Heute sind es nun genau 22 Jahre. An einem 17. November haben wir zusammengefunden. Es war eine lange Nacht zuvor. Ich habe mir, wahrscheinlich zum ersten mal, sehr sehr lange Gedanken über uns zwei gemacht. Wie würde es wohl sein? Du und ich. Und was würden die anderen sagen? Es würde wohl immer welche geben, die nicht damit einverstanden sind, die es nicht gut finden, die darauf einreden sich voneinander zu trennen. Und ja, meine Eltern fanden die Idee auch nicht wirklich gut. Aber es kam wie es kommen musste. Wir haben uns gefunden. Du und ich, für immer.
Seit 22 Jahren ehre und schätze ich dich. Ich versuche, gehobenen Hauptes dir gerecht zu werden. Wir haben gute und schlechte Tage. Aber was zählt ist, dass wir noch immer zusammen sind. Es ist nicht so, dass ich mit dir besser oder sicherer bin. Du bist kein Schutz! Kein Zwang! Vielmehr bist du wie mein I-Tüpfelchen. Du bist das Ding, das mich vollendet. Mit dir bin ich komplett. Du gehörst zu mir. Wenn ich in den Spiegel schaue und dich sehe fühle ich, wie am ersten Tag, Wehmut, Stolz und einwenig Verantwortung. Verantwortung für all jene, die so sind wie ich. Ich bin dankbar, dass ich die freie Wahl habe mit dir Ich selbst sein zu dürfen.
Ich danke dir für die wunderschönen und auch nicht so schönen gemeinsamen 22 Jahre. Ich wünsche mir noch viele viele Jahre mit dir.
Das es im Leben nicht immer zugeht wie auf einem Ponyhof, das weiß ich ja schon länger. Aber dass es nicht unbedingt wie auf einer nicht-artgerechten Schweinefarm zugehen muss, das weiß ich auch! Wie der Zufall es will, befinde ich mich gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Es ist hart auf etwas verzichten zu müssen, was einem so sehr ans Herz gewachsen ist, was man wie sein eigenes Kind groß gezogen hat, und was einem dann so von heute auf morgen entzogen wird, wie quasi irrtümlicher weise total unbegründet und unberechtigt vom Jugendamt; in meinem Fall durch die Finanzkrise des Unternehmens. Was nun? Wo ich doch so ein strenggläubiger Workaholiker bin. Ich habe gemerkt, dass ich mich in den vergangenen Jahren stark durch meine Kinder und meine Arbeit definiert habe. „Sage mir was du arbeitest und ich sage dir wer du bist“ dieser Satz stand scheinbar in unsichtbarer Schrift über meinem Schreibtisch. Tja und jetzt wo ich ja nicht mehr arbeite, also müsste es heißen im Folgeschluss, bin ich nicht. Das war ich glaube ich in den letzten drei Monaten auch. Ich war einfach nicht. Weg. Einfach ausgeschaltet. Wie bei allen anderen Arbeitslosen, ist man zunächst einfach nur wahnsinnig traurig, irritiert, dann nochmal traurig, dann desorientiert, dann wieder traurig, usw. bis sich der Kreis dann zunächst mit Zorn, Wut, und dann mit einem impulsiven „jetzt reicht’s aber mal wieder“ schließt.
Pech-Magnet
Wir leben ja in einem Sozialstaat. Da kann einem Gott sei Dank nicht viel passieren. Man muss dann eventuell einige Abstriche machen, aber im Vergleich zu anderen Mitmenschen auf der Welt, ist man in Deutschland auf der sicheren Seite. (An diesen Satz glaube ich übrigens trotz allem immer noch) Dank der jahrelangen Work-Life-Children Balance, bin ich also nicht berechtigt Arbeitslosengeld zu beziehen. Pech Numero 1! Wenn ich nicht arbeite, habe ich keinen Anspruch auf einen Hortplatz für meine Tochter, die in die erste Klasse geht und unverschämterweise jeden Tag um 11:30 Uhr aus hat. Die vom aussterben bedrohten Hortplätze sind rar und mithalten kann man da wirklich nur wenn man Alleinerziehend, todkrank oder ähnliches ist. Mit ganz viel Aufwand hatte ich es kurz vor meiner Kündigung hingekriegt eine provisorische Gruppe zusammenzustellen. Diesen Platz habe ich dank meines erneut aufgenommenen Studentenstatus erhalten. Allerdings zerplatzt nun diese Seifenblase von Betreuung, allerdings aus völlig anderen bürokratischen Gründen, auf die ich vielleicht bei einem anderen Eintrag eingehe. Da ich nun meinen Studentenstatus habe, bin ich nicht Hartz-IV -Berechtigt. Pech Numero 2! Aber Bafög bekomme ich auch keines mehr da ich schon 35 bin, somit Pech Numero 3!
