Mit dieser Intention habe ich dieses Jahr auch meine beiden Kinder auf die nun fünfte Demonstration in Straßburg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mitgenommen. Eine Reihe von Organisationen für Menschenrechte hat sich vor einigen Jahren zusammengetan und diese Demonstration initiiert, um auf die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei und die unterlassene Hilfeleistung des Gerichtshofs aufmerksam zu machen. Unter dem Motto #justicemarch und #setthemfree setzen sie sich insbesondere für unschuldig inhaftierte ein, die in der Türkei als Terroristen gelten.
Wenige Tage vor der Demonstration habe ich mich an einen Vortrag von Ahmet Kurucan erinnert. Ich habe damals noch als Journalistin bei der Tageszeitung Zaman in Offenbach gearbeitet und Kurucan kam vor der anstehenden Abonnement-Kampagne als „Motivationscoach“. Er hielt eine Ansprache über die Wichtigkeit der Medien und ihrer Wirksamkeit in Demokratien. Was mich jedoch an seinem Vortrag am meisten zum Denken anregte, war seine Hypothese, dass dies eventuell unsere letzte Gelegenheit sein könnte, Menschen für ein Abo anzusprechen. Er begründete seine Hypothese mit dem Argument der Digitalisierung der Medienwelt und damit, dass immer mehr Medienhäuser auf Online-Versionen umstiegen und ab da ja dann eh jeder mit nur zwei Klicks diese Aufgabe selbst erledigen würde. Aus dieser Perspektive hatte ich mir das nie so angeschaut. Nun, zur Digitalisierung und dem Dilemma, keine Menschen mehr auf ein Abo ansprechen zu können, kam es nicht – denn die Zeitung musste bereits vor dem Putschversuch von 2016 aufgrund der beginnenden Repressalien geschlossen werden. Kurucan hatte also doch recht – wir konnten danach keine Abonnement-Kampagnen organisieren.
Diese Anekdote brachte mich, wie gesagt, am Anfang der Woche auf die Idee, dieses Mal mit meinen Kindern auf diese Demonstration zu gehen. Es ist nicht so, dass meine Kinder nicht schon vorher auf solchen Veranstaltungen waren. Es ist meiner anarchistischen Natur – gekoppelt mit der aktiven Ablehnung von Ungerechtigkeit – zu verdanken, dass wir von Friday for Future bis zu allen aktuellen Anti-Kriegs-Demos teilgenommen haben. Wieso also nicht auch auf dieser? Schließlich sind auch sie nun seit zehn Jahren passive Leidtragende des Erdoğan-Regimes. Sie können weder ihre Familie dort besuchen noch Urlaub wie andere in der Türkei machen. Selbst auf die Beerdigung ihres Großvaters konnten sie nicht gehen – und das nur, weil ihre Eltern die Menschenrechtsverletzungen und antidemokratischen Haltungen öffentlich kritisiert haben. Ich für meinen Teil bereue nichts! Ich würde es heute genauso nochmal tun. Wie aber denken meine Kinder darüber? Bei unserem letzten Besuch war Rana acht und Sema fünf. So klein, dass sie sich an vieles gar nicht mehr erinnern. Selbst auf Fotos wirkt alles so unwirklich und wie aus einem anderen Leben. Wie also kann man Gen Z mitnehmen, für Werte begeistern und konsequenzresistent machen? Indem man sie auf Augenhöhe mitnimmt, ihnen zeigt, stärkt und vor allem teilt. Ich wollte, dass meine Kinder sehen, wofür sie einen so hohen Preis bezahlen und dass sie sich für ihre Eltern nicht schämen müssen. Ich wollte ihnen zeigen, dass sie leider nicht alleine sind, dass noch so viele andere diesen Preis bezahlen müssen, aber dennoch nicht aufgeben – und selbst wenn es irgendwann wieder in der Türkei eine Demokratie und Menschenrechte für alle gibt, werden diese Demonstrationen weitergehen, bis auch der letzte Mensch diese Rechte zugesprochen bekommt.
Gestern haben etwa 5.000 Menschen vor dem Gerichtshof bei 36 Grad Hitze demonstriert. Überwiegend Menschen, die in den letzten zehn Jahren aus der Türkei fliehen mussten. Menschen wie wir, die bereits in dritter oder vierter Generation in Europa leben, waren in der Minderheit. Vielleicht muss man im Bereich der inneren Solidarität und Integrität nochmal an Konzepten arbeiten und Kräfte bündeln. Die nationale und kulturelle Heterogenität der Türkei, die toxisch belastete historische Vergangenheit und die aktuelle gesellschaftliche Spaltung sind in allen Gruppen, politischen Lagern und Subebenen zu beobachten. Es ist immer extrem schwierig, wenn alle recht haben und niemand über seinen eigenen Schatten springt und einen weisen Schritt aufeinander zugeht. Ich frage mich in solchen Situationen immer, wie lang ein irdisches Leben eigentlich ist – und ob ich genau weiß, ob ich mein Nichtstun nicht bereuen werde.
Man konnte gestern in Straßburg deutlich erkennen, dass die Community jedes Jahr organisierter und professioneller wird. Man muss beachten, dass 95 % der Teilnehmenden niemals zuvor eine derartige aktivistische Erfahrung gemacht haben. Von ihrem Grundrecht der Versammlung haben diese Menschen davor nie Gebrauch gemacht! Nun strömen sie aus ganz Europa, versammeln sich auf dem Platz vor dem Gerichtshof und schreien synchron Slogans auf Türkisch und Englisch. Das ist aus der Perspektive der Organisations- und Mikrosoziologie eine ganz große Sache. Was nun noch fehlt, ist die Eingliederung der jungen Menschen, unserer Kinder! Es kann nicht sein, dass wir uns mit unseren KollegInnen und FreundInnen organisieren und mobilisieren und jene, die die Konsequenzen mit uns aushalten müssen, außen vor lassen.
Ich bin jedenfalls gestern mit zwei jungen Frauen auf einer Demonstration für Demokratie und Menschenrechte gewesen und habe mich für kurdische, säkulare und Hizmet-Menschen, die aufgrund ihrer politischen Einstellung in Haft sitzen, eingesetzt. Ich habe Parolen wie „What do we want? Justice! When do we want it? Now!“ gerufen, bis ich heiser wurde. Ich wurde von links und rechts belächelt – denn da war eine andere Seite ihrer Mama zu sehen, für die sie sich nicht schämten und deren Enthusiasmus für Gerechtigkeit sie dort mit ihr teilten. Mehrere Studien zu sozialem Engagement und Ehrenamt fanden heraus, dass junge Menschen diese Kompetenzen im Elternhaus lernen – das heißt: Kinder, deren Eltern sich gesellschaftlich engagieren, bringen sich später auch in diesen Bereichen ein. Ob diese Demonstrationen meine Töchter später zu Aktivistinnen machen werden, kann ich heute noch nicht wissen. Was ich jedoch weiß, ist, dass sie gestern vor Ort gesehen haben, dass wir auf der Seite der Guten stehen und uns deshalb nicht ducken müssen!