Brief an Hannah Arendt

Hochverehrte Hannah Arendt[1],

 

bitte erlauben Sie mir Ihnen heute einen fiktiven Brief zu schreiben. Wie generell bei Briefen, geht es mir in erster Linie um das Schreiben und nicht um das Gelesen- werden. Die Möglichkeit einer Bekanntschaft ist für das Diesseits leider nicht mehr eingeschlossen, alle anderen Varianten dafür jedoch, nicht ausgeschlossen.

Ich lese derzeit Ihr Werk „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“. Darin ist Ihre 1965 vorgelegte Vorlesung in New York vorzufinden. Nach über einem halben Jahrhundert muss ich sagen, das Böse ist nun in einem zuvor nicht vorstellbaren Format da, es zirkuliert in der Blutlaufbahn der breiten Masse, man kann es förmlich riechen und durch das global-vernetzte System auch permanent sehen. Kein Tag, keine Stunde, keine Minute vergeht, in der nicht auf der Welt Leid zugeführt wird. Das privilegierte Grüppchen zeigt sich da und dort solidarisch aber dann kehrt es zu seiner Gewohnheit und seinem Gebrauch zurück. Es möchte seine Grenzen nicht öffnen, seine Waffen weiterverkaufen und vom Kapitalismus profitieren. Und keineswegs möchte es sein Privileg teilen. Wie auch Sie in Ihrer Vorlesung anmerken: „Wie unheimlich und wie erschreckend schien es plötzlich zu sein, dass ausgerechnet die Begriffe, die wir für diese Dinge gebrauchen – „Moral“ mit dem lateinischen Ursprung, „Ethik“ mit dem griechischen-, niemals etwas anderes gemeint haben sollten als Gebräuche und Gewohnheiten! …. Sind wir schließlich aus einem Traum erwacht?“ Liebe Hannah Arendt, ich wage zu behaupten, es handelt sich um einen Alptraum im Wachzustand. Denn wie sonst kann man es sich erklären den Leidenden bei ihren fürchterlichen Schmerzen jeglicher Art zuzusehen, den Zustand eventuell in dem Moment zu bedauern und gleich im nächsten wieder, ja fast schon ‚heuchlerisch’, weiter ‚funktionieren’?

Das Böse ist heute nicht mehr ganz eindeutig. Es ist vielschichtig und so unendlich häufig. Womit soll ich anfangen? Wir haben heute wieder den Trend von despotischen Staatoberhäuptern, die sich nicht zu fein sind, ihren Schmuck aus gefälschten Demokratie-Federn abzulegen. Es zählt das Prinzip der Macht, ähnlich wie zur Steinzeit. Wir haben heute Kämpfe, die sich im Namen der Religion vermarkten, bei denen aber im Grunde genommen die ganze Welt weiß, dass es lediglich um Territoriale und Ressourcen Ansprüche geht. Religion ist für solche Handlanger des Bösen ein Opfer, welches sie tagtäglich bewusst missbrauchen. Die Handlanger haben leichtes Spiel, denn ihnen mangelt es nicht an Marionetten, die mit der Annahme sie kämen ins Paradies, bereits hunderte Menschen mit in den Tod gerissen haben. Wir Recht Sie doch haben mit Ihren folgenden Zeilen, die unseren heutigen Zeitgeist widerspiegeln: „Es ist nicht zu schwer zu sehen, ja zu verstehen, wie jemand sich entscheiden mag, „ein Schurke zu werden“ und, wo sich die Gelegenheit bietet, eine Umkehrung der Zehn Gebote auszuprobieren- beginnend mit dem Gebot „Du sollst töten“ bis hin zu der Vorschrift „Du sollst lügen“. Auf Ihre Frage warum der Angeklagte ein Funktionär in dieser Organisation wurde, haben wir bisher leider keine zufriedenstellende Antwort. Wir können nur hoffen, dass es eben nicht „einen Eichmann in jedem von uns“ gibt.