Um nicht alles immer auf Behörden-Gedös auf mich hinzunehmen lege ich Widerspruch ein und bekomme genau einen Monat später einen Termin. Ich versuche meine Situation klar und verständlich zu verdeutlichen. Ich bin 35, habe zwei kleine Kinder, Migrationshintergrund, Kopftuch und keine Berufsausbildung.Das Studium dauert in meinem Fall nicht wirklich lange, das letzte Drittel nimmt nicht mehr wie 3 Semester Zeit in Anspruch, und würde eventuell meine beruflichen Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt erhöhen. Nein! Gesetz ist Gesetz. Da lässt sich nichts machen. Das sei bitter in meinem Fall aber so ist es nun mal im Leben. Ich bin gefasst, denn damit war zu rechnen. Eine Exmatrikulationsbescheinigung möchte man dort sehen, damit man mir helfen kann. Ich solle mir schon mal Gedanken machen, wo ich mich am liebsten eingliedern lassen möchte; in den Erziehungs- oder Pflegebereich. „Haben Sie schon einmal gedacht in die Türkei zurückzugehen?“ werde ich gefragt. „Sonne, Strand und Meer, die Türkei ist doch ein schönes Land“ höre ich noch. „Sie schauen wohl keine Nachrichten oder? Mit zwei Kindern ist das für mich nicht die naheliegendste Option derzeit, außerdem muss man von woher kommen um zurückzugehen, ich bin in Deutschland geboren!“
Not hopeless aber planlos
Die Hoffnung stirbt Gott sei Dank zuletzt. Nach drei Monaten Trauer habe ich mich für neue Jobs beworben. Ich „knicke“ den Job des Journalisten nicht, wie man mir im Jobcenter zusicherte. Vielleicht schreibe ich jetzt einfach anders, aber ich schreibe. Ich habe als Kind zwei Allergie-Schocks mit völliger Bewusstlosigkeit und Körperstarre überlebt, so leicht kriegt man mich nicht vom Feld. Es mag sein, dass es ein sehr langer und harter Winter wird, aber dafür wird der Frühling umso schöner.
Seit einer Woche bin ich stolze Mutter eines Schulkindes. Die unendliche Freude und völlig unbekannte Spannung ist unbeschreiblich. Es zählt sicherlich zu den belustigenden Aktivitäten in der Vita, ich meine den Part mit, 2 karierte DIN A 5 Hefte, aber die Kästchen müssen definitiv für Erstklässler geeignet sein, Schreiblernbleistift, etc. pp. Mein Mann gestand uns, mir und meinem damals noch Vorschulkind, dass wir wie zwei völlig irre Besessene ausgesehen haben, als wir im Laden die Materialliste abgeklappert haben. Als die Liste beisammen war, alles beschriftet im Ranzen seinen Platz gefunden hat, fühlte ich mich so erschöpft als hätte ich all diese Sachen eigenhändig produziert. Das Endergebnis konnte sich zeigen lassen: Alles nach Wusch der Lehrerin und nach dem Geschmack der Konsumentin. Auftrag erledigt!
