Für meine bessere Hälfte…

Zehn Jahre sind nun vergangen, als sich unsere Wege schnitten. An deinem 30. Geburtstag haben wir uns das erste mal gesehen. Heute, an deinem 40. kann ich nur sagen „Du bist das Beste was mir passiert ist. Ich danke Allah für meine bessere Hälfte, denn du bist die Hälfte an mir, die reifer, ruhiger, weiser und besser ist. Ich danke dir, dass wir Gefährten im Leben sind.

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Fotoquelle http://anastasia-lala.blogspot.de/2010_07_01_archive.html

Vor genau zehn Jahren sah ich dich und dachte mir:“Den kenne ich! So bekannt irgendwie.“ Ich meine nicht so, als ob man sich auf einer Veranstaltung gesehen oder auf dem Weg mal getroffen hätte. Ich meine vielmehr so, als ob man sich schon vorher, viel vorher als das hier und jetzt, gegenüber stand. Ich glaube, in dem Moment haben sich unsere Seelen an etwas erinnert. An etwas von vorher, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, in einer anderen Form.

Ich danke dir für die zehn wundervollen Jahre und wünsche mir noch viele Jahrzehnte gemeinsam mit dir!

Mevlana Celaleddin Rumi schrieb:

Ich war getrennt von meinem Geliebten* für ganze sieben Jahre. Die Sehnsucht brannte wie ein Feuer in mir. Ich bereitete mich auf Ihn vor. Nach sieben Jahren kam ich an Seine Tür, die Kraft in meinen Beinen verließ mich, mein Herz zersprang vor Aufregung und ich klopfte an der Tür.Der Geliebte antwortete mit seiner liebreizenden Stimme

„Wer ist da?“

Ich sagte „Ich bin es“. 

Er öffnete  die Tür nicht und sprach:“Geh‘ fort! Du sprichst noch immer ‚ich bin es‘ „.

Ich ging und litt weitere sieben Jahre. Ich kam zurück und klopfte erneut.

„Wer ist da?“ fragte er. 

„Ich bin du“ erwiderte ich. 

Er öffnete die Tür und sprach mit seiner sanften Stimme: 

„Herzlich willkommen, schön dass du gekommen bist. Ich bin nicht ich, und du bist nicht du. Und doch bin ich, ich, und du, du selbst. Geliebter ich bin in solch einem Zustand, in dem ich nicht weiß, ob du, ich bist, oder ich, du bin!“

 

*Dieses Wort steht im türkischen geschlechtsneutral. Sinngemäß spricht Mevlana bei der Liebe immer im göttlichen Kontext, d.h. über die Liebe zum Schöpfer.

 

Liebe Sibel Kekilli…

Dies ist eine fiktive Antwort auf Sibel Kekilli’s Rede am Berliner Schloss Bellevue vom 6. März 2015, die in der FAZ veröffentlicht wurde. Da derartige Texte wie meiner sich nunmal nicht so gut verkaufen, klingen meine Worte auf meinem Blog für meine begrenzte Leserschaft. Das ist jedoch kein Problem- Hauptsache ich habe ihr geantwortet! 

 

Liebe Sibel,

ich habe deine Rede gelesen und bin betrübt, dass du solch traurige Erfahrungen machen musstest. In der Tat ist es heute nicht ganz so einfach eine Frau zu sein. Auf der ganzen Welt sind wir noch am erkämpfen von Grund- und Menschenrechten. Selbst in Ländern, in denen wir juristisch gesehen unsere Rechte haben, hinkt es in der realistischen Umsetzung.

