platzbesten Norwegen und Schweden und geschlossen mit Nordkorea. Deutschland macht Platz 15 und die USA Platz 45. Für zwei Staaten, die im Weltgeschehen so viel Einfluss und Macht haben, sind diese Plätze eher ein Armutszeugnis.

Man könnte nun glauben, dass unser globalisiertes und modernes Zeitalter, in dem doch jeder einzelne mittels Internet und Informationsüberflut bereits selbst als quasi-Journalist agiert und dass die Nachrichtenbeschaffung ein neues Format angenommen hat. Die Schranken und Zensuren können heute gar nicht mehr wie früher gelegt werden, jeder kann sie mannigfach umgehen, könnte man meinen. Das dem nicht so ist sieht man heute eigentlich eindeutig an zwei Fällen: Nordkorea und Türkei. Nordkorea hat sein ganzes Netz nach außen und nach innen komplett abgeschottet. Alle Bürger, die sich gegen diese Maßnahmen widersetzen, werden bestraft. Es gibt unzählige Menschen, die für ihre Texte auf ihren Blogs in Haft sitzen!

Besonders heikel ist es leider in der Türkei. In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Land in ein riesiges Gefängnis abgewandelt. Es ist derzeit das größte Gefängnis für Journalisten weltweit. Mit den 180 Journalisten, die aktuell in Haft sitzen, könnte man mehrere Publikationen allein aus dem Gefängnis produzieren. In dem aktuellen Themenbeitrag von Anmesty International heißt es:

Massive und unrechtmäßige Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit sind in der Türkei seit Ausrufung des Ausnahmezustands im Juli 2016 an der Tagesordnung“, sagt Janine Uhlmannsiek, Expertin für Europa und Zentralasien bei Amnesty International in Deutschland. „Mehr als 180 Medienhäuser hat die Regierung schließen lassen, mehr als 120 Journalistinnen und Journalisten befinden sich in Haft und Tausende Medienschaffende haben ihren Job verloren. Die Pressefreiheit in der Türkei liegt seit fast zwei Jahren in Ketten.“

Es wird um konstanten Druck von außen gefordert:

„Die türkische Regierung missbraucht die weitreichenden Befugnisse, die sie durch den Ausnahmezustand erhält, um die Zivilgesellschaft zu unterdrücken und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Damit verletzt sie die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit“, so Uhlmannsiek. „Die deutsche Bundesregierung muss – genau wie die internationale Staatengemeinschaft – weiter Druck auf die türkische Regierung ausüben: Die täglichen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei dürfen nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn die Regierung in Ankara prominente gefangene Deutsche freigelassen hat. Es gilt, deutlich Kritik zu äußern und die türkische Regierung zur Einhaltung ihrer menschenrechtlichen Verpflichtungen aufzufordern. Die türkische Zivilgesellschaft und die freie Presse kämpfen ums Überleben. Dabei darf die internationale Gemeinschaft sie nicht alleine lassen.“

Dass Druck von außen in Idealfall etwas bewirken kann, sah man im Fall Deniz Yücel, der nach nichtveröffentlichten Gesprächen und Deals freigelassen wurde. Dass es aber auch ganz anders verlaufen kann, sieht man im Fall der Altan-Brüder: obwohl der europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Unrechtmäßigkeit der Haft verkündet hat, hat sich in der Situation der Journalisten nichts verändert.

Obwohl unzählige Journalisten gefangen sind, motivieren Beiträge und Mitteilungen gerade jener aus der Haft. Es hat den Anschein, dass dieser Zustand sie noch vielmehr bestärkt hat in ihrem Beruf, in ihrer Berufung. Die inhaftierte Journalistin Zehra Dogan  teilte zum Beispiel mit „Ich bin im Gefängnis aber ich bin keine Gefangene“.  Die Worte der jungen Dogan geben so viel Hoffnung und Mut, für Inhaftierte und all jene, die draußen auf sie warten: „Jeden Tag zeigen wir, dass Kunst und Journalismus nicht eingesperrt werden können. Wir werden unseren Kampf fortsetzen und weiterhin sagen „Journalismus ist kein Verbrechen“, bis alle Journalisten frei sind !“Wie heißt es doch so schön in dem Volkslied? Die Gedanken sind frei….

