Hinter der Fassade

Lehrerinnen werden künftig mit Kopftuch unterrichten können. Die Aufhebung des bisherigen Verbots vom Bundesverfassungsgerichts hat in der vergangenen Woche für viel Diskussion gesorgt. Bei den Betroffenen wurde laut aufgeatmet und Feierstimmung machte sich breit. Die Gegner haben mit alten Argumenten argumentiert und brachten wieder sehr viel Unverständnis mit. Ja, und dann gab es noch solche, die bisher keine Äußerung zu diesem Thema von sich gaben und sich nun zu den ersteren positionierten und über die Dringlichkeit und Notwendigkeit dieser Entwicklung aussprachen. Fakt ist, dass die offensichtliche Diskriminierung Muslimischer Frauen, denn dieses Verbot griff nur auf solche, nun ein Ende haben könnte. Es gibt keine genaue Zahl, die betroffene Frauen erfasst. Oft führen Frauen, die auf Grund ihres Kopftuches negative Erfahrungen auf dem Arbeitsplatz gemacht haben auch ein Doppelleben, das heißt, Kollegen wissen nicht, dass diese Frau im Privaten ein Kopftuch trägt. Allein in meinem Umfeld gibt es Dutzende Frauen, die Lehrerin sind und eigentlich ein Kopftuch tragen. Bei manchen geht es bis zum Parkplatz der Schule mit, bei manchen bleibt es ein behütetes Geheimnis. Welchen starken Strapazen diese Frauen ausgesetzt sind, und welche Bürde sie auf sich nehmen, um ihren Beruf auszuüben, will ich aus drei verschiedenen  Perspektiven wiedergeben. Die Namen wurden zum Schutz dieser Frauen geändert!

Sibel

Sibel wollte schon immer Lehrerin werden. Sie hat es auch irgendwie im Blut. Sie zählt wohl zu denjenigen begnadeten, die keinen Beruf ausüben sondern eine Berufung haben. Schon im Studium wurde sie oft darauf angesprochen, was sie denn nun mit ihrem Tuch machen wolle. Aber darüber wollte sich Sibel damals keinen Kopf machen, denn insgeheim hoffte auch sie, wie jede ihresgleichen, dass dieses Verbot irgendwann wieder ein Ende findet. Am besten noch bevor sie fertig ist mit dem Studium. So kam es jedoch nicht. Sibel war fertig mit dem Studium und sollte mit ihrem Referendariat beginnen. Im Grunde bestand die Möglichkeit eigentlich das Referendariat auch mit Kopftuch durchzuziehen. Allerdings hatte sie von Kommilitoninnen erfahren, dass es in ihrem Vorort zu schlimmen Auseinandersetzungen gekommen war. Die Schulleitungen, Kollegen und auch Eltern hatten Schwierigkeiten damit; es hieß in einem Schreiben „unüberwindbare Differenzen“. Sibel hatte sich vorgenommen das Tuch schon während des Vorstellungsgesprächs abzulegen und in einem kurzen Nebensatz zu erwähnen, dass sie im Privaten eins trage. Das Gespräch lief gut, beide Seiten fanden Gefallen aneinander, und die Tatsache, dass Sibel’s Ehemann bereits seit einigen Jahren an dieser Schule unterrichtete, war sicherlich auch förderlich. Dieser Vorteil sollte sich jedoch bald als „schweres Unterfangen“ darstellen. „Wir haben darüber gesprochen, als der Starttermin näher rückte. Ich weiß nicht für wen es schwieriger war, für mich oder meinen Mann. Ich fühlte mich so kahl und entblösst und er so hilflos und ohnmächtig. Wir haben es geschafft uns eine Woche lang im selben Gebäude aus dem Weg zu gehen. An diesem Tag, an dem wir uns das erste mal begegneten, auf der Arbeit, ich kann das gar nicht beschreiben. Die Stunde war rum, ich stand am Flur und wollte in meine Klasse. Es liefen einige Schüler umher und am Ende des Flurs stand plötzlich mein Mann. Für einen Moment blieben wir beide stehen und sahen uns an. Es war als ob die ganzen Schüler um uns herum waren plötzlich nicht mehr da wären. Dieser Anblick hat so weh getan! Ich wusste wie sehr ihm dieser Anblick weh tat, und er wusste wie schwer mir der Umstand fiel. Wir konnten uns jedoch nicht helfen. Wir liefen aneinander vorbei, beide mit Tränen in den Augen“. Sibel und ihr Mann besprachen ihre Situation nach Tagen und beschlossen zu versuchen dem Ganzen „Normalität“ zu verleihen. Sie haben versucht den „Schmerz“ auszublenden. Manche konnten den Jubel um die Aufhebung des Verbots nicht verstehen. Können sie wohl auch nicht, wenn man sich nicht hinter die Fassade begibt.

