Und dann kamst du…

Heute vor genau 12 Jahren wusste ich um diese Uhrzeit noch nicht, was mir in den kommenden zwölf Stunden bevorstand und, dass ich noch vor Mitternacht eine Mama werden sollte. Ich lag bereits seit knapp einer Woche im Krankenhaus, nachdem uns ein Auto die Vorfahrt genommen hatte und ich aufgrund eines Blasensprungs und vorzeitigen Wehen direkt vom Unfallort ins Krankenhaus gefahren wurde. Nach unzähligen Tests, Unmengen Antibiotika und Kortison- für eine schnellere Lungenreifung-entschied der Chefarzt aufgrund meiner ansteigenden Körpertemperatur, mittags, in der 34 Schwangerschaftswoche, die Geburt mittels eines Wehenmittels einzuleiten. Meine Hormone spielten schon seit dem Unfall Ballerspiele in meinem Körper, vor allem weil ich bereits vor dieser Schwangerschaft eine unerwartete Fehlgeburt hinter mir hatte, und ich das Gefühl hatte, dass wir nun ein deja-vu erleben, nur noch extremer. Ich wurde über Risiken und Chancen aufgeklärt und, seien wir mal ehrlich, ohne eigentlich realistische Wahlmöglichkeit mit dem Tropf zusammengebracht. Da ich schon seit Kindesalter allergisch gegen Paracetamol bin (nicht nur Ausschlag, sondern gleich volles Programm, mit Schock und Co.) dockte das Mittel sofort an. Der Unterschied zu einer „natürlichen Geburt“ und einer eingeleiteten ist meiner Erfahrung nach, dass im zweiten Fall weder Körper noch Geist auf das, was folgt eingestellt sind. Es geht von jetzt auf sofort los! Und das mit Tempo 200! Während ich mit dem schicken Rollstuhl in den Kreissaal gefahren wurde, sagte ich zur Krankenschwester, dass ich noch nicht bereit bin. Ich hatte erst zweimal beim Vorbereitungskurs mitgemacht. Am Abend des Unfalls hätten wir an einer Krankenhausführung und Infoveranstaltung teilgenommen und alles kam innerhalb weniger Sekunden anders! Die Schwester lächelte und fuhr mich auf der Station von Zimmer zu Zimmer und sagte „ich mache für Sie eine Sonderführung“. Ich wusste, dass das auf die kommenden Stunden keinerlei Einfluss haben wird aber ich fühlte mich als Mensch in Not verstanden.

Es folgten die intensivsten 12 Stunden meines Lebens. Nein- unseres Lebens! Mein Mann, mein Kind und ich! Ich will allen Schwangeren, zukünftig Gebärenden, im Kreissaal bangenden und tief, wirklich extrem tieeeef atmenden Menschen nichts vorwegnehmen aber- da kommt noch was auf euch zu! Nicht negativ! Keineswegs! Aber derart intensiv und so voller Leben, dass kein ähnlicher Vergleich auf Anhieb passen würde! Man verliert jegliches Raum- und Zeitverständnis. Ein Minutenschlaf zwischen zwei Wehen fühlt sich wie eine kleine Ewigkeit an und Presswehen kann ich heute immer noch nicht wirklich verbal adäquat beschreiben… Aber das ist absolut ok, ja sogar perfekt, denn ich glaube, dass eine Geburt so unbeschreiblich persönlich und definitiv individuell ist. Nach 12 Stunden Dauerwehen, zwei Schichtwechseln, keinem Geschrei und Null Drogen, kamst du….

In dem Moment ertönte für uns dieses Lied: Than I saw her face, now I’m a believer…. von den Monkeys… ja wir sind seit dem Tag „Believer“…. Seit 12 Jahren und forever….. Ich weiß, dass du dich so sehr freust, dass du jetzt nicht mehr die Kinderzahnpasta benutzen musst, dass du jetzt andere Filme schauen darfst und dass du offiziell schon Jugendliche genannt werden darfst und obwohl es mich manchmal traurig stimmt, dass das alles viel zu schnell geht, gönne ich dir diese Freude auf das Großwerden… ich weiß, dass es manchmal shitty ist, eine Mama zu haben, die alles vorher weiß, eine extreme Spaßbremse ist, zu jedem Vorfall sofort einen Vortrag halten muss, einen kleinen- ok, nur weil du Geburtstag hast, einen ziemlich großen Hang zum Perfektionismus hat… Wenn ich dich nachts zudecke sehe ich mein kleines Baby… Beim Frühstück finde ich meine Geschmacksgenossin genüsslich ihr Avocado Brot essend vor…. Nach der Schule sehe ich eine kleine Kämpferin, die es sich nicht anmerken lässt, dass sie Systemkritikerin und Weltverbesserin ist und hinter der coolen Fassade eigentlich extrem feinfühlig und zerbrechlich ist… Im Chaos deines Zimmers sehe ich das rebellierende Pubertier, von dessen Energie ich bewältigt und begeistert bin und es mir aus mütterlichen Verpflichtungen nicht anmerken lassen darf… Bei der Buchfanatikerin sehe ich eine fruchtende Anlage, die ich während Shopping Touren und Buchmessebesuchen fleißig angelegt habe…. In deiner wunderschönen Handschrift und deinen meisterhaften Bildern sehe ich deine große Gabe für Kunst und Ästhetik… In deinen Tränen bei traurigen Szenen in Filmen sehe ich dein Wackelpudding-Herz, für das du dich niemals schämen musst sondern ganz ganz viel darauf achten musst… In deinen warmen braunen Augen sehe ich deine atemberaubende Schönheit und in deinem Lächeln eine faszinierende Zukunft….

Und dann kamst du… Vor zwölf Jahren, kurz vor Mitternacht, konnte ich als Frau nicht glücklicher, nicht stolzer sein können…. Seit diesem Tag und bis in alle Ewigkeit bin ich deine Mama… ich liebe dich und werde es weit über dieses Leben hinaus immer tun, denn Liebe ist die stärkste Kraft im Universum, die weit über den Herzmuskel hinaus, in ein unendliches Leben reicht…. Happy Birthday Azra Rana…

3 Gedanken zu “Und dann kamst du…

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