2018 hätte doch anders verlaufen sollen…

Ich weiß ehrlich nicht wie es euch geht, aber ich ertappe mich selbst immer wieder in schwerwiegender Hoffnungslosigkeit. Man braucht sich nur mal für einige Minuten in den sozialen Medien aufzuhalten. Ein Auszug von heute morgen:

  • Der Militäreinsatz der türkischen Armee in #Afrin: es gibt auf beiden Seiten bereits Tote- der Grund dieses Kriegseinsatzes ist völlig sinnlos und mit Milliarden anderen Lösungsansätzen wäre der „Konflikt“ ebenso lösbar- aber, nein, es muss Blut fließen. In den Moscheen beten sie für den Tod, den Tod für Glaubensgeschwister, denn die vermeintlichen Gegner sind auch Muslime (denn komischerweise wird immer extrem religiös und fromm argumentiert!!!). Ich verstehe einfach den Sinn für diesen nutzlosen Tod nicht. Krieg war noch nie und kann auch in Zukunft nicht die Lösung sein!
  • In den Flüchtlingslagern der Rohinka-Muslime aus Myanmar brechen Epidemien aus, tausende Kleinkinder und Erwachsene leiden unter akuten und ansteckenden Krankheiten. Die Videobeiträge kann ich nicht wirklich ohne emotionale Ausbrüche anschauen. Eine Mutter beklagt sich, dass selbst die Hilfebringenden sich nicht mehr in die Lager trauen, „alle rennen weg vor uns und haben Angst angesteckt zu werden“. So viel Leid und Schmerz- für was? und warum?
  • In einem asiatischen Land wird aus einem Abwasserkanal in der Straße ein kleiner Säugling rausgeholt. Es hat sich eine Menschentraube versammelt, um das Geschehene aus erster Reihe zu beobachten. Das Baby ist nackt und tot. Die Mutter hat es gleich nach der Entbindung in das Wasser geworfen und ertränkt. Hätte das Kind eine Überlebenschance wenn einer aus der glotzenden Traube für Mutter und Kind Hilfe angeboten hätte? Gibt es denn dort keine Menschen, die auch gerne ein „nicht-leibliches“ Kind ihr eigen nennen können?
  • Ungefähr einhundert kommerzielle Make-up/Mode-Tutorials berieseln unsere Wahrnehmung täglich… Junge Frauen und Männer, die als INFLUENCER uns die neuesten Trends nahe bringen, uns helfen, uns in Sachen Mode und Styling recht leiten, denn wir sind irregeleitet, wir wissen nicht was wir tun! Diese Influencer, und ja es klingt schon wie ein Virus-Infekt- denn genau so wirken diese Leute auch komischerweise, machen das natürlich alles nur für uns! Klar, dass man in diesem Sektor nicht über Geld spricht, also zumindest nicht, wieviel diese Einflussreichen dafür bekommen. Ich sage nicht, dass diese „Arbeit“ nicht wirklich hart und anstrengend ist. Oft müssen die Blogger oder Vlogger stundenlang Experimente an sich selbst aufzeichnen, mit anderen konkurrieren, niemals schlecht aussehen oder krank sein. Ich sage aber, dass diese „Arbeit“ total unsinnig und absolut nicht notwendig ist! Es gab mal eine Generation, die hat Lobeshymnen auf die Individualität geschworen. Heute sehen alle jungen Menschen gleich aus- viele heißen sogar gleich!

