ich war zehn Jahre alt. November 1989, ein Abend in Augsburg. Im Wohnzimmer lief die Tagesschau.
Und dann diese Bilder: Menschen auf der Mauer. Menschen mit Hammer und Meißel. Menschen, die sich fremd waren und sich trotzdem weinend in den Armen lagen. Trabis, die sich durch eine jubelnde Menge schoben.
Ich habe als Kind nicht alles verstanden. Aber eines habe ich gespürt: Da wollen Menschen nicht länger draußen stehen. Da wollen Menschen dazugehören.
Willy Brandt hat am Tag danach gesagt, dass jetzt »wieder zusammenwächst, was zusammengehört«.
Ein wunderschöner Satz. Aber in ihm steckt eine Frage, die ich heute laut stelle: Wer gehört eigentlich zusammen? Und gehören wir dazu?
»Wir sind ein Volk« – aber wer ist »wir«?
Ich bin ein Kind der dritten Generation. Mein Großvater kam 1966 aus der Türkei nach Bayern – als sogenannter Gastarbeiter.
Gastarbeiter. Allein dieses Wort. Ein Gast kommt, bleibt eine Weile und fährt wieder. Mit Kindern, Enkeln und Urenkeln hat niemand gerechnet. Max Frisch hat das 1965 in einem einzigen Satz gesagt: »Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.«
Die Generation meiner Großeltern hat dieses Land mit aufgebaut. Am Band, auf dem Bau, in der Nachtschicht. Und trotzdem hing jahrzehntelang eine Frage in der Luft: Wann geht ihr eigentlich wieder?
1989 riefen die Menschen in Leipzig zuerst »Wir sind das Volk«. Dann wurde daraus »Wir sind ein Volk«. Ich mag beide Sätze sehr. Aber wir müssen sie zu Ende denken. Wer ist dieses »wir«?
Bundespräsident Christian Wulff hat am 3. Oktober 2010, zwanzig Jahre nach der Einheit, eine Antwort gegeben. Über den Ruf »Wir sind ein Volk« sagte er: »Dieser Ruf der Einheit muss heute eine Einladung sein an alle, die hier leben.«
An alle, die hier leben.
In derselben Rede sagte Wulff noch etwas. Er nannte das Christentum und das Judentum – und dann diesen Satz: »Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.«
Ein Bundespräsident sagt am Tag der Deutschen Einheit: Auch dieser Glaube gehört dazu. Und was folgte? Kein Aufatmen. Ein Sturm.
Widerspruch kam sofort, auch aus der Union. Fünf Monate später erklärte der neue Bundesinnenminister an seinem ersten Tag im Amt, das lasse sich aus der Geschichte nirgends belegen. 2016 schrieb eine junge Partei in ihr Grundsatzprogramm: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.« Und 2018 sagte ein Bundesinnenminister, Horst Seehofer, wortgleich: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.« Mit einem Nachsatz: »Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.«
Muslime gehören also dazu – ihr Glaube nicht. Man darf dazugehören, solange man einen Teil von sich an der Garderobe abgibt.
Das ist keine Zugehörigkeit. Das ist Duldung.
Und wir vergessen gern: Auch die DDR hatte ihre Gastarbeiter. Sie hießen Vertragsarbeiter und kamen aus Vietnam oder Mosambik. 1990, im Jahr der Einheit, bot man vielen von ihnen 3.000 D-Mark und einen Rückflug an, wenn sie gingen.
Auch das gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte.
Die Kränkung im Osten – und wohin die Wut gelenkt wird
Ich will heute ehrlich über den Osten sprechen. Nicht von oben herab. Und nicht von außen.
Für die meisten Menschen im Westen ging das Leben nach 1990 weiter wie vorher. Im Osten änderte sich fast alles: der Betrieb, das Geld, der Beruf, die Regeln – oft auch der Wert der eigenen Lebensgeschichte. Viele Menschen wurden nicht abgeholt. Viele wurden abgewickelt.
Die sächsische Ministerin Petra Köpping hat am Rand von Pegida-Demonstrationen immer wieder einen Satz gehört. Er wurde später der Titel ihres Buches: »Integriert doch erst mal uns!«
Wenn ich diesen Satz lese, bleibe ich an einem Wort hängen: integriert. Ein Wort, das jahrzehntelang für Menschen wie mich reserviert war.
