Eine Gruppe „Pinguine“ reist nach Istanbul

 

Heute ist Nawrouz, Frühlingsanfang, Weltglückstag und der Tag nach dem Bombenanschlag in Istanbul/Taksim… Die Grenzen sind dicht, die AFD jubelt, die EU reinigt sich die Hände mit der Türkei und Erdogan geht lieber auf Hochzeiten als sich um den Terror in seinem Land zu kümmern… Glück hat offensichtlich nicht jeder, sondern nur der, der weiß-männlich- und mit rentablem Habitus ist… Mir ist nicht gut zumute, dennoch versuche ich zumindest mit irgendetwas einen anderen Beitrag zu leisten. Dieser Text war eigentlich für ein anderes Format gedacht, nun führten verschiedene Ereignisse dazu, dass er hier landet und das ist auch gut so…. Wir brauchen wesentlich mehr Ülkü’s und noch viele, viele Pinguine….

 

Dies ist die wunderbare Geschichte von acht jungen Frauen, die im Frühjahr 2014, kurz bevor in Deutschland Ostereier und in der Türkei neue Kommunalregierungen gesucht wurden, gemeinsam eine Reise nach Istanbul machen. Sie selbst gaben dieser Reisegruppe den Namen „Pinguine“. Ich hatte das wunderbare Glück einige Eindrücke und Erinnerungen über diese Unternehmung erzählt zu bekommen. Auch durfte ich mir die Briefe, die sich die „Pinguine“ nach ihrer Reise geschrieben haben, lesen. So viel Herzlichkeit und Freundschaft musste mit anderen Menschen geteilt werden. Daher nun die Geschichte der Reise der „Pinguine“ nach Istanbul.

 

Der jüngste Terroranschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul ist noch präsent in unseren Erinnerungen. Am frühen Morgen, auf dem Sultan-Ahmed-Platz, vor dem Obelisken des Thutmosis, wurden 13 Menschen schwer verletzt und 12 aus dem Leben gerissen. Es waren jene Menschen, die eine gewisse Vorliebe für das Reisen, die Stadt Istanbul, das türkische Essen, die Kultur und die Menschen aber vor allem für die deutsch-türkische Freundschaft hatten. Drum galt der Anschlag im Grunde genommen nicht einer Publicity bringenden Metropole Istanbul, sondern vielmehr den Schönheiten und Faszinationen, die diese Stadt umgeben. Denn Istanbul ist nicht nur eine Stadt, die zwei Kontinente miteinander verbindet. Nein, sie verbindet auch Vergangenheit und Zukunft, Tag und Nacht, fremd und bekannt- ja sogar acht „Pinguine“, die sich vor ihrer Reise dorthin teilweise nur einmal gesehen hatten.

Organisiert und geleitet wurde die Reise von Ülkü. Ülkü’s Eltern wohnen in Istanbul Büyükçekmece, einem Stadtteil relativ weit außerhalb. Für Deutschland gesprochen würde es der Strecke zwischen Erfurt und Jena oder zwischen Düsseldorf und Bonn entsprechen. Diese Strecke fuhr die Gruppe täglich, um die unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten, die verstreut sind über die sieben Hügel Istanbuls, zu besichtigen. Jede junge Frau hat für sich selbst etwas Wunderschönes wahrgenommen und bewahrt diese Erinnerung seither im Herzen. Sie alle haben ihre Gefühle in Briefen niedergeschrieben. Ich hatte die Ehre diese Briefe zu lesen und auf Wunsch der reisenden „Pinguine“ mit der Welt zu teilen. Schon immer hatte ich eine besondere Vorliebe für Briefe, vor allem für jene, die mit bezaubernder Tinte auf entzückendem Papier verfasst worden sind. Wie sehr freut sich doch ein Empfänger über einen Brief von einem geliebten Menschen. Meine Vorliebe allerdings für Briefe anderer, deren Adressat ich gar nicht bin, habe ich seit ich Lady Montagu kennengelernt habe. Noch heute zählen ihre Briefe über ihre Reisen zu den wichtigsten historischen Dokumenten. So habe ich aus den Briefen der „Pinguine“ eine engere Auswahl für unsere Leser getroffen.

Auf das mehr Menschen sich Briefe schreiben, Freunde werden und gemeinsam nach Istanbul reisen….

 

 

 

Meine liebe Ülkü,

schon über einen Monat ist es nun her, dass ich aus Istanbul abgereist bin. Und trotzdem habe ich noch genau das Gefühl in mir, das ich hatte, als ich in Salzburg landete und die Alpen sah, eine so schöne Landschaftsform, dich mich schon immer fasziniert hat- und mir plötzlich die Tränen in die Augen stiegen. Warum? Es war einfach so wunderschön und gleichzeitig so anders als das Wunderschöne, woran ich mich die vergangenen Tage gewöhnt hatte. Anders als das Wunderschöne in den Muezzin- Rufen, die gleich einem Echo über der Stadt am Bosporus erklangen und den gesamten Luftraum der Stadt ausfüllten- das Wunderschöne im Lächeln und in den freundlichen Worten der vielen Leute, denen wir oft begegnet waren- das Wunderschöne in der Gelassenheit und Lebensfreude, die uns immer wieder überrascht hatte- das Wunderschöne in der Gastfreundschaft, durch die wir uns trotz fehlender Sprachkenntnisse bald wie zu Hause in Istanbul fühlten.