 

FAKT IST: 2018 soll wirklich anders laufen. Kommerz, Spaß und Sorglosigkeit  ist doch nicht alles im Leben?! Wie kann ich etwas uneingeschränkt genießen wenn ich doch ganz genau weiß, ja täglich sehe, wie schlecht es anderen geht? Natürlich heißt das nicht, dass ich mich in hilflosem Mitleid auflösen soll. Aber jeder kann sich in seiner bescheidenen Dankbarkeit üben und auf jeden Fall teilen und aktiven Einsatz für Bedürftige einbringen. Damit fängt man am besten bei den Menschen an, die gleich vor der eigenen Nase sitzen. Wann habt ihr zuletzt eure Großeltern, älteren Verwandten, Kranke besucht? Im Krankenhaus oder im Seniorenheim warten so viele alte Menschen auf Besuch, täglich aussichtslos! 

Heute schon eine gute Tat vollbracht?

Tücher ohne Köpfe- Deutschland holt Kopftuchdebatte aus dem Kühlfach

Houseroules:

1.Der Zwang zum Kopftuch, Hijab, Niqab etc. ist menschenrechtsverachtend und definitiv nicht im Sinne des Islam, steht daher ausserhalb der hiesigen Diskussion. Derartig patriarchale Machtmechanismen gehören verboten, der Einsatz gegen diese ist unser aller Aufgabe.

2. Im Gegenzug dazu gehört es aber auch zur freien Entscheidung einer jeden Frau, sich für das Tuch, in welcher Form auch immer, entscheiden zu dürfen, ohne die Freiheit, freie Wahl und Emanzipation dieser permanent abzusprechen.

3. Die Kleiderordnung dient nicht! der Entsexualisieurung  und Unterordnung der Frau. Das heutige Verständnis von Mode und Lifestyle stellt keine Divergenz zwischen islamischer Kleidung und Ästhetik und Schönheit. Vielmehr sollten hartnäckige KopftuchgegnerInnen sich eventuell den Aspekt einer spirituellen Kommunikationsform zwischen Frau und Schöpfer verinnerlichen.

4. Barbie ist mit Sicherheit nicht das beste ausschlaggebende Mittel für eine derartige Diskussion- oder vielleicht sollten wir eher von einer Polemik sprechen?!

 

Alle Jahre wieder kommt die Kopftuchdebatte. Immer finden die selben oder ähnlich gesinnte AkteurInnen einen Anreiz ihr Entsetzen dazu der Öffentlichkeit zu offenbaren. Anreiz im November 2017 eine Hijarbie: eine Sheroe- die Miniaturversion von Ibtihaj Muhammad. Eben jene, die schon seit 2006 für die Staaten an olympischen Wettkämpfen als Profisportlerin teilnimmt. Muhammad gilt als Rollenmodell für viele junge Frauen, da sie ein gutes Beispiel für Frauenkarriere in einer Männerdomäne und mögliche Teilhabe und Inklusion von Muslimas in der Mehrheitsgesellschaft ist. Man könnte meinen, alle würden sich für sie freuen. Leider erfährt aber Ibtihaj Muhammad, und solche wie sie,  gerade von Feministinnen und Frauenrechtlerinnen, die sich ja eigentlich für Frauen einsetzen, schärfste Kritik.

Kopftuch-Bashing als Werbung

Im Kanon sprechen die Gegner im selben Ton (nachlesbar aber nicht zu empfehlen im Beitrag von der Emma– übrigens erstaunlich viel gegen das Kopftuch publiziert und gar keine Pro-Beiträge zu finden). Die Angst steckt scheinbar tief im Mark! Wie oben in den Houseroules schon geschildert sind wir uns einig im Einsatz gegen die Zwangsverschleierung, die Entrechtlichung und Instrumentalisierung von Frauen.