Die darauf folgende Aufgabe, stellte sich im Nachhinein etwas komplizierter als erwartet. Am ersten Schultag sieht es immer völlig simpel aus, wenn all die Knirpse mit ihren Schultüten posieren. Ich gestehe, ich hätte damit nicht bis nach dem Urlaub warten sollen. Und ich gestehe, ich hätte vielleicht einmal nicht Wanna-Be -Pädagogin spielen sollen, und das Kind so stark in diese Sache einbinden sollen. Es kam wie es kam. Man bestand darauf keine fertige Tüte zu kaufen sondern eine individualisierte zu basteln. Wen wundert das eigentlich? Wir leben im Zeitalter der extrovertierten Individualisierung. Das einzige Problem war nur, dass alle personalisierbaren Schultüten-Rohlinge entweder ausverkauft oder beschädigt waren. Not macht erfinderisch! Wir besorgten uns vom Buchhandel! eine einfarbige Schultüte. Dann kam das Motto: Eisprinzessin. Dabei wäre doch Fliegenpilz und Schmetterling um so vieles einfacher gewesen. Aber nun gut. Ich konnte mich ja von solch einer Mini- Komplikation aus der Bahn werfen lassen. Mit ein bisschen Unterstützung von Google, sehr viel Decollage Kleber und unendlich vielen Strasssteinen und Rüschen, war das Ding endlich fertig. Der Inhalt war dann vergleichsweise relativ simpel: Süßes+Niedliches+Nützliches. Auftrag erledigt!
Wir einigten uns dann noch recht flott mit „Prinzessin-auf-der-Erbse“ über Outfit und Frisur, so konnte dann der heiß ersehnte erste Schultag kommen. Wir bekamen recht freundliche Unterstützung von Oma und Onkel. Es war also alles perfekt. Ich hatte meinen Teil absolut gewissenhaft und meisterhaft erledigt. Sie war happy, die Lehrerin zufrieden.
Falls ihr euch nun wundert und euch fragt „was hat das jetzt alles mit der Überschrift zu tun?“. Nach nunmehr sechs Jahren gebe ich mein Kind in die edukative Obhut der Schule. Ich muss mir keine- oder zumindest keine allzu großen Sorgen, über das leibliche und geistige Wohl machen. Wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie sich in Zukunft mit einem ganz breiten Grinsen an diese Zeit erinnert. Und der Preis für all das? Morgens um 6 Uhr aufstehen-Brote schmieren- wie am Fließband Elternbriefe absegnen und zusehen, dass ich es gebacken bekomme das Kind wieder um 11:30 Uhr abzuholen.
Hmm wie Hort?! schießt nun einigen durch den Kopf. Tja, dazu ist der Gesetzgeber nicht verpflichtet. Die Plätze sind rar, die Vergabe undurchsichtig-nicht nachvollziehbar. Ich habe mir mittlerweile schon meine Sportschuhe bereit gestellt. Denn das ganze ähnelt mehr einer kraftaufwendigen extrem Leistungssportart als der wohlverdienten Freiheit, von der jede Mutter träumt.
Vorsätze, Grundsätze, Pläne und Konstrukte. To-Do-Listen und was noch mehr. Davon hat wohl jeder seine eigene Kollektion in unterschiedlichem Umfang für das eigene Leben. Bei vielem ist es einfach nur die Tatsache, es sich vorzunehmen. Oder aber schon allein der Gedanke, der Traum daran, erfüllt den Menschen mit Freude, Aufregung oder innerer Zufriedenheit. Einmal auf den Mount Everest steigen, das Tajmahal sehen, einen Hund besitzen oder im hohen Alter mit dem Seelenverwandten auf der Veranda des eigenen Häuschens den Sonnenuntergang bewundern. Bei vielen Topics, Aims und Zielen wissen wir eigentlich schon heute, dass wir das so wohl in diesem Leben nicht gebacken bekommen. Dennoch ist das Beschreiben von diesen Wunschlisten ähnlich wie mit der Sehnsucht nach Unsterblichkeit und ewiger Jugend: wir wissen sehr wohl um die unrealistische Möglichkeit.
Ich werde meine Wunschliste nochmal überarbeiten. Setze mich nicht mit Zielen, die ich sowieso nicht erreichen werde oder kann, unter Druck. Ich lerne die Freude und die Erfüllung zu verspüren, die man so schnell bei kleinen Erfolgen missachtet, wahrzunehmen. Heute ist der Anfang vom Rest meines Lebens. Ich werde jetzt und sofort mein Leben als kostbarstes Gut und Kapital wahrnehmen. Jegliche Verschwendung dieses Kapitals muss unterbunden werden. Mal schauen, wie lange ich dafür brauche. Mal schauen, ob das überhaupt klappt. Mal schauen, wie lange es dann auch anhält. Wir werden sehen, insallah.