Angela Merkel, selbst im Osten aufgewachsen, hat 2021 in Halle am Tag der Deutschen Einheit erzählt, wie ihre DDR-Biografie als Ballast abgetan wurde. Und dann stellte sie eine Frage: »Gibt es zwei Sorten von Bundesdeutschen und Europäern – das Original und die Angelernten …?«
Frau Merkel, diese Frage kenne ich. Viele von uns kennen sie. Das Original und die Angelernten – nach diesem Muster werden Menschen wie ich seit drei Generationen sortiert.
Die Forschung zeigt: Ostdeutsche erleben ähnliche Abwertungen wie Musliminnen und Muslime in diesem Land. Wir teilen eine Erfahrung: nie ganz dazuzugehören.
Und genau deshalb tut es so weh.
Denn was ich heute erlebe, ist nicht, dass wir uns in dieser Erfahrung wiedererkennen. Sondern dass sich die Wut von Menschen, die zu Recht gekränkt sind, gegen die richtet, die diese Kränkung am besten verstehen. Gegen mich. Gegen meinesgleichen. Gegen meine Kinder.
Petra Köpping hat in ihrem Buch einen Satz geschrieben, so schlicht wie wahr: »Die Flüchtlinge können nichts für die Wendezeit.« Ich ergänze: Die Enkel der Gastarbeiter auch nicht.
Carolin Emcke schreibt in »Gegen den Hass«: »Aber Hass ist nicht einfach da. Er wird gemacht.« Und sie zeigt: Gegen wen er sich richtet, ist kein Zufall. Er wird gelenkt.
Die Kränkung ist echt. Die Wut ist verständlich. Aber wohin diese Wut gelenkt wird – das ist eine politische Entscheidung. Und die nehme ich nicht hin.
Remigration – ein Aufschrei
Und damit komme ich zu einem Wort, das ich eigentlich nicht aussprechen will. Ich tue es heute trotzdem. Ganz bewusst. Am Tag der Deutschen Einheit: Remigration.
Im November 2023 trafen sich in einem Landhaus in Potsdam Rechtsextreme, Politiker und Unternehmer. Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner stellte dort einen Plan vor, wie man Menschen aus Deutschland herausbekommt: Asylsuchende, Ausländer mit Aufenthaltsrecht – und deutsche Staatsbürger, die er für nicht angepasst genug hält. Im Publikum saß auch ein AfD-Politiker aus Sachsen-Anhalt: Ulrich Siegmund.
Deutsche Staatsbürger. Das bin ich. Das sind meine Kinder.
Die Jury der sprachkritischen Aktion hat »Remigration« zum Unwort des Jahres 2023 gewählt und eine »beschönigende Tarnvokabel« genannt. Remigration klingt nach Reisebüro. Gemeint sind Ausweisung, Vertreibung, Deportation.
Hunderttausende sind damals auf die Straße gegangen. Und heute? Heute steht das Wort in Wahlprogrammen. Vor vier Wochen ist die AfD in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent stärkste Kraft geworden, in Mecklenburg-Vorpommern kurz darauf mit über 38 Prozent.
Wer das noch für Spinnerei hält, der schaue nach Magdeburg. Dort hat Martin Sellner kurz vor der Wahl ein »Institut für Remigration« angemeldet. Dazu ein Papier mit einem 100-Tage-Plan für eine AfD-geführte Landesregierung: ein Landesamt für Remigration, Sachsen-Anhalt als »Remigrationsmusterland«. Auf seiner Liste stehen ausdrücklich auch deutsche Staatsbürger. Er nennt sie »Parallelgesellschaften nichtassimilierter Staatsangehöriger«.
Das Bundesverwaltungsgericht hat Sellners Remigrationskonzept schon 2025 als unvereinbar mit der Menschenwürde eingestuft. Die AfD Sachsen-Anhalt lässt Fragen dazu unbeantwortet. Und Ulrich Siegmund will Ministerpräsident werden. Ihm fehlen drei Stimmen.
Das ist keine Spinnerei. Das ist eine konkrete Gefahr.