Nun kennen aber die „GegnerInnen“ leider nun auch andere Beispiele aus ihrem persönlichen Leben. Sie haben genügend Zeit, sich im Privaten zu unterhalten, Einsichten zu sammeln und Abwägungen zu machen. Wenn aber danach dennoch an der bizarren und starren Haltung bestanden wird, ohne wenn und aber pauschalisiert wird, dann fehlt es eindeutig an Diskussionskultur und Weiterentwicklungsvermögen! Gerade jene wie Emma, Mansour und Ates sind durch ihre Tätigkeitsfelder eigentlich verpflichtet auch die andere Alternative zumindest zu erwähnen. Sie müssen diese nicht gut heißen, mögen oder vermarkten. Allerdings müssen sie als Aktivisten für Frauen- und Menschenrechte auch die Rechte von Frauen, die sie an den Pranger stellen möchten, schützen. Oder kann man sich mittlerweile schon durch einen selektiven Einsatz profilieren? Frauenrechtlerinnen müssen sich für die Rechte aller Frauen- auch für jene, die aus freien Stücken sich islamisch bekleiden möchten und daran gehindert werden, diskriminiert werden, einsetzen. Oder sind wir etwa keine Frauen, wie schon Soujorner Truth fragte „Ain’t I a Woman?“. Wie kann eine Akteurin sich als Imamin verstehen, aber nicht bereit sein, einen beachtlichen weiblichen Teil der Ummah so derartig abzuwerten und zu missachten?

Der Blick auf den Kopf unter dem Tuch lohnt sich- definitiv!

Unsere pluralistischen Gesellschaftsformen stellen uns vor neue Herausforderungen. Eine gemeinsame, im Dialog verankerte mit Diversität bereicherte Gesellschaft erfordert mehr Respekt, Toleranz und Teilhabe. Die Zugänge dürfen nicht selektiv und von Privilegien abhängig sein. Wir müssen heute in der Lage sein, Lebensformate unter den jeweiligen Konditionen betrachten zu können. Leider gelingt es den GegnerInnen der Kopftuchdebatte nicht die westliche Brille abzusetzen (Lesetipp Chandra Talpade Mohanty: Under Western Eyes) und sich das Leben des Gegenüber aus dem jeweiligen Standpunkt anzuschauen. Zwangsläufig pauschalisiert man und missachtet somit Rechte anderer. Man läuft Gefahr, dass koloniale Diskriminierungsansätze im 21. Jahrhundert zwanghaft am Leben gehalten werden. Traurigerweise fing die eigentliche Kopftuchdebatte, so auch die Soziologin Prof. Dr. Nilüfer Göle, erst an, als die ersten Frauen mit Kopftuch sich hochgearbeitet hatten von der Putzfrau zur Lehrerin oder Angestellten.

Erstaunlicherweise richtet sich die Kritik fast immer gegen jene Frauen, die die Teilhabe am Öffentlichen anstreben, erfolgreich sind oder für viele andere als Rollenmodell dienen. Letzen Sommer war es die Urlauberin am französischen Strand mit einem Burkini heute eine Spitzensportlerin. Gebasht werden also jene Frauen, die aktiv am Leben teilnehmen und auch in ihren eigenen Reihen und Communities eventuell vom Patriarchat „bekämpft“ werden. Also stellt sich die Frage, warum jene nicht von AktivistInnen für jene Rechte unterstützt werden, sondern nochmal in anderer Form erniedrigt und ausgegrenzt? Vorbildlich und wünschenswert wäre es manchmal, wenn jene Office-AktivistInnen mal raus auf das Feld gingen und tatsächlich sich für unterdrückte und geschändete Frauen einsetzen würden, sich gegen ihre entsetzlichen Männer aufstemmen würden und Einsatz und Courage bewiesen. Das bedarf aber viel Kraft und Einsatz- ohne Geld- bringt auch nicht genug Echo- ist also nicht PR-tauglich. Dann basht man also lieber diejenigen, die Früchte tragen, denn das verkauft sich immer gut!