Die Grundmotivation deiner Rede ist deine innere Unzufriedenheit, deine Hin- und Her Gerissenheit und deine Wut. Letzteres entsteht hauptsächlich, wenn man sich gehindert oder nicht zulassen fühlt. Du schreibst :“Warum vertreibt ihr mich? Warum muss ich weg, wenn ich nicht den mit Regeln vollgepflasterten Weg gehe, den ihr mir aussucht. Warum wollt ihr mir ein Korsett aus starren Regeln und Pflichten überstreifen und immer fester schnüren, wenn ich so doch nicht mehr atmen kann? Wieso könnt ihr Freiheit nicht einfach als Wert für alle anerkennen? Ihr müsst mich und meine Wünsche ja nicht unbedingt verstehen, sondern respektieren. Ich bin ein Individuum. Warum nur ist euch die Außenwirkung in der Gesellschaft wichtiger als das glückliche Leben eurer Tochter, Schwester oder Frau?“ Liebe Sibel, das Korsett hast du doch längst weggeworfen! In der Kunst hast du doch deinen neuen Sauerstoff gefunden! Durch deine Filme hast du doch deine Lebenswelt neu definiert! Warum also diese Qual!?

Andere Männer

Ich wünschte du hättest die Möglichkeiten an Erfahrungen gehabt, die ich und noch viele andere Muslimas tagtäglich mit „unseren Männern“ erleben.  Ich bin die Erstgeborene meiner Familie. Das erste Kind ist immer wie eine Premiere. Man ist aufgeregt und gespannt. So waren es auch meine Eltern. Am Tag meiner Geburt kam mein Vater mit 100 roten Rosen ins Krankenhaus. Alle auf der Station haben sich gefragt, wer denn die Glückliche sei. Dieses Glück wurde jedoch am nächsten Tag betrübt. Freunde meines Vaters belächelten ihn und sagten, dass ein echter Mann einen Sohn bekommt. Mit 24 Jahren lässt man sich manchmal Flöhe ins Ohr setzen, so auch mein Vater. Er distanzierte sich von mir. Diese Distanz gelang ihm jedoch nur wenige Monate. Denn als ich anfing Laute von mir zu geben, mein tollstes Hollywood-Baby-Face in Einsatz  brachte, erweichte sein Herz. Diese Geschichte hat er mir nach Jahren selbst erzählt. Ich konnte mich an nichts erinnern, dennoch konnte ich das tiefe Bedauern in seinem Gesicht sehen. Er hatte sich die Zeit genommen, über alles nachzudenken und nachzulesen. Er stellte fest, dass weder unsere Kultur noch unsere Religion eine derartige Abstufung von Töchtern vorsah. Im Gegenteil: mit der Geburt einer Tochter kommt Wohlstand und Allah’s Schutz in dieses Haus. Der Prophet Muhammed s.a.v. verspricht im Jenseits die Nachbarschaft mit denjenigen, die zwei oder mehrere Töchter „gut“ erziehen. Mit „gut“ ist hier die weltliche und geistige Ausbildung gemeint. Mein Vater nahm sich das zu Herzen. Er tat Buße indem er seine Kinder, egal ob Junge oder Mädchen mit identischen Rechten und Pflichten „belastete“. Er gab mir immer das Gefühl, ich könne werden was ich wolle, wenn ich daran glaube. Mein jüngerer Bruder wurde nicht bevorzugt; er sah in mir einen gleichwertigen und ernstzunehmenden Konkurrenten. Für Kinder ist das in der Entwicklung sehr sehr wichtig. Mir wurde auch nicht vorherbestimmt mit wem ich zu heiraten habe. Ich habe meinen Mann meinem Vater selbst vorgestellt.

Die muslimische Gesellschaft und ihre Beziehung zur freien Frau

Du schreibst auch „Was ist denn so bedrohlich an einer freien Frau? Warum wird sie von der eigenen Familie und der muslimischen Gesellschaft klein gehalten? Warum habt ihr Angst vor einer selbstbewussten Frau? Warum versteht ihr nicht, dass Freiheit nichts Bedrohliches hat, dass sie einem nichts tut, sondern nur eine Chance auf Selbstentfaltung bedeutet.“ Dem kann ich so nicht zustimmen. Dir ist sicherlich bewusst, dass es nicht die muslimische Gesellschaft geben kann. Weltweit gibt es Muslime und alle sind von ihren kulturellen und territorialen Gegebenheiten gefärbt. Auch ist eine freie Frau für den Islam und für die Muslime keineswegs eine Bedrohung. Ganz im Gegenteil. Eine freie Frau wird um jeden Preis den Schatz der Freiheit wahren und schätzen und sie wird alles in die Gänge leiten, wenn sie auf eine Unfreie trifft um ihr zu helfen. Somit sind freie Frauen doch einzigartige Aktivistinnen der Gesellschaft die sich einbringen. Ich und viele andere meinesgleichen sind frei in ihrem Leben und frei in ihrer Beziehung. Ich danke heute Allah, dass ich die Ehre habe mein Leben mit einem wundervollen Mann zu teilen, der mich ehrt und schätzt und an mich glaubt, selbst in Momenten, in denen ich mich bereits aufgegeben habe. Ich erfreue mich täglich wenn ich miterleben darf, welch glückliche und liebevolle Beziehung er mit unseren beiden Töchtern hat. Sie werden einmal starke und kluge Frauen werden. Nicht weil sie starke Mutter haben sonder weil sie einen wunderbaren Vater haben.

