Ein Plädoyer für die Pressefreiheit

 

Die Gedanken sind frei,

wer kann sie erraten,

sie fliehen vorbei

wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen,

kein Jäger erschießen,

es bleibet dabei:

die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein

Im finsteren Kerker,

das alles sind rein

vergebliche Werke;

denn meine Gedanken

zerreißen die Schranken

und Mauern entzwei:

die Gedanken sind frei.

(Deutsches Volkslied zur Gedankenfreiheit, 1780).

 

Heute ist Tag der Pressefreiheit. Die Welt feiert die Macht, die als fünfte (hier wird die allseits gegenwärtige kapitalistische Macht noch hinzugezählt) und regulierende Kraft in Staatssystem gilt. Ein aktueller Beitrag der Reporter ohne Grenzen zeigt jedoch, dass diese regulierende Instanz stark gefährdet ist. Selbst in den demokratischen europäischen Ländern häufen sich Hetze und Gewalt gegenüber Journalisten. Eine Rangliste von 180 Staaten macht deutlich, dass Staaten, die zuvor als Demokratie- gefestigt, Menschrechte- befürwortend und Meinungsfreiheit- bestärkend galten, auf ihren Rangreihen abgerutscht sind. Die Länder, die ihre Gesamtpunktzahl der Bewertungskriterien behalten oder gar vermehrt haben sind in der extremen Unterzahl. Die Liste wird eröffnet mit den Platzbesten Norwegen und Schweden und geschlossen mit Nordkorea. Deutschland macht Platz 15 und die USA Platz 45. Für zwei Staaten, die im Weltgeschehen so viel Einfluss und Macht haben, sind diese Plätze eher ein Armutszeugnis.

Man könnte nun glauben, dass unser globalisiertes und modernes Zeitalter, in dem doch jeder einzelne mittels Internet und Informationsüberflut bereits selbst als quasi-Journalist agiert und dass die Nachrichtenbeschaffung ein neues Format angenommen hat. Die Schranken und Zensuren können heute gar nicht mehr wie früher gelegt werden, jeder kann sie mannigfach umgehen, könnte man meinen. Das dem nicht so ist sieht man heute eigentlich eindeutig an zwei Fällen: Nordkorea und Türkei. Nordkorea hat sein ganzes Netz nach außen und nach innen komplett abgeschottet. Alle Bürger, die sich gegen diese Maßnahmen widersetzen, werden bestraft. Es gibt unzählige Menschen, die für ihre Texte auf ihren Blogs in Haft sitzen!

Besonders heikel ist es leider in der Türkei. In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Land in ein riesiges Gefängnis abgewandelt. Es ist derzeit das größte Gefängnis für Journalisten weltweit. Mit den 180 Journalisten, die aktuell in Haft sitzen, könnte man mehrere Publikationen allein aus dem Gefängnis produzieren. In dem aktuellen Themenbeitrag von Anmesty International heißt es:

Massive und unrechtmäßige Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit sind in der Türkei seit Ausrufung des Ausnahmezustands im Juli 2016 an der Tagesordnung“, sagt Janine Uhlmannsiek, Expertin für Europa und Zentralasien bei Amnesty International in Deutschland. „Mehr als 180 Medienhäuser hat die Regierung schließen lassen, mehr als 120 Journalistinnen und Journalisten befinden sich in Haft und Tausende Medienschaffende haben ihren Job verloren. Die Pressefreiheit in der Türkei liegt seit fast zwei Jahren in Ketten.“

Es wird um konstanten Druck von außen gefordert:

„Die türkische Regierung missbraucht die weitreichenden Befugnisse, die sie durch den Ausnahmezustand erhält, um die Zivilgesellschaft zu unterdrücken und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Damit verletzt sie die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit“, so Uhlmannsiek. „Die deutsche Bundesregierung muss – genau wie die internationale Staatengemeinschaft – weiter Druck auf die türkische Regierung ausüben: Die täglichen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei dürfen nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn die Regierung in Ankara prominente gefangene Deutsche freigelassen hat. Es gilt, deutlich Kritik zu äußern und die türkische Regierung zur Einhaltung ihrer menschenrechtlichen Verpflichtungen aufzufordern. Die türkische Zivilgesellschaft und die freie Presse kämpfen ums Überleben. Dabei darf die internationale Gemeinschaft sie nicht alleine lassen.“

Dass Druck von außen in Idealfall etwas bewirken kann, sah man im Fall Deniz Yücel, der nach nichtveröffentlichten Gesprächen und Deals freigelassen wurde. Dass es aber auch ganz anders verlaufen kann, sieht man im Fall der Altan-Brüder: obwohl der europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Unrechtmäßigkeit der Haft verkündet hat, hat sich in der Situation der Journalisten nichts verändert.

Obwohl unzählige Journalisten gefangen sind, motivieren Beiträge und Mitteilungen gerade jener aus der Haft. Es hat den Anschein, dass dieser Zustand sie noch vielmehr bestärkt hat in ihrem Beruf, in ihrer Berufung. Die inhaftierte Journalistin Zehra Dogan  teilte zum Beispiel mit „Ich bin im Gefängnis aber ich bin keine Gefangene“.  Die Worte der jungen Dogan geben so viel Hoffnung und Mut, für Inhaftierte und all jene, die draußen auf sie warten: „Jeden Tag zeigen wir, dass Kunst und Journalismus nicht eingesperrt werden können. Wir werden unseren Kampf fortsetzen und weiterhin sagen „Journalismus ist kein Verbrechen“, bis alle Journalisten frei sind !“Wie heißt es doch so schön in dem Volkslied? Die Gedanken sind frei….