#668 #lassmichfrei

Welch wunderschönes Gefühl es doch ist, sein Leib und Leben, das Wertvollste Abends in den Schlaf zu legen. Ihm dabei zuzusehen wie friedlich es nachts schläft, tagsüber spielt und voller Energie jeden Tag ein Stückchen mehr über sich selbst heraus wächst. Unbeschreiblich schön und friedlich!

Dieser Frieden und Segen ist nicht jedem Kind gegönnt. Unzählige Kinder erleiden Hunger, Gewalt und Missbrauch. Derzeit sind in der Türkei mindesten #668 Kinder unter 3 Jahren mit ihren Müttern im Gefängnis. Dabei sollte man sich keineswegs Sondereinrichtungen für den besonderen Bedarf angepasst vorstellen. Es sind teils extrem überfüllte, aus hygienischen Gründen besorgniserregende, definitiv nicht kindergerechte Orte und Zustände. Kein Ort an dem sich die inhaftierten Frauen je vorgestellt hätten mit ihren Kindern zu landen. 

Das kollektive Schweigen und Verdrängen ist nicht auszuhalten. Wenn selbst die Verletzung der Rechte von Schutzbefohlenen nicht zur Aufruhr führen kann, wer ist dann noch für dieses Leid verantwortlich? Kann man noch sagen „Wir haben das nicht gewusst?“ oder befinden wir uns längst in einer Kollektivschuld?

Am 28.10.2017 finden weltweit Aktionen statt, um für das Leid der Kinder in der Türkei, die mit ihren Müttern im Gefängnis sind, Gehör zu verschaffen. Man kann über die sozialen Medien, mittels diverser Veranstaltungen aktiv sein. Auch wenn diese solidarische Zusammenarbeit wohl leider nicht die Freiheit für diese Opfer bedeuten. Aber zumindest kann diese Gemeinschaft morgen auf die Frage „was habt ihr damals für uns unternommen?“ ehrlich und aufrichtig antworten. Kindswohl kann und darf niemals ein Privileg für eine Minderheit auf dieser Welt sein!!! 

Brief an Hannah Arendt

Hochverehrte Hannah Arendt[1],

 

bitte erlauben Sie mir Ihnen heute einen fiktiven Brief zu schreiben. Wie generell bei Briefen, geht es mir in erster Linie um das Schreiben und nicht um das Gelesen- werden. Die Möglichkeit einer Bekanntschaft ist für das Diesseits leider nicht mehr eingeschlossen, alle anderen Varianten dafür jedoch, nicht ausgeschlossen.

Ich lese derzeit Ihr Werk „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“. Darin ist Ihre 1965 vorgelegte Vorlesung in New York vorzufinden. Nach über einem halben Jahrhundert muss ich sagen, das Böse ist nun in einem zuvor nicht vorstellbaren Format da, es zirkuliert in der Blutlaufbahn der breiten Masse, man kann es förmlich riechen und durch das global-vernetzte System auch permanent sehen. Kein Tag, keine Stunde, keine Minute vergeht, in der nicht auf der Welt Leid zugeführt wird. Das privilegierte Grüppchen zeigt sich da und dort solidarisch aber dann kehrt es zu seiner Gewohnheit und seinem Gebrauch zurück. Es möchte seine Grenzen nicht öffnen, seine Waffen weiterverkaufen und vom Kapitalismus profitieren. Und keineswegs möchte es sein Privileg teilen. Wie auch Sie in Ihrer Vorlesung anmerken: „Wie unheimlich und wie erschreckend schien es plötzlich zu sein, dass ausgerechnet die Begriffe, die wir für diese Dinge gebrauchen – „Moral“ mit dem lateinischen Ursprung, „Ethik“ mit dem griechischen-, niemals etwas anderes gemeint haben sollten als Gebräuche und Gewohnheiten! …. Sind wir schließlich aus einem Traum erwacht?“ Liebe Hannah Arendt, ich wage zu behaupten, es handelt sich um einen Alptraum im Wachzustand. Denn wie sonst kann man es sich erklären den Leidenden bei ihren fürchterlichen Schmerzen jeglicher Art zuzusehen, den Zustand eventuell in dem Moment zu bedauern und gleich im nächsten wieder, ja fast schon ‚heuchlerisch’, weiter ‚funktionieren’?