Du sagst dass du „kümmerlich“ eingehst, weil dir „die Kraft fehlt“ gegen uns „und eine ganze Kultur zu stellen. Denn die muslimische Kultur kann gnadenlos sein“. Weißt du, ähnlich ergeht es mir/uns, wenn ich/wir an dieser Massenexplosion von Diffamierung, Kränkung und Unwahrheiten „aus den eigenen Reihen“ erschlagen werden. Kein Tag vergeht, an dem nicht an uns gezerrt und geschubst wird. Man redet immer über uns, aber niemals  mit uns. Ich bin es manchmal Leid, mich ständig von Ereignissen distanzieren zu müssen und stets für Klarstellung zu sorgen verpflichtet zu sein. Es macht mich traurig zu sehen, dass du ein derart kaputtes und deformiertes Bild vom „Islam“ und von „der muslimischen Kultur überliefert bekommen hast. Mein Bild ist ganz hell und warm. Wenn ich meine Augen schließe und in mich hineingehe dann habe ich einen Schöpfer der mich mit allen meinen Makeln kennt und dennoch liebt, einen Propheten, der selbstlos für mich da ist und mir meine dunkelsten Wege erhellt. Wenn ich meine Augen öffne dann sehe ich meinen Mann, der mir sagt „ich bin mit dir hier und jetzt und auch im Jenseits“.

 

 

Weltfrauentag- zwischen „Juhu“ und „Buh“

Wir haben heute Weltfrauentag! Ich weiß nicht recht ob ich mich freuen kann. Prinzipiell ist die Grundidee mit einem Gedenktag, an dem man auf die Gleichberechtigung der Frau den Fokus setzt nicht dumm. Erforderlich sogar, leider! Aber in Anbetracht der aktuellen globalen Situation in der wir Frauen uns weltweit befinden einfach nur traurig….

Mein Tag fängt recht früh an. Ich checke meine Mails und habe zum heutigen Tag diverse Glückwünsche, Nachrichten aber auch Werbung. Werbung, die mir rät Unterwäsche, Blumen oder aber Schuhe zu kaufen! Aha, ich soll mich also belohnen? „Schön dass du eine Frau bist, heute ist dein Tag, komm gönn‘ dir doch was schönes, das hast du dir verdient“ steht zwischen den Zeilen.

Wir haben eine Quote: Juhu

Eigentlich müssten wir vielleicht tatsächlich zum diesjährigen Weltfrauentag in richtiger Feierstimmung sein. Wir haben jetzt eine nagelneue Frauenquote. Das Land ist ja auch ein wenig in Feierlaune. Wow! Sie ist da die Quote, „auf ihr Frauen, hoch mit euch in die Führungsetagen“. Ich weiß nicht recht ob ich mich für diese Quote wirklich freuen soll. Selbstverständlich ist sie, so traurig und ernüchternd das doch eigentlich in der Realität ist, notwendig. Die Herrenclubs in großen Unternehmen müssen endlich mal weiblich durchgewühlt werden. Es muss an vielen Ecken und Bereichen auch mal aus einer völlig anderen Perspektive an die Sachen herangegangen werden. Das diese Frauen sich dann jedoch permanent fragen werden, ob sie denn nun hier sind, weil sie es drauf haben oder aber lediglich eine Quotenfrau sind, das ist dann auch ihr Problem…