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2018 hätte doch anders verlaufen sollen…

Ich weiß ehrlich nicht wie es euch geht, aber ich ertappe mich selbst immer wieder in schwerwiegender Hoffnungslosigkeit. Man braucht sich nur mal für einige Minuten in den sozialen Medien aufzuhalten. Ein Auszug von heute morgen:

  • Der Militäreinsatz der türkischen Armee in #Afrin: es gibt auf beiden Seiten bereits Tote- der Grund dieses Kriegseinsatzes ist völlig sinnlos und mit Milliarden anderen Lösungsansätzen wäre der „Konflikt“ ebenso lösbar- aber, nein, es muss Blut fließen. In den Moscheen beten sie für den Tod, den Tod für Glaubensgeschwister, denn die vermeintlichen Gegner sind auch Muslime (denn komischerweise wird immer extrem religiös und fromm argumentiert!!!). Ich verstehe einfach den Sinn für diesen nutzlosen Tod nicht. Krieg war noch nie und kann auch in Zukunft nicht die Lösung sein!
  • In den Flüchtlingslagern der Rohinka-Muslime aus Myanmar brechen Epidemien aus, tausende Kleinkinder und Erwachsene leiden unter akuten und ansteckenden Krankheiten. Die Videobeiträge kann ich nicht wirklich ohne emotionale Ausbrüche anschauen. Eine Mutter beklagt sich, dass selbst die Hilfebringenden sich nicht mehr in die Lager trauen, „alle rennen weg vor uns und haben Angst angesteckt zu werden“. So viel Leid und Schmerz- für was? und warum?
  • In einem asiatischen Land wird aus einem Abwasserkanal in der Straße ein kleiner Säugling rausgeholt. Es hat sich eine Menschentraube versammelt, um das Geschehene aus erster Reihe zu beobachten. Das Baby ist nackt und tot. Die Mutter hat es gleich nach der Entbindung in das Wasser geworfen und ertränkt. Hätte das Kind eine Überlebenschance wenn einer aus der glotzenden Traube für Mutter und Kind Hilfe angeboten hätte? Gibt es denn dort keine Menschen, die auch gerne ein „nicht-leibliches“ Kind ihr eigen nennen können?
  • Ungefähr einhundert kommerzielle Make-up/Mode-Tutorials berieseln unsere Wahrnehmung täglich… Junge Frauen und Männer, die als INFLUENCER uns die neuesten Trends nahe bringen, uns helfen, uns in Sachen Mode und Styling recht leiten, denn wir sind irregeleitet, wir wissen nicht was wir tun! Diese Influencer, und ja es klingt schon wie ein Virus-Infekt- denn genau so wirken diese Leute auch komischerweise, machen das natürlich alles nur für uns! Klar, dass man in diesem Sektor nicht über Geld spricht, also zumindest nicht, wieviel diese Einflussreichen dafür bekommen. Ich sage nicht, dass diese „Arbeit“ nicht wirklich hart und anstrengend ist. Oft müssen die Blogger oder Vlogger stundenlang Experimente an sich selbst aufzeichnen, mit anderen konkurrieren, niemals schlecht aussehen oder krank sein. Ich sage aber, dass diese „Arbeit“ total unsinnig und absolut nicht notwendig ist! Es gab mal eine Generation, die hat Lobeshymnen auf die Individualität geschworen. Heute sehen alle jungen Menschen gleich aus- viele heißen sogar gleich!

 

FAKT IST: 2018 soll wirklich anders laufen. Kommerz, Spaß und Sorglosigkeit  ist doch nicht alles im Leben?! Wie kann ich etwas uneingeschränkt genießen wenn ich doch ganz genau weiß, ja täglich sehe, wie schlecht es anderen geht? Natürlich heißt das nicht, dass ich mich in hilflosem Mitleid auflösen soll. Aber jeder kann sich in seiner bescheidenen Dankbarkeit üben und auf jeden Fall teilen und aktiven Einsatz für Bedürftige einbringen. Damit fängt man am besten bei den Menschen an, die gleich vor der eigenen Nase sitzen. Wann habt ihr zuletzt eure Großeltern, älteren Verwandten, Kranke besucht? Im Krankenhaus oder im Seniorenheim warten so viele alte Menschen auf Besuch, täglich aussichtslos! 

Heute schon eine gute Tat vollbracht?

Tücher ohne Köpfe- Deutschland holt Kopftuchdebatte aus dem Kühlfach

Houseroules:

1.Der Zwang zum Kopftuch, Hijab, Niqab etc. ist menschenrechtsverachtend und definitiv nicht im Sinne des Islam, steht daher ausserhalb der hiesigen Diskussion. Derartig patriarchale Machtmechanismen gehören verboten, der Einsatz gegen diese ist unser aller Aufgabe.

2. Im Gegenzug dazu gehört es aber auch zur freien Entscheidung einer jeden Frau, sich für das Tuch, in welcher Form auch immer, entscheiden zu dürfen, ohne die Freiheit, freie Wahl und Emanzipation dieser permanent abzusprechen.

3. Die Kleiderordnung dient nicht! der Entsexualisieurung  und Unterordnung der Frau. Das heutige Verständnis von Mode und Lifestyle stellt keine Divergenz zwischen islamischer Kleidung und Ästhetik und Schönheit. Vielmehr sollten hartnäckige KopftuchgegnerInnen sich eventuell den Aspekt einer spirituellen Kommunikationsform zwischen Frau und Schöpfer verinnerlichen.

4. Barbie ist mit Sicherheit nicht das beste ausschlaggebende Mittel für eine derartige Diskussion- oder vielleicht sollten wir eher von einer Polemik sprechen?!