Das Böse ist heute nicht mehr ganz eindeutig. Es ist vielschichtig und so unendlich häufig. Womit soll ich anfangen? Wir haben heute wieder den Trend von despotischen Staatoberhäuptern, die sich nicht zu fein sind, ihren Schmuck aus gefälschten Demokratie-Federn abzulegen. Es zählt das Prinzip der Macht, ähnlich wie zur Steinzeit. Wir haben heute Kämpfe, die sich im Namen der Religion vermarkten, bei denen aber im Grunde genommen die ganze Welt weiß, dass es lediglich um Territoriale und Ressourcen Ansprüche geht. Religion ist für solche Handlanger des Bösen ein Opfer, welches sie tagtäglich bewusst missbrauchen. Die Handlanger haben leichtes Spiel, denn ihnen mangelt es nicht an Marionetten, die mit der Annahme sie kämen ins Paradies, bereits hunderte Menschen mit in den Tod gerissen haben. Wir Recht Sie doch haben mit Ihren folgenden Zeilen, die unseren heutigen Zeitgeist widerspiegeln: „Es ist nicht zu schwer zu sehen, ja zu verstehen, wie jemand sich entscheiden mag, „ein Schurke zu werden“ und, wo sich die Gelegenheit bietet, eine Umkehrung der Zehn Gebote auszuprobieren- beginnend mit dem Gebot „Du sollst töten“ bis hin zu der Vorschrift „Du sollst lügen“. Auf Ihre Frage warum der Angeklagte ein Funktionär in dieser Organisation wurde, haben wir bisher leider keine zufriedenstellende Antwort. Wir können nur hoffen, dass es eben nicht „einen Eichmann in jedem von uns“ gibt.

Das „radikal Böse“ nach Kant, ist die Neigung und Versuchung in der menschlichen Natur, Böses zu tun. Sie schreiben dazu „Niemand will böse sein, und jene, die trotzdem böse handeln, fallen in ein „absurdum morale“, in moralische Absurdität. Der, der das tut, befindet sich eigentlich im Widerspruch mit sich selbst, mit seinem eigenen Verstand und muss sich deshalb, in Kants Worten, selbst verachten.“ Wir ersticken regelrecht in Selbstverachtung. Tagtäglich ersticken wir am Kant’schen „faulen Fleck“ in der menschlichen Natur: der Verlogenheit, dem Vermögen zu lügen. Trauriger weise beginnen wir wieder damit bei dem Selbst. Denn das Selbst ist in jedes Zentrum gerückt. Unser selbst willen lieben wir unseren nächsten und unser selbst willen tun wir nichts, was wir nicht wollen, dass man es uns antut.

Wo anfangen und wo aufgeben liebe Hannah Arendt? Die Bilder aus Aleppo, Nigeria, Paris, Istanbul… Sie haben sich in mancher eins Gedächtnis gebrannt. Wenn es dunkel und still wird, man die Augen schließt, sind die Bilder da… Wie richtig Sie doch bei folgender Feststellung liegen: „Gewiss, der Katalog der menschlichen Laster ist alt und inhaltsreich, doch kommt eigenartigerweise in einer Aufzählung, bei der weder Völlerei noch Faulheit fehlen, der Sadismus, das reine Vergnügen an der Erzeugung und Betrachtung von Schmerz und Leid, nicht vor, das heißt das eine Laster, das wir berechtigterweise als das Laster aller Laster bezeichnen können und das während ungezählter Jahrhunderte nur in der pornographischen Literatur und in der Maler des Abartigen bekannt war.“ Vielleicht ist der Sadismus die, nun nach einer Metamorphose existente Form des Bösen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins, dass man ihm heute nicht nur randläufig begegnet – er ist quasi allgegenwärtig!