Mega wichtiges, was abgehackt ist
Grobes Charaktergerüst aufgestellt, Selbstfindung in groben Zügen erledigt
Seelenverwandten gefunden, überredet, festgenagelt- Lizenz für exklusive freie Verwaltung in der Tasche
die schönsten Kinder bekommen- können eventuell noch einige Modelle hinzugefügt werden
pilgern nach Mekka und Medina- doppelt hält besser, deshalb unbedingt mindestens noch einmal hingehen
passenden Beruf finden
Worauf ich noch mehr achten sollte
weniger schlafen; Schlaf wird wirklich überbewertet. Man sollte nur soviel wie der Körper tatsächlich braucht schlafen. Alles andere ist Zeitverschwendung
mehr lesen; quer durch die Bandbreite, alles was dem Verstand und der Seele gut tut, durch die zwei Fenster im Kopf hineinlassen
innerlich ruhiger, gelassener und gefestigter werden
Fokus auf Gebete und Rituale setzen; wenn die sitzen kommt vieles von allein; Autogenes Training, Yoga, und Co. sind meiner Meinung nach auch nur Ersatz für das eigentliche Gebet
Aufgaben schneller erledigen und sich nicht von dem schnell zusammenkommenden Berg überwältigen lassen
mehr mehr mehr Zeit mit Kindern verbringen; Zeit, die ich nie wieder zurückholen kann; das, was eigentlich an Erinnerung am Ende bleibt, wenn sie dann mal flügge sind…
Was ich noch machen muss, bevor…
mindestens ein Buch schreiben
Promovieren
Disneyland
Lachgas
Bücher im Regal fertig lesen
Französisch und Englisch aufpolieren
eine neue Sprache lernen
Nach Indien, Indonesien, Provence und Afrika reisen
ein Haustier haben; damit meine ich alles was nicht Federn hat und nicht im Wasser lebt- kurz was man knuddeln und streicheln kann
auf der Abifeier meiner Kinder so sehr heulen, dass es peinlich wird
Enkelkindern Märchen erzählen, die sie so nirgends gehört haben
Ich mache das ja nun schon zum zweiten mal mit. Aber zweimal heißt schon lange nicht geübt, besser, professionell oder härter. Nein! Die Tragödie spielt sich eins zu eins nochmal ab. Ein deja-vue also. Über unsere deutschen Kitas lassen sich ja heute alle aus. Auch ich werde dazu dann noch meinen Senf abgeben. Aber nicht heute. Dafür ist der Kloß in meinem Hals viel zu groß, die Augen viel zu angeschwollen und die Nase zu feucht. Als Mutter macht man ja mit den Kindern die interessantesten Sachen mit: Zahnen, Laufen, Radfahren, Kinderkrankheiten pi pa po. Aber ich finde das schwerfälligste ist dann doch die Eingewöhnungsphase in die Kita. Ich weiss nicht warum. Ich kann mir das eigentlich nur damit erklären, dass ich an der akuten Trauer, dem Trennungsschmerz meines Kindes mitverschuldet bin. Ja, manche mögen mir jetzt widersprechen und ganz pädagogisch daher kommen und sagen „das tut dem Kind doch gut! Es muss ja unter gleichaltrige“ und noch so in der Art. Aber sorry Leute. Vor exakt zwei Stunden habe ich mein dreijähriges Kind heulend in der Kita gelassen. Da hilft weder Montessori noch Freud. Es ist wie es ist. Ich fühle mich hundeelend. Als ob ich mein Kind in einem Stall voller Kinder und nicht wirklich begnadeter und scheinbar noch weniger motivierter Erzieherinnen ausgesetzt hätte. Selbstverständlich habe ich mich nach 10 Minuten telefonisch erkundet, wie es dem Kind geht. Es solle mit der Erzieherin in der Bau-Ecke spielen und nicht mehr weinen. Stimmt wahrscheinlich-gehört habe ich es zumindest im Hintergrund nicht.
Wie fühle ich mich jetzt?
Nicht frei und auch nicht sorglos.Vielleicht kommt das noch. Es ist eine schwerfällige Trägheit eine umfassende Ohnmacht auf mir. Vielleicht vergeht das. Um die Zeit bis zum Abholen besser überbrücken zu können, habe ich mich an diesen Text gesetzt. Eigentlich hätte ich laut Plan eine Menge anderer Dinge zu tun. Dafür habe ich jetzt weder die Kraft noch die Lust. Ich als Mutter, die sich vor zwei Stunden von ihrem Kind trennen musste, darf man das. Und das ist gut so!