 

Alle Jahre wieder kommt die Kopftuchdebatte. Immer finden die selben oder ähnlich gesinnte AkteurInnen einen Anreiz ihr Entsetzen dazu der Öffentlichkeit zu offenbaren. Anreiz im November 2017 eine Hijarbie: eine Sheroe- die Miniaturversion von Ibtihaj Muhammad. Eben jene, die schon seit 2006 für die Staaten an olympischen Wettkämpfen als Profisportlerin teilnimmt. Muhammad gilt als Rollenmodell für viele junge Frauen, da sie ein gutes Beispiel für Frauenkarriere in einer Männerdomäne und mögliche Teilhabe und Inklusion von Muslimas in der Mehrheitsgesellschaft ist. Man könnte meinen, alle würden sich für sie freuen. Leider erfährt aber Ibtihaj Muhammad, und solche wie sie,  gerade von Feministinnen und Frauenrechtlerinnen, die sich ja eigentlich für Frauen einsetzen, schärfste Kritik.

Kopftuch-Bashing als Werbung

Im Kanon sprechen die Gegner im selben Ton (nachlesbar aber nicht zu empfehlen im Beitrag von der Emma– übrigens erstaunlich viel gegen das Kopftuch publiziert und gar keine Pro-Beiträge zu finden). Die Angst steckt scheinbar tief im Mark! Wie oben in den Houseroules schon geschildert sind wir uns einig im Einsatz gegen die Zwangsverschleierung, die Entrechtlichung und Instrumentalisierung von Frauen.

Nun kennen aber die „GegnerInnen“ leider nun auch andere Beispiele aus ihrem persönlichen Leben. Sie haben genügend Zeit, sich im Privaten zu unterhalten, Einsichten zu sammeln und Abwägungen zu machen. Wenn aber danach dennoch an der bizarren und starren Haltung bestanden wird, ohne wenn und aber pauschalisiert wird, dann fehlt es eindeutig an Diskussionskultur und Weiterentwicklungsvermögen! Gerade jene wie Emma, Mansour und Ates sind durch ihre Tätigkeitsfelder eigentlich verpflichtet auch die andere Alternative zumindest zu erwähnen. Sie müssen diese nicht gut heißen, mögen oder vermarkten. Allerdings müssen sie als Aktivisten für Frauen- und Menschenrechte auch die Rechte von Frauen, die sie an den Pranger stellen möchten, schützen. Oder kann man sich mittlerweile schon durch einen selektiven Einsatz profilieren? Frauenrechtlerinnen müssen sich für die Rechte aller Frauen- auch für jene, die aus freien Stücken sich islamisch bekleiden möchten und daran gehindert werden, diskriminiert werden, einsetzen. Oder sind wir etwa keine Frauen, wie schon Soujorner Truth fragte „Ain’t I a Woman?“. Wie kann eine Akteurin sich als Imamin verstehen, aber nicht bereit sein, einen beachtlichen weiblichen Teil der Ummah so derartig abzuwerten und zu missachten?

Der Blick auf den Kopf unter dem Tuch lohnt sich- definitiv!

Unsere pluralistischen Gesellschaftsformen stellen uns vor neue Herausforderungen. Eine gemeinsame, im Dialog verankerte mit Diversität bereicherte Gesellschaft erfordert mehr Respekt, Toleranz und Teilhabe. Die Zugänge dürfen nicht selektiv und von Privilegien abhängig sein. Wir müssen heute in der Lage sein, Lebensformate unter den jeweiligen Konditionen betrachten zu können. Leider gelingt es den GegnerInnen der Kopftuchdebatte nicht die westliche Brille abzusetzen (Lesetipp Chandra Talpade Mohanty: Under Western Eyes) und sich das Leben des Gegenüber aus dem jeweiligen Standpunkt anzuschauen. Zwangsläufig pauschalisiert man und missachtet somit Rechte anderer. Man läuft Gefahr, dass koloniale Diskriminierungsansätze im 21. Jahrhundert zwanghaft am Leben gehalten werden. Traurigerweise fing die eigentliche Kopftuchdebatte, so auch die Soziologin Prof. Dr. Nilüfer Göle, erst an, als die ersten Frauen mit Kopftuch sich hochgearbeitet hatten von der Putzfrau zur Lehrerin oder Angestellten.

Erstaunlicherweise richtet sich die Kritik fast immer gegen jene Frauen, die die Teilhabe am Öffentlichen anstreben, erfolgreich sind oder für viele andere als Rollenmodell dienen. Letzen Sommer war es die Urlauberin am französischen Strand mit einem Burkini heute eine Spitzensportlerin. Gebasht werden also jene Frauen, die aktiv am Leben teilnehmen und auch in ihren eigenen Reihen und Communities eventuell vom Patriarchat „bekämpft“ werden. Also stellt sich die Frage, warum jene nicht von AktivistInnen für jene Rechte unterstützt werden, sondern nochmal in anderer Form erniedrigt und ausgegrenzt? Vorbildlich und wünschenswert wäre es manchmal, wenn jene Office-AktivistInnen mal raus auf das Feld gingen und tatsächlich sich für unterdrückte und geschändete Frauen einsetzen würden, sich gegen ihre entsetzlichen Männer aufstemmen würden und Einsatz und Courage bewiesen. Das bedarf aber viel Kraft und Einsatz- ohne Geld- bringt auch nicht genug Echo- ist also nicht PR-tauglich. Dann basht man also lieber diejenigen, die Früchte tragen, denn das verkauft sich immer gut!