Ich muss bei der Quote immer an folgendes Bild denken: ein super Flitzer, ein nagelneuer Sportwagen, dessen Lack quasi noch riecht und spiegelt, was sich in seine Nähe begibt, steht auf der Straße. Männer, die daran vorbeilaufen, oder aber gerade wegen dem „Motz-Teil“ dorthin laufen, sabbern schon und erfreuen sich am Anblick. Obwohl sie wissen, dass sie diesen Wagen niemals fahren werden, ergötzen sie sich am bloßen Betrachten und führen stundenlang Gespräche darüber. Und jetzt der Schwenker vom Sportwagen zur Quote: Es gibt sehr viele Frauen in Deutschland, die trotz Quote, eben immer noch nicht an verdienter Stelle sein werden; weil sie älter sind, Kinder haben, oder aber ein Kopftuch tragen. Diese Frauen freuen sich auch, dass die Quote da ist, reden viel darüber, wissen aber sehr wohl, dass ihnen die Quote dennoch nichts bringen wird.

Und trotzdem sind wir noch am Anfang

Wir haben viel geschafft und uns geht es in Deutschland nicht schlecht, ja gut sogar! Wir sind hier definitiv gesetzlich gleichberechtigt aber leider noch lange nicht gleichwertig! Dafür müssen wir alle noch sehr viel arbeiten. Ich für mich persönlich kann mich mit dem Erfolg, den Frauen in Deutschland erlangt haben nicht zufrieden stellen, wenn ich weiss, dass es Kriegsflüchtlingen, Frauen und Mädchen insbesondere miserabel geht. Für sie ist Misshandlung, Vergewaltigung, Gewalt und Not Tagesordnung. Es ist lobenswert, dass wir nun mehr Frauen aus diesen Kriegsregionen aufnehmen wollen. Aber das reicht nicht, wir müssen mehr tun und uns um das Leid dieser Frauen so kümmern, als sei es unser eigenes. Wir müssen heute gemeinsam mit den Männern sicherstellen, dass der Fall von Özgecan Aslan sich nie wieder wiederholt. Es darf nicht wild auf Frauen Jagd gemacht werden, denn so fühlen wir Frauen uns derzeit auf vielen Orten dieser Welt.

Der Tag ist noch nicht vorbei, ich für mich, scheue mich um keine Aufgabe und keine Arbeit, für zukünftige Frauen wie meine Töchter, damit diese später auch Stolz auf uns sein können. In diesem Sinne, allen Frauen dieser Erde, einen schönen Weltfrauentag!

 

Töchter als Nussknacker

Männer haben oft eine differenzierte Haltung  gegenüber Frauen, insbesondere Frauen, die nicht in ihren unmittelbaren „Haushalt“ fallen. Alle Frauen also, die nicht Mutter, Tante, Schwester oder Frau/Lebensgefährtin/Freundin sind. Man(n) steht irgendwie immer in einer unsichtbaren Konkurrenz zu ihr.  

Es fängt eigentlich schon im Kindergarten an, dass er immer dann wenn sie etwas aus der Spielzeugkiste holt, auch damit spielen möchte. Und eigentlich kann er ja sowieso alles besser: schneller laufen, höher schaukeln und größer bauen. Manch eine plappert das gegenüber dann einfach mal mundtot und dann ist gut. Jedoch geht diese Rangelei dann auch eben in der Schule  einwenig weiter. So lange eigentlich bis Interessen und Potentiale stark differieren und beide ihr „eigenes Terrain“ entwickeln. Man kooperiert oft nur wenn man muss und baut quasi an verschiedenen Baustellen. Toleranz trifft es wohl am präzisesten: man kennt die Unterschiede und kann damit umgehen und lebt damit. Später an der Universität nähert man sich wieder an, das heisst die Branchen sind oft noch unterschiedlich. Es gibt immer noch Männerdomänen und immer noch Studiengänge mit fast 90% Frauenanteil. Aber dennoch vermittelt die Universität wohl allen mehr oder minder das Gefühl von Gender und Diversity und man kann ins Gespräch kommen.