Es ist nun schon drei Jahre her. Vor genau drei Jahren zur Osterzeit haben wir uns entschlossen die Reise unseres Leben zu machen. Letztendlich sollte man zumindest einmal im Leben dort gewesen sein. Alles passte- genug Geld- genug Zeit- mehr als erforderliche Motivation.
Dieses Land war wirklich wesentlich wärmer als Deutschland, was für uns nicht im geringsten unangenehm war, denn schließlich konnte man von diesem warmen, hellen und euphorisierenden Gut nicht genug bekommen. Als wir uns Gepäck in dem kleinen Hotel am Hang abgegeben hatten sagte unser Reiseleiter „wir sollten gleich los, schließlich sind wir ja nicht zum Schlafen gekommen, je eher wir los gehen desto schneller sind wir dort“. Ich kann mich an jenen Tag sehr gut erinnern, so als ob alles erst gestern geschehen ist. Die Straßen waren voller Menschen. In der Luft waren unterschiedliche Gerüche, Stimmen und Melodien. Alles eben nicht von dieser Welt. Als wir uns näherten sagte unser Reiseleiter „so, nun sind wir fast schon da. Ich bitte sie nun mir zu vertrauen. Senken sie bitte alle ihre Blicke auf den Boden bis wir direkt davor stehen. Es ist wahrlich ein bezaubernder Anblick, der umso mehr an Bedeutung und Wert gewinnt wenn man diesen beim ersten Augenaufschlag direkt davor erlangt. Es ist wie das erste Antreffen des Geliebten. Der erste Anblick ist immer der, an den man sich sein Leben lang erinnert.“
Es fiel mir nicht ganz leicht auf einen Reiseleiter zu hören, den ich nicht gut kannte, vor allem nicht an einem Ort an dem ich noch nie zuvor war. Aber dennoch wollte ich diese eine Chance nicht verpatzen, ich wollte das Flair in vollen Zügen erleben können. So senkte ich meinen Blick. Der Boden war steinig und staubig, die Füße etwas unsicher. Einige Meter weiter erblickte ich weißen Marmor und eine gewaltige Fußmenge: Hunderte, Tausende Füsse; schwarz, weiß, gelb, braun, groß, klein… Ich fühlte mich unsicher, aufgeregt, ja fast schon panisch… Was würde passieren? Was würde ich fühlen? Was wäre wenn ich überhaupt nichts empfinden könnte? Was würde ich tun wenn mir nichts einfallen würde? Fragen über Fragen und keinerlei Antworten. Im Entenmarsch ging es voran. Es wurde immer spannender. Ich konnte immer noch nichts sehen. Der Reiseleiter hatte das Kommando immer noch nicht gegeben. Aber ich konnte fühlen, dass wir nicht mehr weit entfernt sein konnten. Unser Tempo wurde langsamer. Wir schienen in eine Warteschlange geraten zu sein. Auf einer fremden Sprache wurde etwas gefragt. Geantwortet wurde in den unterschiedlichsten Sprachen. Die Frage wurde nun auch an mich gerichtet. Ich schien dran gekommen zu sein. Ich verlor einen schielenden seitlichen Blick zur Frage stellenden Person. Es handelte sich um eine Sicherheitsbeauftragte, die Taschenkontrolle durchführte. Sie hielt sich an meinem Rucksack den ich am Rücken trug fest und zog mich zu sich. Sie fragte etwas. Ich verstand nur das Wort „Foto“. Sie schien nach meinem Fotoapparat zu fragen. Selbstverständlich bin ich mit Fotoapparat unterwegs, so was lasse ich doch nicht entgehen, ich möchte es bis in die Unendlichkeit verewigen. Aber Sie schien damit ein Problem zu haben. Sie ließ meinen Rucksack nicht los und forderte mich auf ihn bei ihr zu lassen. Das wollte ich wiederum nicht denn es waren ja noch diverse wichtige Sachen wie Pampers & Co. meiner Tochter darin. Alles was man eben mit Kleinkind von zwei Jahren so braucht. Sie zog mich nach hinten. Die Masse schob mich nach vorne. Sie wurde immer lauter, die Masse immer ungeduldiger. Ich ging ein Schritt vor und einen Schritt zurück. Es