Es wird gejagt und in die Fresse gehauen

„Was geschehen ist, ist geschehen! Nun sind wir in Deutschland und müssen hier weitermachen. Wir müssen an das Gute glauben und dafür arbeiten!“

Dieses Zitat stammt von einer geflüchteten Journalistin, die gestern auf einem Panel mit diesen Worten ihre Rede abschloss. Wie gerne hätte man ihr gesagt: ja genau, hier ist es möglich. Hier haben wir Demokratie. Die Menschen respektieren sich und gehen zivilisiert miteinander um. Tja, nach der Wahl und vor allem nach den jüngsten Aktionen von Politikern, dem Einzug der AFD, kann man eine derartige Aussage nicht glaubwürdig an den Mann oder an die Frau vermarkten.

Gauland jagt Merkel und Nahles haut in die Fresse. Nazis besetzen das Amt des Richters und lassen Gerechtigkeit walten. Antisemiten kommen in den Bundestag. Flüchtlinge sind sowieso nicht erwünscht. Ach ja und Ausländer müssen immer noch raus. Da gibt es zwar noch die Migranten, die integriert sind und einen deutschen Pass haben, aber leider kann man das auf der Straße nicht gut unterscheiden- eventuell Symbol an die Kleidung annähen?!

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Immer Liebe und Positivismus verstreuen. Den Kindern, der Zukunft zuliebe. Ja, aber wie? Keine Nachrichten mehr sehen- alle Diskussionen meiden- ein Haus im Wald bauen- sich in Watte verstecken? Klingt teilweise verlockend aber nicht für jeden machbar. Benötigt es denn für die Besinnung der Menschen immer einer Katastrophe, Apokalypse oder eines Weltkrieges? Tja, selbst da scheint unsere Spezies keine Lektion daraus zu lernen.

Man sollte tatsächlich als erstes an unserer Diskussionskultur arbeiten. Leben und leben lassen. Reden und reden lassen. Diversität als Bereicherung achten. Wenn wir nur ein Viertel von Mevlana’s Toleranzverständnis verinnerlichen könnten… Man müsste wohl im Kindergarten mit Konzepten ansetzen, die Themenschwerpunkte Menschenrechte und Liebe beinhalten. Man kann damit nicht früh genug anfangen. Hass darf keine Fläche finden um seine Sporen zu streuen.

Ja, es scheint extrem aussichtslos und die Hassenden haben sowieso vielmehr Erfolg und Spass. Gut und nett und ehrlich sein sind irgendwie Oldschool und out. Und nichtsdestotrotz müssen wir weiter machen. Gerade deshalb und eben drum. Geht liebevoll miteinander um!

Wer die Wahl hat, hat die Qual #Wahl2017

Anlässlich der heutigen Wahl schreiben wir das Wort nicht am Freitag sondern mal am Sonntag. Heute haben alle Wahllokale geöffnet. Wer also nicht vorher per Briefwahl gewählt hat der sollte, lieber schneller als „mach ich gleich“, ins Lokal huschen.

Die Wahl 2017 hat irgendwie so ihre Tücken, finde ich. Auf der einen Seite haben wir zwei Kanzlerkandidat*innen, die sich im TV Duell so geähnelt haben und so harmonisch waren, dass es mehr von einem Duett hatte als von einem Duell. Auf der anderen Seite haben wir eine riesengroße braune Lawine die droht, über das Land zu rollen. Zwar versuchte Frau von der Leyen noch am Freitag beim Frühstück beim MoMa im ARD zu beruhigen und sagte, dass die AFD wohl in den Bundestag einziehe aber da ihr jegliche Inhalte zu Bildung und Rente fehle, werden wohl die populistischen Wähler dann wach werden und es hätte sich dann mit der AFD ausgeträumt. Das mag vielleicht so schon zutreffen aber vier Jahre AFD, was heisst das für uns? Vier Jahre bedeutet komplett Grundschule, Grundstufe auf dem Gymnasium oder Ankommen in Deutschland- Asyl beantragen und abgeschoben werden ohne das Land kennenzulernen oder der Sprache irgendwie mächtig zu sein. Vier Jahre Traumphase sind definitiv zu lange.

Auf der anderen Seite haben wir im internationalen Diskurs solch eine „bad Karma“ Konstellation- im Mittelalter hätte man von  schlechten Sternkonstellationen gesprochen. Wer weiß, ob jetzt nicht doch demnächst der 3. Weltkrieg einbricht, oder so viele Menschen wegen Folter, Hunger und Krankheit sterben, weil wir unser Grundrecht an Leben nicht teilen wollen. Es sieht im Gesamtkontext nicht gut um die Welt aus! Gerade deshalb müssen wir wohl umso mehr Einsatz für Demokratie und Menschenrechte bringen- nicht nur so als Hobby sondern in Form von Lebensphilosophie. Caroline Emcke sagte dazu mal in einem Vortrag:“ unsere Freiheit und Rechte werden nicht weniger, wenn wir diese auch für andere verlangen und gelten lassen“. Wie wahr!

Wir sind unserer bürgerlichen Pflicht nachgegangen, haben von unserem demokratischen Recht Gebrauch gemacht und waren wählen, bitte tut das auch! #gehtwählen #wahl2017 #BTW17 #Bundestagswahl #Merkel #Schulz #Deutschland

#Muttertagswunsch

Der Hashtag #Muttertagswunsch geht nun seit einiger Zeit durch unsere sozialen Netzwerke. Viele zeigen, dass unsere Bedürfnisse, Wünsche und Hindernisse gleicher Natur sind, das heißt Übernational und -konfessionell. Es ist schwierig neue Wege und Modelle zu finden. Insbesondere in Zeiten von Wandel und Krisen. Wir sind auf der Suche nach Formeln und Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nach Förder- und Erziehungsmodellen für Kindern von Vollerwerbstätigen Müttern. Wo aber ist der Stand der Entwicklung? Manchmal schon auf dem Mond und manchmal im dunkelsten Mittelalter!