Yasemin

„Ich möchte Kinder unterrichten. Ja klar ist der Anreiz auch da, die erste tolle Persönlichkeit ausserhalb der Familie sein zu können auch recht groß“ grinst Yasemin. Eine junge Frau, die viel im Leben geschafft hat. Aus einer bildungsfernen Familie hat sie es als erste geschafft ein Hochschulstudium zu absolvieren. Der klassische Einsteigerberuf- Lehrer, hat es ihr von Anfang an angetan. Sie geht in ihrem Beruf auf. An der Pinnwand neben ihrem Schreibtisch explodiert quasi eine Bilder und Postkarten Invasion ihrer Schüler. Sie ist offensichtlich beliebt. Ich will wissen woher sie die Energie findet, zumal es ja mit der heutigen Jugend nicht immer so einfach ist, und wie sie damit klar kommt, dass sie ja eigentlich ein Doppelleben führt. Denn ihr Schulbetrieb weiß nicht, dass Yasemin eigentlich praktizierende Muslima ist, das heißt ausserhalb der Schule eigentlich auch ein Kopftuch trägt. „Ich liebe meine Kinder, meine Schüler sind wirklich wie meine Kinder. Ich möchte jedem einzelnen eine Chance für ein gutes Leben ermöglichen. Ich bereue meine Entscheidung für diesen Beruf nicht, trotz allem nicht. Ja, mein Kopftuch (Sie lacht und macht eine kurze Pause). Sie können es sich ja eigentlich schon denken, ich meine ich habe auch im Sommer immer lange Sachen an. Ich trinke keinen Alkohol. Ich habe eigentlich immer auf so eine Anspielung gewartet aber bisher kam nichts. Am Anfang war ich fast panisch. Ich habe öffentliche Räume, Einkaufszentren und ähnliches gemieden. Mit anderen Augenkontakt stark gemieden. Ich habe mich manchmal echt wie ein Bankräuber auf der Flucht gefühlt. Ich musste mir ständig zureden, dass ich nichts illegales mache. Aber das Gefühl hielt an bis ich eines Tages beim Einkaufen einen Arbeitskollegen antraf. Ich habe ihn mit meinem Einkaufswagen angefahren. Er sah kurz rüber, ich entschuldigte mich stotternd. Er erkannte mich einfach nicht! Ich war so schockiert. Ich hatte wirklich ein Doppelleben. Meinen Kollegen habe ich es immer noch nicht gesagt aber nach dem Vorfall habe ich mich einige Tage intensiv damit und mit mir auseinandergesetzt. Ich kam zu dem Entschluss, dass der Grund für mein Verhalten mit einer Angst verbunden war. Ich habe hart im Studium gekämpft, mir fiel eben manches nicht so einfach, weil ich es zu Hause nie so gelernt habe. Ich liebe meinen Beruf. Und ich glaube ich hatte einfach so viel Angst, dass man es mir wegnimmt wegen etwas was ja auch zu mir gehört. Ich war einfach enttäuscht, dass man mich nicht so akzeptieren wollte wie ich bin. Aber ich bemerkte, dass diese Menschen mich nicht einmal erkannten. Mittlerweile bin ich an dem Punkt dass ich wie bei der Margarine Werbung sage- ich will so bleiben wie ich bin“.

Fatma

Fatma ist eine Kämpfernatur. Sie ist ohne Zweifel eine ganz besondere Persönlichkeit. Nicht nur aus diesem Grund passt sie hervorragend in dieses Berufsbild. Der Schulleiter der Schule, an dem Fatma ihr Referendariat machen sollte war nicht der selben Meinung. Er machte sofort am ersten Tag eine diskriminierende Bemerkung zu Fatma’s Kleidung. Da allerdings das Verbot nicht in die Ausbildungszeit eingreift konnte er juristisch nichts gegen sie aufführen. Er entschied sich für die andere Alternative: Mobbing. Ein Jahr lang wurde Fatma schikaniert, bloßgestellt und angegiftet. Er hatte keine Schwierigkeiten seine Antipathie gegenüber Fatma zu äußern. Fatma hatte es mit dem Gespräch versucht, ohne Erfolg! „Es ist mir egal wie sie das nun verstehen. Ich habe ein Problem damit! Ich habe ein Problem mit Ihnen! Ich werde wahnsinnig mit dem bloßem Gedanken, dass eine wie sie wohlmöglich mein Enkelkind irgendwann unterrichtet! Ich werde alles in meiner Macht stehende in Gang setzen, damit sie nicht fertig werden!“ Wahre Worte! Er schloss sich mit Kollegen zusammen und Fatma musste die Schule wechseln, ja sogar das Bundesland. Von neu anfangen fiel Fatma schwer. Sie hatte sich sogar entschieden wie einige Freundinnen aus dem Studium, ganz damit aufzuhören. Das passte jedoch nicht zu ihr. „Jetzt erst recht!“ dachte sie sich, leitete rechtliche Schritte gegen den Direktor ein und machte sich auf ihren Weg. Heute ist Fatma Lehrerin und glücklich in ihrer Berufung. Die Erinnerungen jedoch werden ein Leben lang bleiben.

 

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