Selten hat mich eine Reise so geprägt und ich weiß, dass das zum Großteil an dir liegt. Ohne dich wären wir vermutlich in einem preisgünstigen Hotel im Zentrum untergebracht gewesen. Hätten andere Reisende aus den USA, Deutschland, China kennengelernt, mit ihnen auf Deutsch oder Englisch geredet. Englisch- das wäre auch unsere einzige mögliche Kommunikationsform mit den Menschen der Türkei gewesen. Vielleicht wäre uns etwas in der Unterführung nahe der Galata-Brücke geklaut worden, vielleicht hätten wir noch viel mehr Äußerungen von Türken („Istanbul ist so schön“) missdeutet und vielleicht hätten wir nichts anderes als Falafel, Lokum und Pizza gegessen. Es wäre vermutlich ein schöner Urlaub gewesen- aber auch nicht mehr.

Und darum bin ich dir so dankbar: Statt in einer Blase durch die Stadt zu laufen, waren wir mittendrin… in den Frauenbereichen zahlreicher Moscheen, auf Fähren, wo uns Haushaltsgeräte angeboten werden, in Insider Cafes mit atemberaubendem Blick über Istanbul, an Ständen, wo uns einfach mal so Armbänder geschenkt wurden- und natürlich in einer richtig türkischen Familie, die uns allen richtig ans Herz gewachsen ist. Die Gastfreundschaft, wie hätten wir sie so hautnah erlebt, wenn du uns nicht so großzügig bei euch aufgenommen hättest. Und wenn ich genauer überlege, ist Gastfreundschaft vielleicht sogar das falsche Wort: denn nicht nur Gästen gegenüber habe ich diese Herzlichkeit bemerkt. In keinem Land, in keiner Stadt, in der ich bisher war, wurde Tieren gegenüber so viel Respekt und Liebe entgegengebracht wie in Istanbul. Hunde und (vor allem…!) Katzen können dort friedlich leben. Niemand jagt sie aus Restaurants oder heiligen Orten, sondern sie sind schlichtweg Teil des Lebens. Und so habe ich mich dank dir auch gefühlt.

Es fällt mir immer noch schwer, das Erlebte zu erfassen, einzuordnen und für mich in ein Ganzes zu bringen. So viele kleine Dinge, die mich berührt haben, fallen mir mitten im Alltag ein. Und ich merke auch, wie sehr mich diese Reise geprägt hat: immer, wenn ich hier Frauen mit Kopftüchern oder einen türkischen Supermarkt sehe oder ein Kind „anne“ sagen höre: dann denke ich an dich und an Istanbul und ich sehe mit anderen Augen. Mit offenen Augen würde ich sagen.

Und dafür danke ich dir.

Alles Liebe

Deine Freundin Vanessa

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Ülkü,

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wie schon am letzten Abend in Istanbul von mir erwähnt, hat kaum ein Mensch in meinem Alter von mir in so kurzer Zeit soviel Respekt verdient.

Dass du alles großartig organisiert hast und du ein wahnsinnig gutes Führungspotential bietest mit der dazugehörigen Fürsorge und Nachsicht einer Mutter, weißt du vielleicht selbst.

Aber was du für mich persönlich bedeutest, wirst du wahrscheinlich nicht ahnen können. Nicht nur, dass du mir einen Urlaub geboten hast, der mich aus der Enttäuschung und der Belastung der Frankreichreise gerettet hat, sondern auch dieses beseelte Gefühl neue Freunde gewonnen zu haben und eine zweite Familie mit einer wunderschönen neuen andersartigen Kultur zu finden, hast du mir geschenkt. Einfach so, mit offenen Armen wurden wir in Istanbul empfangen und mit Tränen in den Augen mussten wir alles wieder verlassen.

Ein neues Land mit neuen Gerüchen, anderen Farben, süßen, klebrigen Speisen, eigenartig wechselndem Klima, berauschen herzlichen Menschen und wunderschönen Klängen, die mich nicht nur glauben, sondern auch hoffen ließen, habe ich entdecken dürfen. Auch die heiteren Momente, wenn sprachliche Barrieren und verschiedene Kulturen aufeinander prallten, waren für mich unvergesslich.

Um in Bildern zu sprechen: Liebe Ülkü, du hast mir eine Brücke gebaut, die von Katharine Branning in ihren Briefen an die Türkei so umfangreich geschildert wird. Eine Brücke in vielen Bereichen. Du warst die Brücke der Verständigung, die uns von dem einen Ufer zum anderen sicher brachte.

Du hast nicht nur meine erste Verbindung zur Türkei geschaffen, sondern uns alle so sicher getragen in Situationen, dass wir alle Istanbul und auch den muslimischen Glauben durch deine Augen sehen durften. Eine Brücke ist auch ein Symbol der Macht, wie Katharine Branning richtig sagt. Wer Zugang zu einer Brücke hat, besitzt eine strategische Kontingente die die eine Seite der anderen zugänglich macht und beide soweit zusammenhält, dass sie nur mit ihr vereint existieren können.

Und so warst auch du die Brücke zwischen uns acht anderen Pinguinen. Es gab zwischen uns nicht nur kein Gequake, weil die Chemie stimmte, sondern weil du unser beruhigender Brückenpfeiler warst, der uns schwingend in den Wind wehend von einer Erfahrung zur nächsten führte.

Würde es auf der Welt soviel mehr Brücken wie dich geben, bräuchten wir keine Grenzen mehr. Die bewegenste und leichteste Brücke jedoch, hast du zu meinem Herzen gebaut.

Ich danke dir vor allem dafür.

Herzlich Deine Dominique

 

 

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