Das „radikal Böse“ nach Kant, ist die Neigung und Versuchung in der menschlichen Natur, Böses zu tun. Sie schreiben dazu „Niemand will böse sein, und jene, die trotzdem böse handeln, fallen in ein „absurdum morale“, in moralische Absurdität. Der, der das tut, befindet sich eigentlich im Widerspruch mit sich selbst, mit seinem eigenen Verstand und muss sich deshalb, in Kants Worten, selbst verachten.“ Wir ersticken regelrecht in Selbstverachtung. Tagtäglich ersticken wir am Kant’schen „faulen Fleck“ in der menschlichen Natur: der Verlogenheit, dem Vermögen zu lügen. Trauriger weise beginnen wir wieder damit bei dem Selbst. Denn das Selbst ist in jedes Zentrum gerückt. Unser selbst willen lieben wir unseren nächsten und unser selbst willen tun wir nichts, was wir nicht wollen, dass man es uns antut.

Wo anfangen und wo aufgeben liebe Hannah Arendt? Die Bilder aus Aleppo, Nigeria, Paris, Istanbul… Sie haben sich in mancher eins Gedächtnis gebrannt. Wenn es dunkel und still wird, man die Augen schließt, sind die Bilder da… Wie richtig Sie doch bei folgender Feststellung liegen: „Gewiss, der Katalog der menschlichen Laster ist alt und inhaltsreich, doch kommt eigenartigerweise in einer Aufzählung, bei der weder Völlerei noch Faulheit fehlen, der Sadismus, das reine Vergnügen an der Erzeugung und Betrachtung von Schmerz und Leid, nicht vor, das heißt das eine Laster, das wir berechtigterweise als das Laster aller Laster bezeichnen können und das während ungezählter Jahrhunderte nur in der pornographischen Literatur und in der Maler des Abartigen bekannt war.“ Vielleicht ist der Sadismus die, nun nach einer Metamorphose existente Form des Bösen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins, dass man ihm heute nicht nur randläufig begegnet – er ist quasi allgegenwärtig!

Und dennoch, und vielleicht auch gerade deshalb, darf, ja kann ich jetzt nicht aufgeben, dem Bösen, dem Sadismus, und ihren Verfechtern das Feld zu überlassen. Gerade jetzt und eben noch viel mehr, setzte ich mich ein für Gutes, welches alles und jeden wie ein helles Licht durchflutet, sofern man ihm nur Zeit und Raum gibt. Im Koran heißt es „Wahrlich, gute Taten löschen die schlechten Taten aus.“ (11:114) Ist dieser Vers nicht auch für Sie wie ein heller Lichtblick im tiefen Dunkel? Ich schöpfe daraus soviel Kraft und soviel Energie… Täglich versuche ich in meiner kleinen Existenz das von Ihnen als „wirklich Böse“ beschriebene, welches „bei uns sprachloses Entsetzen verursacht“ zu bekämpfen; um nicht sagen zu müssen: „Dies hätte nie geschehen dürfen“.

An dieser Stelle begebe ich mich gegen Ende meines Briefes. Ich könnte hier noch eine lange Lobpreisung Ihrer Ideen und Werke auflisten. Allerdings verspüre ich aus Ihren Zeilen, dass Sie keineswegs die Sorte Frau sind, die sehr viel Wert auf derlei „Wort Geschwätz“ legt. Vielmehr möchte ich mich für die in mir durch Sie verursachte bewusste Anregung zum Denken und daraus resultierenden unablässigen Versuch „gut“ zu sein, bedanken. Wahrlich leben wir heute in einem Zeitabschnitt, in dem einem das „Böse“ sein, häufig leichter gestellt ist als umgekehrt.  Wie es aber in einem Sprichwort so schön heißt: „was zählt, ist das Schwere zu schaffen“. In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für die Anregung, das Schwere anzugehen.

 

Hochachtungsvoll

Hilal Akdeniz

 

 

 

 

 

[1] Dies ist ein fiktiver Brief, den die Autorin an die Philosophin Hannah Arendt verfasst. Darin bezieht sie sich auf die erste Vorlesung Arendt’s unter dem Titel „Some Questions of Moral Philosophy“ im Jahre 1965 an der New York School for Social Research in New York. Veröffentlicht in der Fontäne, 2017.

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