Hier sind einige #Muttertagswunsch Ideen, die mir heute am Muttertag 2017 spontan einfallen und die ich jetzt hier gerne bloggen möchte. Ich wünsche allen einen wunderschönen Tag mit ihren Liebsten. Ich wünsche aber auch allen anderen Frauen, die nicht Mütter sind einen schönen Tag, denn Mutter sein ist zwar wunderschön aber nicht das einzige Format womit Frau sich definiert und was sie ausmacht!

Insbesondere möchte ich auf alle Frauen in türkischen Gefängnissen aufmerksam machen, die unschuldig verhaftet sind! Derzeit befinden sich ca. 17.000 Frauen und 500 Kinder in Haft (seit 7/17) unter inhumanen Zuständen und auf unabsehbare Zeit. Dieses Leid findet kaum Gehör!

Aus Protest werde ich persönlich heute davon absehen wunderschöne, idyllische Geschenk- und Kuchenfotos zu teilen. Ich solidarisiere mich mit allen, die heute nicht mit ihren Kindern und in Freiheit feiern!

Hier nun die Liste:

  1. Ich wünsche mir, dass alle unschuldig inhaftierten Mütter entlassen werden
  2. Ich wünsche mir, dass ich als Frau später nicht für die Entscheidung zur Mutterschaft bestraft werde mit Armut
  3. Ich wünsche mir den gleichen Lohn wie mein Kollege und Barrierefreiheit auch für Frauen mit Kopftuch
  4. Ich wünsche mir einen ausserschulischen Betreuungsplatz
  5. Ich wünsche mir wesentlich mehr Geld und Personal für Kinder und Erziehung
  6. Ich wünsche mir, nicht zwischen Beruf und Kinderwunsch entscheiden zu müssen
  7. Ich wünsche mir, dass es nicht mehr heisst „nur“ Hausfrau und Mutter
  8. Ich wünsche mir die Würdigung von Care-Arbeit
  9. Ich wünsche mir, dass Hausarbeit nicht verweiblicht wird
  10. Ich wünsche mir würdevollen Umgang mit Gefangenen
  11. Ich wünsche mir, dass Frauen Männern nicht die Gelegenheit des „Vater-seins“ nehmen
  12. Ich wünsche mir, dass wir unsere Natur für die Menschen, die nach uns kommen schützen und bewahren können
  13. Ich wünsche mir, dass Kinder keinen Hunger und Krieg leiden müssen
  14. Ich wünsche mir ein weltweites Waffenverbot
  15. Ich wünsche mir Demokratie für alle
  16. Ich wünsche mir die Achtung der Menschenrechte überall auf der Welt
  17. Ich wünsche mir für Familien humanere Arbeitszeiten
  18. Ich wünsche mir, dass Frauen nicht auf ihre Sexualität und ihre Körper reduziert werden
  19. Ich wünsche mir, dass die muslimische Community ihren Frauen die Rechte einräumt, die ihnen bereits von Gott gegeben sind
  20. Ich wünsche mir unendlich viel Kraft und Ausdauer bis zu meinem letzten Atemzug für die Verwirklichung dieser und der Wünsche anderer Frauen einstehen zu können!

TO BE CONTINUED….

Die letzte Ausgabe ZAMAN

Heute kommt die letzte Ausgabe der türkischen Tageszeitung Zaman in die Briefkästen der Abonnenten in Deutschland. In der Türkei ist sie bereits vor Monaten verstummt. Die Machtübernahme des Diktators lässt der Freien Presse keinen Raum. Sehr wohl stimme ich den Kritiken man hätte Fehler gemacht, müsste auf gewisse Sachen achten, würde jetzt die Konsequenzen tragen, zu. Dennoch plädiere ich auf Anstand und Verständnis, gerade heute! Denn es ist ihr letzter Tag…

Meine Bekanntschaft mit der Zaman beruhte auf einem langjährigen Abo. Wie viele andere war ich von der Publikationsphilosophie überzeugt- Nachrichten, die unverfälscht, familienfreundlich und objektiv sind. Mehr oder weniger durch Zufall ergab sich unsere Exkursion zur Zeitung für das Seminar „Soziologie und Beruf“und quasi wie im Film bekam ich mein Jobangebot vom damaligen Chefredakteur Mahmut Cebi. Das fühlte sich damals wie ein 6-er im Lotto an, zumal ich ja im Seminar über die Gefahr von Arbeitslosigkeit von Soziologen so viel gehört hatte. Dumm wäre ich gewesen, dieses Angebot nicht anzunehmen. So begann meine bisher spannendste, intensivste und oft an meine zuvor unbekannten Grenzen bringende Reise bei Zaman…

Ich kam in ein Team von türkisch-stämmigen Journalisten die alle männlich und in der Türkei sozialisiert waren. Ihr Lebensmittelpunkt war ihr Beruf und ihre Zeitung. Wie schwer tat sich manch einer, nun plötzlich mit einer Kollegin am Konferenztisch der Redaktion zu planen. Eine, die kein einwandfreies türkisch sprach, zwar sehr türkisch aussah aber so ganz und gar deutsch war… Wie schwer tat sich diese junge Frau, die zu Hause mittlerweile ein Kleinkind und ein Säugling hatte und mit brechen und biegen allen beweisen wollte, dass aus ihr eine gute, ja sogar sehr gute Journalistin werden kann. Ganz unerwartet wurde alles gut. Man kann es sich kaum vorstellen aber, selbst die Alpha-Männchen nahmen mich im Rudel auf. Ich erfuhr im Team Respekt und, wenn auch nicht immer offenherzig, Anerkennung. Es wurden weitere Frauen im Team aufgenommen. Ich wurde Initiatorin der Medienakademie und lernte viele viele junge Menschen kennen, die den Beruf Journalismus näher kennenlernen konnten. Journalismus ist eine Art Virus. Wenn man damit in Berührung kommt, ist man Lebenslang  damit infiziert. Ich arbeite nun schon seit 2 Jahren nicht mehr bei Zaman (wir gehörten damals zur ersten Welle der entlassenen Mitarbeiter, als die Krise sich bemerkbar machte), dennoch gibt es immer wieder Geschehen und Ereignisse bei denen ich mir meine Story im Kopf für einen Artikel aufbaue. Die Glut ist nicht mehr auf den ersten Blick zu sehen aber dennoch lodert sie irgendwo tief in mir. Das wird sie wohl immer.