Arbeitswelten-Männerwelten

Oft sieht man Unternehmen, in denen die Herren gerne unter sich sind. Insbesondere die Führungsetagen in Deutschland sind generell alt und maskulin. Sicherlich hat es so seine Vorzüge homogen und  gleich gesinnt zu sein. Man(n) erspart sich eine Menge Ärger. Alle sind sich relativ schnell einig und nachtragend und zickig ist auch keiner. Manch einer gibt in Zeitungs- und Fernsehinterviews oft an, dass man ja schon gerne Frauen mit im Boot hätte aber diese ja selbst nicht mutig  genug  seien und sich nicht bewerben würden. Ob jedoch die Konditionen passen oder ob es für manch eine überhaupt ein anzustrebendes Ziel ist unter dutzend älteren Männern die Quoten-Dingsda zu sein, das fragt man sich lieber nicht. Laut neuster Studie der Antidiskriminierungsstelle wird jede zweite begrapscht oder belästigt. Klar dass manch eine damit nicht so locker fertig wird und den kürzeren zieht, das heisst sich komplett zurück zieht.

Sinneswandel 

Der späte Sinneswandel kommt bei den meisten Chefs, wenn die eigene Tochter anfängt zu studieren und allmählich sich für Jobs umschaut und beginnt an der Karriere zu basteln. Mit großer Wahrscheinlichkeit fallen manchen Herren dann die Erinnerungen wieder ein. Mit großer Besorgnis, dass das eigene Töchterlein an seinesgleichen geraten könnte, wird manch eine harte Nuss von Chef geknackt. Sicherlich kann man sich nun denken „lieber spät als nie“. Was jedoch die Kolleginnen die jahrzehntelang auf berechtigte Positionen verzichten mussten dazu sagen, dass kann sich ja wohl jeder denken.

#equalpayment #gleicherLohnfürgleicheArbeit #diversity #gender #Qualifikationzählt #DiskriminierungamArbeitsplatz

#friendshipChallenge

Ich bin von den Herren Resul Özcelik und Serdar Ablak auf Facebook für die #friendshipChallenge nominiert. Als die Herren die Aktion in Gang setzen, ich schreibe bewusst Herren denn, irgendwie fand ich nur Video Statements von Männern auf meiner Timeline, dachte ich mir:“Na toll! Ist das jetzt wieder so eine Männer-Solidarisierung, Kumpels-forever, oder wie?!“ Ich entschuldige mich für meine voreingenommene Haltung, man(n) möge es bitte auf meine derzeit überlasteten Nebenhöhlen schieben. So, nun bin ich nominiert und wollte eigentlich eine Videobotschaft basteln aber wie gesagt, unter den derzeitigen Umständen hätte man wohl nur die Hälfte verstanden, also daher lieber der Text.

Freundschaft und damit meine ich wahre Freundschaft ist wohl die  bereicherndste zwischenmenschliche Beziehung, die ein Mensch aufbauen kann. Freund heißt im türkischen „ar·ka·daş“. Man sagt, dass der Ursprung dieses Wortes im Sinngehalt darauf zurück geht, dass man einen Freund wie einen schützenden Fels hinter sich wissen soll. Ein Fels, der einen stützt, einen deckt, der Halt gibt. Ich hatte und habe noch sehr viele schöne Menschen, die ich als Freunde im Leben kennen und schätzen gelernt habe. Sie sind unterschiedlich in  Religion, Nation, Geschlecht und Alter. Von jedem einzelnen kann ich so viel lernen, aber auch an den schönen Momenten ihres Leben einfach Teil haben.

Ich persönlich habe immer die Freundschaft des Propheten Mohammed mit den Menschen um sich herum zum Vorbild genommen. Den Freund, so wie er ist annehmen, für ihn immer da sein, in guten und schlechten Zeiten, jetzt im hier und später im Jenseits zusammen sein. Dass letzteres immer noch üblich, möglich und gängig ist, habe ich von Fethullah Gülen, meinem Hocaefendi, gelernt. Einst teilten sich er und seine Freunde das Gebetbuch Cevsen in Kapitel auf, und sprachen sich ab, die jeweiligen Kapitel täglich zu lesen und füreinander zu beten. Jahre später, längst, als die meisten der Freundesgruppe bereits verstorben waren, las Hocaefendi seinen Part weiter. Freundschaft, die Raum und Zeit ungebunden ist, bis in alle Ewigkeit.