Deshalb sage ich heute so deutlich, wie ich kann:
Ich bin nicht remigrierbar.
Menschen wie mir sagt man gern: Dann geh doch zurück. In die Türkei.
Ich war seit elf Jahren nicht mehr dort. Ich habe die Politik der AKP-Regierung und den Präsidenten in den sozialen Medien öffentlich kritisiert. Ich könnte einreisen. Aber ich würde ins Gefängnis kommen – und nicht mehr zurück.
Diesen Mut habe ich teuer bezahlt: Vor drei Jahren konnte ich nicht zur Beerdigung meines eigenen Vaters.
Wenn es in meinem Fall also eine Remigration gäbe, dann nach Augsburg. Dort bin ich geboren. Und genau dort gehöre ich für manche nicht hin.
Meine Kinder sind hier geboren. Sie sind die vierte Generation. Wohin, bitte, sollen sie »zurück«?
Remigration ist kein Migrationskonzept. Es ist ein Angriff auf die Einheit dieses Landes. Wer Deutsche in echte und unechte sortiert, baut eine neue Mauer. Nicht aus Beton. Sondern aus Herkunft.
Und damit es sich niemand zu leicht macht: Rassismus ist kein Ostproblem. Mölln, Solingen, Hanau – das war im Westen. Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau 2020 sagte Angela Merkel: »Rassismus ist ein Gift. Der Hass ist ein Gift.« Dieses Gift kennt keine Himmelsrichtung.
An dem Tag des Anschlags in Hanau musste ich übrigens meinen Kindern nach der Kita erklären, was Rassismus ist. Meine Tochter konnte es nicht begreifen, woran der Täter ausmachen konnte, wer deutsch war und wer nicht…
Meine Kinder – die vierte Generation
Was macht das alles mit mir?
Ehrlich gesagt: Es macht mich müde. Es macht mich wütend. Und manchmal macht es mir Angst – weniger um mich als um meine Kinder. Ich sehne mich nach dem Weltfrieden und überlege mir manchmal, ob ich auch einen Plan B und einen Notfallkoffer mit allen wichtigen Dokumenten für den Fall der Fälle benötige. Aber nein! Ich als Teilzeit-Katholikin, als Deutsche ohne Bio-Gütesiegel darf mich jetzt nicht mundtot machen lassen. Es darf mich nicht stumm machen!
Meine Kinder sind die vierte Generation. Sie wachsen mit mehr als einem Ort auf, mit mehr als einer Geschichte. Sie sind nicht halb dies und halb das. Sie sind ganz. Und sie sind mehr. Sie haben eine transnationale Identität.
Meine Kinder müssen sich nicht entscheiden, wohin sie gehören. Transnationale Identität ist kein Loyalitätsproblem. Sie ist ein Reichtum. Und sie ist ziemlich genau das, was dieses Land seit 1990 selbst lernt: dass man zwei Geschichten in sich tragen und trotzdem eins sein kann.
Einheit ist ein Versprechen
1989 haben Menschen im Osten eine Mauer zum Einsturz gebracht. Mit Kerzen, mit Mut und mit vier Worten: »Wir sind das Volk.«
Heute brauchen wir denselben Mut. Nicht gegen eine Mauer aus Beton, sondern gegen die Mauern, die gerade mit Worten gebaut werden.
Einheit ist nichts, was man 1990 einmal hergestellt hat. Einheit ist ein Versprechen: dass niemand in diesem Land seine Zugehörigkeit jeden Tag performativ neu beweisen muss. Nicht die Ostdeutschen. Nicht die Enkel der Gastarbeiter. Nicht benachteiligte oder sozial schwächere. Nicht meine Kinder.
Dieses Versprechen hält niemand für uns. Das können nur wir selbst: im Verein, in der Schule, am Küchentisch, an der Wahlurne.
Das zehnjährige Mädchen vor dem Fernseher in Augsburg hat damals gelernt: Mauern können fallen. Die Frau, die heute vor Ihnen steht, weiß: Sie können auch wieder gebaut werden.
Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das nicht passiert.
Wir sind ein Volk. Wir alle.
Dieser Text wurde anlässlich zum Tag der deutschen Einheit 2026 auf Einladung des Kubik e.V. als Keynote vorgetragen