Zaman hat leider auch in Deutschland die Krise nicht überstanden. Zu stark reicht des Diktators Arm in alle Winkel und Ecken der türkischen Diaspora, geschweige denn in die eigentliche Heimat. Einst war Zaman eine renommierte Tageszeitung, die durch ihre tolerante und intellektuelle Haltung mittels ihrer Leserschaft aus allen Gesinnungen und Richtungen zur auflagenstärksten wurde.

Es schmerzt einen derartigen Text zu verfassen…. Es ist ein Abschied, ähnlich wie von einem geliebten Menschen… Zaman hat mich vieles gelehrt, mir verholfen Hoffnung zu haben, Hoffnung für viele andere Menschen und insbesondere junge Frauen zu geben. Ich habe mich selber in dieser Zeit der Zeitungsarbeit sehr gut kennengelernt…Dank dieser Zeit weiß ich, was ich leisten kann und was ich lieber unterlassen sollte… Ich habe Menschen so süß wie Zuckerwatte und Lebensbiographien so bitter wie Bittermandeln kennengelernt…Es wäre wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Zaman mich zudem gemacht hat, wer ich heute bin…Der Abschied fällt mir schwer… An deinem Platz ist nun eine große Leere, für ungewisse Zeit…Elveda…

#Zaman #freiePresse #Grundrecht #Pressefreiheit #Elveda #heygidigünler

#Istanbul

Gestern Nacht wurde der Atatürk Flughafen in Istanbul  Ziel eines Terrorangriffs. Details, Bilder, Mutmaßungen und Kommentare schwirren im Netz. Man schätzt 36 Tote und 147 Verletzte…

Was man dazu noch hinzufügen kann? Wohl nicht viel, denn für die Verstorbenen und die Hinterbliebenen ist man an dem Punkt, wo es nichts mehr zu sagen gibt…

Unendliche Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit, Trauer…

Und an einigen Punkten komme ich dennoch nicht vorbei:

  1. Wie bewerkstelligen es Kreaturen im Fastenmonat Ramadan, in dem sie sich doch umgehendst auf ihren persönlichen Mikrokosmos, auf  die Beziehung „Ich und mein Schöpfer“ fokussieren sollten, eine derartige Gräueltat verüben? Ergo- für mich sind das keine Muslime! Nicht mal Mensch kann eine zutreffende Bezeichnung sein…
  2. Wie schafft man es, in einen als einer der sichersten Flughäfen Europas bekannten Ort, Waffen einzuschmuggeln? Was macht eigentlich MIT (Geheimdienst der Türkei)? Wie können drei Selbstmordattentäter so unbemerkt ihre Tat vollbringen? Hatte der Sultan es nicht versprochen bei seiner Wahl würden die Anschläge und Opferzahlen sinken? Seit 2015 sind hunderte Menschen gestorben, es vergeht kein Tag ohne Tote, wieso schweigt die Mehrheit, erhebt eure Köpfe aus dem Sand!
  3. Wieso sperrt die türkische Regierung sofort nach dem Anschlag soziale Medien und verlangsamt das Internet im gesamten Land? Werden durch diese Maßnahme die Opferzahlen geringer? Wird die gesamte Welt nicht sowieso davon erfahren oder wer oder was könnte dadurch einen Nutzen ziehen?
  4. Wie kann man nach Bekanntgabe des Anschlags und der ersten Opferzahlen in der Nacht noch einen Beschluss zum Gesetz im türkischen Kabinett verabschieden? Hat das in diesem Fall nicht Zeit oder benötigt man gerade dieses Chaos um gewisse Sachen ohne viel Aufsehen zu erledigen?
  5. Ein Video war gestern noch im Netz zu sehen (mittlerweile wurde es scheinbar entfernt- Grund unbekannt???). Zu sehen ist einer der Attentäter, der von einem Polizisten bemerkt wird und beim Versuch zu stoppen, am Bein angeschossen wird. Er liegt für einige Minuten am Boden, die Menschen um ihn herum fliehen. Kurz darauf sprengt er sich selbst in die Luft. Man sieht nur ein helles Licht und darauf Fetzen die durch die Luft schießen. Dieser Mann hätte noch die Gelegenheit gehabt für Reue, Neuanfang, Kapitulation, Sühne, Büße… Jetzt hat er nichts mehr davon. Wieso befindet man sich in solch einem Dilemma? Was macht aus einen Menschen ein solches Monster? Wo haben wir versagt?
  6. Shame on you!!! Taxifahrer sollen gestern Nacht am Flughafen, als die Krankenwagen nicht mehr ausgereicht haben, perverse Summen von Opfern verlangt haben. In Brüssel fuhren die Kollegen ohne Entgelt. Wenn das stimmen sollte, kann man für die Türkei nur noch beten, denn das gesellschaftliche Klima, Mitgefühl und Empatievermögen scheint sichtlich getrübt zu sein… Aus der Not den Profit schlagen- dazu fehlen einem nur die Worte..

