Türkei: 15.07.2016- 15.04.2017

Ganze neun Monate sind seit dem inszenierten Putschversuch in der Türkei vergangenen. Die Brut der vergangenen Monate wird sich morgen nach dem Referendum zeigen. Manche Prognosen gehen von einem Kopf-an-Kopf Rennen aus, manche eher von dem Ende der Demokratie mit dem Einzug des Ein-Mann-Systems. Viel hat sich in den vergangenen Monaten ereignet. Ein immenser Rückschritt in jeglicher Rechtslage, Menschenrechtsverletzungen, Enteignungen, Entlassungen, Verhaftungen, Denunzierung…. Der Alltag der Türkei ist längst nicht mehr, Sonne, Meer und Çay… Das einst so gastfreundliche Land ist geteilt in Evet-Hayır, Gut und Böse, dafür und dagegen… Die Gesellschaft ist gespalten (sowohl in der Türkei als auch in der Diaspora). Man hat Angst offenherzig seine Meinung zu sagen, aus Angst denunziert, entlassen oder  verhaftet  zu werden. Man ist am Ende der Solidarität und Zivilcourage angekommen. Auch wenn man es nicht befürwortet, traut man sich nicht, sich dagegen zu äußern.

Gesellschaft in verschlossener Kiste

Für die Menschen in der Türkei gibt es kaum mehr die Möglichkeit für den Zugang von objektiven oder oppositionellen Medien oder Vertretern. Alles, was anders spricht, schreibt oder denkt, ist entweder stumm geschaltet, weggesperrt oder im Asyl im Ausland. Die jubelnde Masse der Erdoganisten feiert zwar dies momentan noch als Sieg, allerdings werden selbst diese relativ bald merken, dass der Konsum von Medien der Nahrungsaufnahme sehr ähnelt: wird es gleich und einseitig treten zwangsläufig Mangelschäden auf, die Krankheiten verursachen. Die hoch gejubelte Innovation, der internationale Aufschwung des Landes, die lang ergötzte Macht des Landes- ja sie bleibt aus. Kein einziges Land, welches sich einem extremen Diktator-Regime mit Isolation und Abkapselung zugewandt hat, konnte Neid erregenden Erfolg erzielen. Gerade die Türkei hätte eigentlich mit derartigen Beispielen aus den Nachbarländern viel beobachten und lernen können. Die Entwicklung zeigt allerdings, dass dem nicht der Fall ist.

 

Fehlende Solidarität und unterlassene Hilfeleistung

Egal, welcher Weltanschauung man angehört, welche politische Einstellung man vertritt oder wie man gepolt ist: es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich für die Menschheit und insbesondere für minder-Privilegierte und Bedürftige einzusetzen. Gerade in den vergangenen neun Monaten kamen nach den Schuldzuweisungen des vermeintlichen Putsches viele Kommentare wie „ihr wart doch Komplizen!“, „Das geschieht denen ganz recht“, „ich habe es doch immer gesagt, das sind Landesverräter“. Innerhalb von einer Nacht haben sich eine Unmenge von Türken und Nicht-Türken zu Türkei-Experten entpuppt. Jeder hatte eine konkrete und die einzig wahre Vorstellung und Meinung. Ein Diskussion fand nicht statt; eine Diskussion schon gar nicht! Den Leittragenden, den Opfer dieser Tragödie wurde kaum oder gar nicht Gehör verschafft. Ihr persönliches Schicksal findet keinerlei Beachtung, wie andere Missstände auf dem Globus. Der Mensch der Moderne meidet es seinen solidarischen Blick auf Bedürftige zu richten um sich in seiner eigenen Komfortzone, in seinem irdischen Paradies nicht stören zu lassen.

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An der Weggabelung

Morgen gibt es nun die letzte Gelegenheit, das Lenkrad des zum Abgrund hin rasenden Fahrzeugs umzulenken. Selbst da ist es, in Anbetracht der Situation, kaum mehr möglich unbeschadet, so wie vorher oder ganz von vorne weiterzumachen. Denn zu viele haben sich für die Misere entschieden, ihre Position und ihr Amt missbraucht, Rechtswidrigkeit billigend in Kauf genommen und den Mund nicht aufbekommen. Gerade jene, die über alles und jeden eine Meinung haben, die Zuwendung der Community und den medialen Raum haben, bevorzugten es in diesem Fall nicht der/die Expert*in sein zu müssen. Komisch nur, dass Rosinen aus dem Kuchen picken doch so salonfähig ist! Sicherlich muss das jede*r für sich entscheiden. Hilfreich wäre es allerdings sicherlich, insbesondere aus Sicht der Leidtragenden, ab und an das Knöpfchen des Gewissens anzumachen und in sich hinein zu hören. Gerade jenes Referendum, welches von immenser Bedeutung für die Zukunft des Landes ist, bei der man an einer Weggabelung steht, an der sich je nach Richtung alles völlig anders abwickeln kann, bedarf großen Mutes und Gewissenhaftigkeit. Es ist nicht die Abstimmung für oder gegen jemanden sondern für oder gegen eine Staats- und Regierungsform.

Schon Voltaire sagte im 17. Jahrhundert: „ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“. Egal nun ob man zu Voltaire steht oder nicht, Fakt ist, dass man jetzt dazu noch die Gelegenheit hat, durch die politische Partizipation morgen an der Urne in der Türkei, oder über diverse NGO’s in Deutschland,  aktiv zu wirken, die Zukunft zu gestalten. Wie könnte man hier Kant widersprechen: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben“?!

 

 

Beitragsbilder: @Ina Fassbender, @wdr

 

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