Und dennoch, und vielleicht auch gerade deshalb, darf, ja kann ich jetzt nicht aufgeben, dem Bösen, dem Sadismus, und ihren Verfechtern das Feld zu überlassen. Gerade jetzt und eben noch viel mehr, setzte ich mich ein für Gutes, welches alles und jeden wie ein helles Licht durchflutet, sofern man ihm nur Zeit und Raum gibt. Im Koran heißt es „Wahrlich, gute Taten löschen die schlechten Taten aus.“ (11:114) Ist dieser Vers nicht auch für Sie wie ein heller Lichtblick im tiefen Dunkel? Ich schöpfe daraus soviel Kraft und soviel Energie… Täglich versuche ich in meiner kleinen Existenz das von Ihnen als „wirklich Böse“ beschriebene, welches „bei uns sprachloses Entsetzen verursacht“ zu bekämpfen; um nicht sagen zu müssen: „Dies hätte nie geschehen dürfen“.

An dieser Stelle begebe ich mich gegen Ende meines Briefes. Ich könnte hier noch eine lange Lobpreisung Ihrer Ideen und Werke auflisten. Allerdings verspüre ich aus Ihren Zeilen, dass Sie keineswegs die Sorte Frau sind, die sehr viel Wert auf derlei „Wort Geschwätz“ legt. Vielmehr möchte ich mich für die in mir durch Sie verursachte bewusste Anregung zum Denken und daraus resultierenden unablässigen Versuch „gut“ zu sein, bedanken. Wahrlich leben wir heute in einem Zeitabschnitt, in dem einem das „Böse“ sein, häufig leichter gestellt ist als umgekehrt.  Wie es aber in einem Sprichwort so schön heißt: „was zählt, ist das Schwere zu schaffen“. In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für die Anregung, das Schwere anzugehen.

 

Hochachtungsvoll

Hilal Akdeniz

 

 

 

 

 

[1] Dies ist ein fiktiver Brief, den die Autorin an die Philosophin Hannah Arendt verfasst. Darin bezieht sie sich auf die erste Vorlesung Arendt’s unter dem Titel „Some Questions of Moral Philosophy“ im Jahre 1965 an der New York School for Social Research in New York. Veröffentlicht in der Fontäne, 2017.

Es wird gejagt und in die Fresse gehauen

„Was geschehen ist, ist geschehen! Nun sind wir in Deutschland und müssen hier weitermachen. Wir müssen an das Gute glauben und dafür arbeiten!“

Dieses Zitat stammt von einer geflüchteten Journalistin, die gestern auf einem Panel mit diesen Worten ihre Rede abschloss. Wie gerne hätte man ihr gesagt: ja genau, hier ist es möglich. Hier haben wir Demokratie. Die Menschen respektieren sich und gehen zivilisiert miteinander um. Tja, nach der Wahl und vor allem nach den jüngsten Aktionen von Politikern, dem Einzug der AFD, kann man eine derartige Aussage nicht glaubwürdig an den Mann oder an die Frau vermarkten.

Gauland jagt Merkel und Nahles haut in die Fresse. Nazis besetzen das Amt des Richters und lassen Gerechtigkeit walten. Antisemiten kommen in den Bundestag. Flüchtlinge sind sowieso nicht erwünscht. Ach ja und Ausländer müssen immer noch raus. Da gibt es zwar noch die Migranten, die integriert sind und einen deutschen Pass haben, aber leider kann man das auf der Straße nicht gut unterscheiden- eventuell Symbol an die Kleidung annähen?!