Den Verstorbenen wünsche ich Gottes Segen und Gnade, den Hinterbliebenen viel Geduld und Stärke

 

Bildquellen aus dem Netz:

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Eine Gruppe „Pinguine“ reist nach Istanbul

 

Heute ist Nawrouz, Frühlingsanfang, Weltglückstag und der Tag nach dem Bombenanschlag in Istanbul/Taksim… Die Grenzen sind dicht, die AFD jubelt, die EU reinigt sich die Hände mit der Türkei und Erdogan geht lieber auf Hochzeiten als sich um den Terror in seinem Land zu kümmern… Glück hat offensichtlich nicht jeder, sondern nur der, der weiß-männlich- und mit rentablem Habitus ist… Mir ist nicht gut zumute, dennoch versuche ich zumindest mit irgendetwas einen anderen Beitrag zu leisten. Dieser Text war eigentlich für ein anderes Format gedacht, nun führten verschiedene Ereignisse dazu, dass er hier landet und das ist auch gut so…. Wir brauchen wesentlich mehr Ülkü’s und noch viele, viele Pinguine….

 

Dies ist die wunderbare Geschichte von acht jungen Frauen, die im Frühjahr 2014, kurz bevor in Deutschland Ostereier und in der Türkei neue Kommunalregierungen gesucht wurden, gemeinsam eine Reise nach Istanbul machen. Sie selbst gaben dieser Reisegruppe den Namen „Pinguine“. Ich hatte das wunderbare Glück einige Eindrücke und Erinnerungen über diese Unternehmung erzählt zu bekommen. Auch durfte ich mir die Briefe, die sich die „Pinguine“ nach ihrer Reise geschrieben haben, lesen. So viel Herzlichkeit und Freundschaft musste mit anderen Menschen geteilt werden. Daher nun die Geschichte der Reise der „Pinguine“ nach Istanbul.

 

Der jüngste Terroranschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul ist noch präsent in unseren Erinnerungen. Am frühen Morgen, auf dem Sultan-Ahmed-Platz, vor dem Obelisken des Thutmosis, wurden 13 Menschen schwer verletzt und 12 aus dem Leben gerissen. Es waren jene Menschen, die eine gewisse Vorliebe für das Reisen, die Stadt Istanbul, das türkische Essen, die Kultur und die Menschen aber vor allem für die deutsch-türkische Freundschaft hatten. Drum galt der Anschlag im Grunde genommen nicht einer Publicity bringenden Metropole Istanbul, sondern vielmehr den Schönheiten und Faszinationen, die diese Stadt umgeben. Denn Istanbul ist nicht nur eine Stadt, die zwei Kontinente miteinander verbindet. Nein, sie verbindet auch Vergangenheit und Zukunft, Tag und Nacht, fremd und bekannt- ja sogar acht „Pinguine“, die sich vor ihrer Reise dorthin teilweise nur einmal gesehen hatten.

Organisiert und geleitet wurde die Reise von Ülkü. Ülkü’s Eltern wohnen in Istanbul Büyükçekmece, einem Stadtteil relativ weit außerhalb. Für Deutschland gesprochen würde es der Strecke zwischen Erfurt und Jena oder zwischen Düsseldorf und Bonn entsprechen. Diese Strecke fuhr die Gruppe täglich, um die unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten, die verstreut sind über die sieben Hügel Istanbuls, zu besichtigen. Jede junge Frau hat für sich selbst etwas Wunderschönes wahrgenommen und bewahrt diese Erinnerung seither im Herzen. Sie alle haben ihre Gefühle in Briefen niedergeschrieben. Ich hatte die Ehre diese Briefe zu lesen und auf Wunsch der reisenden „Pinguine“ mit der Welt zu teilen. Schon immer hatte ich eine besondere Vorliebe für Briefe, vor allem für jene, die mit bezaubernder Tinte auf entzückendem Papier verfasst worden sind. Wie sehr freut sich doch ein Empfänger über einen Brief von einem geliebten Menschen. Meine Vorliebe allerdings für Briefe anderer, deren Adressat ich gar nicht bin, habe ich seit ich Lady Montagu kennengelernt habe. Noch heute zählen ihre Briefe über ihre Reisen zu den wichtigsten historischen Dokumenten. So habe ich aus den Briefen der „Pinguine“ eine engere Auswahl für unsere Leser getroffen.

Auf das mehr Menschen sich Briefe schreiben, Freunde werden und gemeinsam nach Istanbul reisen….

 

 

 

Meine liebe Ülkü,

schon über einen Monat ist es nun her, dass ich aus Istanbul abgereist bin. Und trotzdem habe ich noch genau das Gefühl in mir, das ich hatte, als ich in Salzburg landete und die Alpen sah, eine so schöne Landschaftsform, dich mich schon immer fasziniert hat- und mir plötzlich die Tränen in die Augen stiegen. Warum? Es war einfach so wunderschön und gleichzeitig so anders als das Wunderschöne, woran ich mich die vergangenen Tage gewöhnt hatte. Anders als das Wunderschöne in den Muezzin- Rufen, die gleich einem Echo über der Stadt am Bosporus erklangen und den gesamten Luftraum der Stadt ausfüllten- das Wunderschöne im Lächeln und in den freundlichen Worten der vielen Leute, denen wir oft begegnet waren- das Wunderschöne in der Gelassenheit und Lebensfreude, die uns immer wieder überrascht hatte- das Wunderschöne in der Gastfreundschaft, durch die wir uns trotz fehlender Sprachkenntnisse bald wie zu Hause in Istanbul fühlten.