Ich möchte mich öffnen, frei von Vorurteilen und Schablonen und Schubladen sein…Möchte meinen Freunden den Rücken stärken ohne Einschränkungen völlig frei.

Wie Yunus Emre es einst sagte: Wir lieben das Erschaffene um des Schöpfers willen.

In diesem Sinne nominiere ich alle, die gerade in diesen Tagen, trotz allen und allem für die Freundschaft einstehen.

Wärme- humanitäres Gut

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Es ist uns nicht immer ganz bewusst, wie wichtig das Gut Wärme für das menschliche Dasein ist, oder was das Fehlen für verheerende Ursachen haben kann. Wir konnten gezwungenermaßen den Selbsttest machen. Die Heizung fiel für 3 Tage aus. Was tun, Anfang Januar, Frankfurt, Erdgeschoss, Familie mit 2 kleinen Kindern?

Es ist Sonntag. Unser Familien Frühstück ist erfolgreich abgeschlossen und ein entspannter Wochenende-End-Tag kann beginnen.  Ich mache mich auf den Weg zu einem Treffen und  Kinder sind mit meinem Mann zu Hause. Während der Fahrt ruft mich unser Nachbar an und frägt, ob bei uns die Heizung auch defekt ist. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nichts bemerkt und halte kurz Rücksprache mit meinem Mann, der noch zu Hause ist. Kurzer Check: in der Tat, die Heizkörper sind kalt. Uns wird kurz mitgeteilt, dass eventuell ein Notdienst noch am selben Sonntag vorbei schaut, aber im schlimmsten Fall am nächsten Tag ein Reparateur alles richtet.

So kommt es dann, dass wir im Januar 2015 für ganze 3 Tage und 3 Nächte die Kälte bei uns zu Besuch haben und nähere Bekanntschaft mit ihr machen können. Während der Abwesenheit der Wärme merken wir, dass wir sie nicht ausreichend geschätzt und gewürdigt haben. Auch bemerken wir, dass wir einen völlig anderen Bezug zu Bildern aus den Medien aufbauen können.

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Sonnenanbeter und Wärmeverschwender

Sagen wir es mal so: den Winter finden wir als Familie eher auf Postkarten und Filmen schön. Gerne nehmen wir auch mal teil am Kollektiven-Schneemann-Bau oder am Schlitten-Wettrennen, das war es dann aber auch. Wir sind wohl eher die Sorte „Sonnenanbeter“. Dann davon aber gerne auch ganz viel. Ich meine nicht schöne 25° C. Schon eher so 38°C, am liebsten trocken. Wenn man schon quasi zwischen fest-und flüssig Zustand ist bei dem aus den Poren der Haut Schweißtropfen heraus sprießen, sich ihren Weg den Körper entlang nach unten Bahnen und noch bevor sie auf den Boden auftreffen schon wieder verdampft sind. Schon beim Schreiben wird es einem ganz warm. Tja und wenn diese Wärme dann nicht um uns herum ist, dann heizen wir eben. Eventuell an manchen Tagen sogar in Form von Wärmeverschwendern.

Wärme: Humanitäres Gut

Unser unfreiwilliger Selbsttest kann nicht mit der Lage von Flüchtlingen verglichen werden! Denn trotz defekter Heizung haben wir noch den Schutz unserer Wohnung und Kleidung. Wir konnten uns mit Decken und Wärmflaschen und am zweiten Tag sogar dann mit einem Heizstrahler behelfen. Wir können nicht ansatzweise erahnen, was es bedeutet ohne Schuhe auf Schnee laufen zu müssen oder bei Eiseskälte im Zelt zu leben. Laut Medien sind in den vergangenen Wochen mehrere syrische Flüchtlinge nun erfroren. Um möglichst wenig Wärme abzugeben, wird der periphere Hautbereich am Körper nicht mehr genügend mit Blut versorgt. Der Körper sammelt das Blut quasi in der Körpermitte zusammen. Dabei verliert der Mensch sein Bewusstsein, was in den Filmen immer als einschlafen vorgezeigt wird. Der Mensch stirbt, sobald auch lebenswichtige Organe nicht mehr ordentlich durchblutet werden. Dass das nicht ganz ohne Schmerz zugehen muss kann man sich vielleicht dadurch denken, dass Frostbrand identische Symptome hervorruft wie Feuerbrand. Ausserdem kennt jeder den stechenden Schmerz, wenn man im Schnee ohne Handschuhe gespielt hat.