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Immer Liebe und Positivismus verstreuen. Den Kindern, der Zukunft zuliebe. Ja, aber wie? Keine Nachrichten mehr sehen- alle Diskussionen meiden- ein Haus im Wald bauen- sich in Watte verstecken? Klingt teilweise verlockend aber nicht für jeden machbar. Benötigt es denn für die Besinnung der Menschen immer einer Katastrophe, Apokalypse oder eines Weltkrieges? Tja, selbst da scheint unsere Spezies keine Lektion daraus zu lernen.

Man sollte tatsächlich als erstes an unserer Diskussionskultur arbeiten. Leben und leben lassen. Reden und reden lassen. Diversität als Bereicherung achten. Wenn wir nur ein Viertel von Mevlana’s Toleranzverständnis verinnerlichen könnten… Man müsste wohl im Kindergarten mit Konzepten ansetzen, die Themenschwerpunkte Menschenrechte und Liebe beinhalten. Man kann damit nicht früh genug anfangen. Hass darf keine Fläche finden um seine Sporen zu streuen.

Ja, es scheint extrem aussichtslos und die Hassenden haben sowieso vielmehr Erfolg und Spass. Gut und nett und ehrlich sein sind irgendwie Oldschool und out. Und nichtsdestotrotz müssen wir weiter machen. Gerade deshalb und eben drum. Geht liebevoll miteinander um!

Wer die Wahl hat, hat die Qual #Wahl2017

Anlässlich der heutigen Wahl schreiben wir das Wort nicht am Freitag sondern mal am Sonntag. Heute haben alle Wahllokale geöffnet. Wer also nicht vorher per Briefwahl gewählt hat der sollte, lieber schneller als „mach ich gleich“, ins Lokal huschen.

Die Wahl 2017 hat irgendwie so ihre Tücken, finde ich. Auf der einen Seite haben wir zwei Kanzlerkandidat*innen, die sich im TV Duell so geähnelt haben und so harmonisch waren, dass es mehr von einem Duett hatte als von einem Duell. Auf der anderen Seite haben wir eine riesengroße braune Lawine die droht, über das Land zu rollen. Zwar versuchte Frau von der Leyen noch am Freitag beim Frühstück beim MoMa im ARD zu beruhigen und sagte, dass die AFD wohl in den Bundestag einziehe aber da ihr jegliche Inhalte zu Bildung und Rente fehle, werden wohl die populistischen Wähler dann wach werden und es hätte sich dann mit der AFD ausgeträumt. Das mag vielleicht so schon zutreffen aber vier Jahre AFD, was heisst das für uns? Vier Jahre bedeutet komplett Grundschule, Grundstufe auf dem Gymnasium oder Ankommen in Deutschland- Asyl beantragen und abgeschoben werden ohne das Land kennenzulernen oder der Sprache irgendwie mächtig zu sein. Vier Jahre Traumphase sind definitiv zu lange.

Auf der anderen Seite haben wir im internationalen Diskurs solch eine „bad Karma“ Konstellation- im Mittelalter hätte man von  schlechten Sternkonstellationen gesprochen. Wer weiß, ob jetzt nicht doch demnächst der 3. Weltkrieg einbricht, oder so viele Menschen wegen Folter, Hunger und Krankheit sterben, weil wir unser Grundrecht an Leben nicht teilen wollen. Es sieht im Gesamtkontext nicht gut um die Welt aus! Gerade deshalb müssen wir wohl umso mehr Einsatz für Demokratie und Menschenrechte bringen- nicht nur so als Hobby sondern in Form von Lebensphilosophie. Caroline Emcke sagte dazu mal in einem Vortrag:“ unsere Freiheit und Rechte werden nicht weniger, wenn wir diese auch für andere verlangen und gelten lassen“. Wie wahr!

Wir sind unserer bürgerlichen Pflicht nachgegangen, haben von unserem demokratischen Recht Gebrauch gemacht und waren wählen, bitte tut das auch! #gehtwählen #wahl2017 #BTW17 #Bundestagswahl #Merkel #Schulz #Deutschland