Selten hat mich eine Reise so geprägt und ich weiß, dass das zum Großteil an dir liegt. Ohne dich wären wir vermutlich in einem preisgünstigen Hotel im Zentrum untergebracht gewesen. Hätten andere Reisende aus den USA, Deutschland, China kennengelernt, mit ihnen auf Deutsch oder Englisch geredet. Englisch- das wäre auch unsere einzige mögliche Kommunikationsform mit den Menschen der Türkei gewesen. Vielleicht wäre uns etwas in der Unterführung nahe der Galata-Brücke geklaut worden, vielleicht hätten wir noch viel mehr Äußerungen von Türken („Istanbul ist so schön“) missdeutet und vielleicht hätten wir nichts anderes als Falafel, Lokum und Pizza gegessen. Es wäre vermutlich ein schöner Urlaub gewesen- aber auch nicht mehr.

Und darum bin ich dir so dankbar: Statt in einer Blase durch die Stadt zu laufen, waren wir mittendrin… in den Frauenbereichen zahlreicher Moscheen, auf Fähren, wo uns Haushaltsgeräte angeboten werden, in Insider Cafes mit atemberaubendem Blick über Istanbul, an Ständen, wo uns einfach mal so Armbänder geschenkt wurden- und natürlich in einer richtig türkischen Familie, die uns allen richtig ans Herz gewachsen ist. Die Gastfreundschaft, wie hätten wir sie so hautnah erlebt, wenn du uns nicht so großzügig bei euch aufgenommen hättest. Und wenn ich genauer überlege, ist Gastfreundschaft vielleicht sogar das falsche Wort: denn nicht nur Gästen gegenüber habe ich diese Herzlichkeit bemerkt. In keinem Land, in keiner Stadt, in der ich bisher war, wurde Tieren gegenüber so viel Respekt und Liebe entgegengebracht wie in Istanbul. Hunde und (vor allem…!) Katzen können dort friedlich leben. Niemand jagt sie aus Restaurants oder heiligen Orten, sondern sie sind schlichtweg Teil des Lebens. Und so habe ich mich dank dir auch gefühlt.

Es fällt mir immer noch schwer, das Erlebte zu erfassen, einzuordnen und für mich in ein Ganzes zu bringen. So viele kleine Dinge, die mich berührt haben, fallen mir mitten im Alltag ein. Und ich merke auch, wie sehr mich diese Reise geprägt hat: immer, wenn ich hier Frauen mit Kopftüchern oder einen türkischen Supermarkt sehe oder ein Kind „anne“ sagen höre: dann denke ich an dich und an Istanbul und ich sehe mit anderen Augen. Mit offenen Augen würde ich sagen.

Und dafür danke ich dir.

Alles Liebe

Deine Freundin Vanessa

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Ülkü,

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wie schon am letzten Abend in Istanbul von mir erwähnt, hat kaum ein Mensch in meinem Alter von mir in so kurzer Zeit soviel Respekt verdient.

Dass du alles großartig organisiert hast und du ein wahnsinnig gutes Führungspotential bietest mit der dazugehörigen Fürsorge und Nachsicht einer Mutter, weißt du vielleicht selbst.

Aber was du für mich persönlich bedeutest, wirst du wahrscheinlich nicht ahnen können. Nicht nur, dass du mir einen Urlaub geboten hast, der mich aus der Enttäuschung und der Belastung der Frankreichreise gerettet hat, sondern auch dieses beseelte Gefühl neue Freunde gewonnen zu haben und eine zweite Familie mit einer wunderschönen neuen andersartigen Kultur zu finden, hast du mir geschenkt. Einfach so, mit offenen Armen wurden wir in Istanbul empfangen und mit Tränen in den Augen mussten wir alles wieder verlassen.

Ein neues Land mit neuen Gerüchen, anderen Farben, süßen, klebrigen Speisen, eigenartig wechselndem Klima, berauschen herzlichen Menschen und wunderschönen Klängen, die mich nicht nur glauben, sondern auch hoffen ließen, habe ich entdecken dürfen. Auch die heiteren Momente, wenn sprachliche Barrieren und verschiedene Kulturen aufeinander prallten, waren für mich unvergesslich.

Um in Bildern zu sprechen: Liebe Ülkü, du hast mir eine Brücke gebaut, die von Katharine Branning in ihren Briefen an die Türkei so umfangreich geschildert wird. Eine Brücke in vielen Bereichen. Du warst die Brücke der Verständigung, die uns von dem einen Ufer zum anderen sicher brachte.

Du hast nicht nur meine erste Verbindung zur Türkei geschaffen, sondern uns alle so sicher getragen in Situationen, dass wir alle Istanbul und auch den muslimischen Glauben durch deine Augen sehen durften. Eine Brücke ist auch ein Symbol der Macht, wie Katharine Branning richtig sagt. Wer Zugang zu einer Brücke hat, besitzt eine strategische Kontingente die die eine Seite der anderen zugänglich macht und beide soweit zusammenhält, dass sie nur mit ihr vereint existieren können.

Und so warst auch du die Brücke zwischen uns acht anderen Pinguinen. Es gab zwischen uns nicht nur kein Gequake, weil die Chemie stimmte, sondern weil du unser beruhigender Brückenpfeiler warst, der uns schwingend in den Wind wehend von einer Erfahrung zur nächsten führte.

Würde es auf der Welt soviel mehr Brücken wie dich geben, bräuchten wir keine Grenzen mehr. Die bewegenste und leichteste Brücke jedoch, hast du zu meinem Herzen gebaut.

Ich danke dir vor allem dafür.

Herzlich Deine Dominique