endete damit, dass die Masse dieses Tauziehen gewann, und ich aus dem Griff der Sicherheitsbeauftragten. Die erste Hürde hatte ich nun schon bestanden und hinter mir. Ich drehte mich zum Eingang und suchte meinen Mann der mit unserer Tochter an der Reihe war. Er wurde dezent abgewiesen. Grund war unser Buggy in dem die Kleine saß. Ich konnte es nicht fassen. So kurz vor dem Ziel. Das kann es doch wohl nicht sein? Ich saß in einer hässlichen Zwickmühle. Hinter mir das Ziel der Ziele, das weltliche Nirvana- vor mir Mann und Kind. Die Entscheidung war gefallen! Ich blickte zu meinem Mann und sagte „ich komme gleich wieder, dann können wir den Buggy wieder zurück ins Hotel bringen, ich will nur einen kurzen Blick drauf werfen“. Ich nickte, notgedrungen. Ich drehte mich um, senkte wieder meinen Blick und atmete zweimal tief durch. So jetzt war der Moment nun endlich da. Die seltsame Unterbrechung hatte ich sofort gelöscht und gleich dort angeknüpft wo ich stehen geblieben war und dockte an die Gruppe und den Leiter an. Es war Spätnachmittag. Eine sanfte Brise wehte durch den Schatten. Es war das Gezwitscher von mindestens einer Million Vögeln zu hören. Es hörte sich wie ein Vogelpark an. Im Hintergrund konnte man ein sanftes Summen von Menschen hören, es handelte sich um Gebete. „Halt“ rief unser Reiseleiter und stoppte die tappende Gruppe. „So jetzt heben sie bitte alle ihre Köpfe und vergessen sie bitte nicht was ich ihnen erzählt habe. Mögen Sie mich in ihre Gebeten miteinschließen und möge Allah ihre Gebete erhören“. Den letzen Teil hörte ich nicht mehr ganz, sondern nur noch als leichtes Blabbern.
Ich war da. Er hatte mich eingeladen und ich war zu Gast in seinem Haus, vor der Kaaba. Ich war ehrlich gesagt etwas verwundert, denn den schwarzen Würfel hatte ich mir wesentlich größer vorgestellt. Aber es stand so klar und real vor mir. So echt. Ich fühlte mich wie nach einer Behandlung einer extremen Sehschwäche gar Erblindung. Ich konnte es sehen… Ja ich konnte es sogar fühlen. In mir drin. Die Menschen waren alle voller Extase und umkreisten die Kaaba mit Gebeten. Sogar die Vögel, die ich kurz zuvor so intensiv wahrgenommen hatte, schienen hier ihr Gebet zu verrichten, in dem sie auch diesen heiligen Ort umkreisten. Ich war einfach nur fasziniert. Es war tatsächlich wie alle Pilger immer sagten:“man kann es nicht erzählen, man muss es erleben“. Sie hatten in einer anderen Sache auch noch Recht. Ich war früher immer stutzig und kritisch wenn Pilger nach der Rückkehr berichtete, daß sie alles und jeden dort einfach vergessen hatten. Sie erzählten, dass man dort wirklich jeglichen Bezug zum Irdischen verliert, sich quasi selbst vergisst, weder Hunger noch Schmerz empfindet. Ich sagte dann immer zu mir selbst „Na, der übertreibt ja maßlos. Wie kann man denn seine Kinder vergessen?“. In einem Hadith heisst es man scheidet nicht von dieser Welt bevor man selbst nicht das erlebt was man geächtet und getadelt hat. So sollte es denn sein. Ich hatte wirklich meinen Mann und meine Tochter absolut vergessen. Gegen Abend liefen wir uns wieder über den Weg. Wir fanden uns auf dem Hügel an dem Abraham Frau und Kind mit dem Befehl Allahs hinter sich ließ. Dort waren wir vereinigt.
Der erste Anblick ist in meine Erinnerung eingraviert. Wie ein Memoire in ein wertvolles Schmuckstück, bei dessen Anblick man sich immer erfreut.
Diesen Text widme ich meiner geliebten Schwester, die in einigen Tagen ihren eigenen ersten Anblick erleben darf insallah… Möge er uns immer und immer wieder als Gast in seinem Haus empfangen….
Das Jahr neigt sich allmählich dem Ende zu. Nur noch vier Tage und wir zählen das Jahr 2013. Manch einer hofft alles besser, schöner, perfekter und vollkommener machen zu können. Und nach exakt 365 Tagen werden dann wieder Vorsätze voller Motivation und Erwartung aufgelistet. Unsereins hat ein extrem anstrengendes Jahr hinter sich, dass sicher seine Spuren hinterlassen hat. Bei der Erstellung dieser Zeilen tanzen zwei Hexen einen Siegeszug um einen persönlichen Gegenstand von mir, in dem sie laut kreischen und mit ihren kleinen pummeligen Füssen immer wieder darauf treten und dabei mich von ihren Augenwinkeln beobachten. Es ist mittlerweile schon Tradition, dass man derartige Boykotte eine gewisse Zeit toleriert und dann, ähnlich einem Vulkanausbruch, mit Gebrüll auf die meuternde Masse stürzt und dann bis zum äussersten, das heisst bis zum Verlust von sämtlichen Körperflüssigkeiten, kitzelt. Just in diesem Moment haben die Hexen ein Opfer zu Boden erlegt und hüpfen um den Riesen, das nennt sich Frankfurter- Amazonen- Tanz.
Wie ein großer Gelehrter des modernen Sufismus sagte, sollte man sein Leben so planen und leben, dass man niemals „hätte ich doch…“ sagen muss. Das ist mein Vorsatz für 2013. Ich wünsche mir, und nur für mich selbst, mehr Ausgeglichenheit, Ruhe, Geduld, Verständnis, Weisheit, Energie und ganz ganz viel Empathie. Für alle anderen wünsche ich mir den Weltfrieden, weniger Last und Leid, dafür aber sehr viel Lust und Liebe…..
Laut Überlieferung fallen zu Beginn des Frühlings im Abstand von sieben Tagen drei CEMRE (aus dem arabischen übersetzt: Glut/Feuer) jeweils in die Luft, ins Wasser und dann in den Boden. Dieser Akt bewirkt, dass sich die Temperatur im jeweiligen Element danach stark erhöht und der Frühling unaufhaltsam kommen kann.
Früher dachte ich bei dieser Geschichte muss es sich um ein alt-Weiber Geschwätz handeln. Doch seit einigen Jahren verfolge ich dieses Datum genauestens und muss mit erstaunen feststellen, dass sich um diese Tage herum draussen tatsächlich etwas regt. Vor zwei Tagen ist nun der/die/das CEMRE in die Luft gefallen (im türkischen spricht man von einem Fall; wie vom Himmel).
Leute die Kinder haben kennen vielleicht den Zeichentrick Tinkerbell von Walt Disney. In diesem Film gibt es kleine Feen die alle eine ganz spezifische Aufgabe haben. Unter diesen Aufgaben gibt es die Rubrik Jahreszeiten. Folglich haben manche Feen die Aufgabe den Frühling zu organisieren. Ähnlich wie bei diesem CEMRE-Fall kommt mit Hilfe dieser Feen vom einen auf den anderen Tag, nach sehr viel Arbeit und Mühe, der Frühling.
Ich stelle mir das in diesen Tagen gerne so vor, dass einige Engel, die im Aufgabenbereich „Natur“ zuständig sind, mit dem „Los geht’s“ Zeichen eine Menge Energie umher wirbeln. Nach erledigter Aufgabe ist er dann auch endlich da: der Frühling….
So haben wir die liebe Nicole in Erinnerung… ich weiß zwar nicht wie alt sie war und wie alt ich war… aber sie hatte so eine mega Dauerwellen-Mähne und saß mit einer Gitarre auf einem Barhocker und hat ihr Liedchen geträllert auf dem Eurovision Songcontest…
Ihr verdanken wir wohl die heutigen Friedens- und Konfliktforschungen. Und ihr verdanken wir dann wohl auch die globale Erwärmung, denn „ein bisschen Wärme, das wünsche ich mir“ hat sie damals gesungen….
Heute denke ich mir, sie hätte vielleicht auch etwas Zeit wünschen sollen, dann wäre vielleicht manches heute nicht so hektisch. Denn viele Menschen sehnen sich heute wesentlich mehr nach Zeit und einen Alltag ohne Stress als nach Frieden…
Ja liebe Nicole so ist das eben, die Zeiten ändern sich!