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Kein Mensch, vor allem kein Kind sollte in diesem Jahrhundert diesen Umständen/Zuständen ausgesetzt sein. Die Hilfsorganisationen sollten sowohl von den Regierungen als auch von der Gesellschaft unterstützt werden um Menschen in Not zu helfen. Wir, für unseren Teil, haben für eine Familie einen Karton mit Winterkleidung und Schuhen  der Hilfsorganisation Time to Help  bereitgestellt. Jeder kann dazu beitragen, dass mindestens ein Kind nicht mehr erfrieren muss, denn Wärme ist kein Luxus, Wärme ist humanitäres Gut!

 

Fotoquellen:

http://www.bbc.co.uk/turkce/haberler/2015/01/150107_suriye_multeci_kar

http://www.sontiraj.com/ciplak-hayatli-cocuklar/

http://www.aljazeera.com.tr/haber/lubnanda-4-suriyeli-multeci-donarak-oldu

Nachbar-schaf(f)t

Ich nehme mir nun seit zwei Wochen immer wieder vor diesen Text zu bloggen. Entweder kommt privat etwas dazwischen oder die globale mediale Situation ist derart miserabel, dass ich keinen Buchstaben zum anderen zusammen bringen kann. Ich meine in Deutschland braut sich gerade eine braune #Pegida Brühe zusammen, die CSU wünscht sich auch zu Hause nur noch deutsch zu sprechen. In Australien nimmt ein Spinner gleich ein ganzes Geschäft samt Kunden zur Geisel (die Situation eskalierte und 3 Menschen starben), in Pakistan verüben Terroristen einen Anschlag auf eine Schule (viele Kinder starben dabei) und in der Türkei werden Journalisten verhaftet weil sie an ihrer Meinungsfreiheit festhalten. Alles nicht so wirklich das gelbe vom Ei.

Daher nun mal ein Text der ganz und gar positiv ist!

Gute Nachbarschaft macht das Leben lebenswerter. An dieser Theorie verharre ich wirklich sehr stark. Ich finde, die Moderne macht es der Nachbarschaft nicht unbedingt einfach. Die Menschen arbeiten oft viel und lange. Sie müssen oft ihre Wohnorte wechseln. Ebenso verhilft der Drang nach Entspannung und Individualität nicht unbedingt das gesellige Beisammensein von Menschen, die ihre Räumliche Nähe nicht direkt selbst bestimmen dürfen. Wir können uns unsere Nachbarn, wie auch unsere Verwandten, nicht wirklich selbst auswählen. Im Vergleich zu den Verwandten kann man seinen Nachbarn die Nachbarschaft kündigen, in dem man wegzieht.

Nun denn. Mein momentaner Wohnort ist bereits der fünfte, das heisst ich habe bisher in fünf völlig verschiedenen Städten, die in ganz unterschiedlichen Bundesländern sind, gewohnt. Immer wenn ich neu einziehe und mit dem Umzug durch bin, schreibe ich allen Mitbewohnern im Haus eine kleine Karte in der wir uns kurz vorstellen. Auf den letzten beiden stand mit dabei, dass wir in einigen Wochen Nachwuchs erwarten und uns im voraus für eventuellen nächtlichen „Lärm“ entschuldigen. Viele meiner Nachbarn haben im Gegenzug mit einer kleinen Willkommensbotschaft  geantwortet oder die „neuen Nachbarn“ recht freundlich gegrüßt, denn nun wusste man ja mehr über uns. Ich muss sagen, in puncto Nachbarn hatte ich wirklich immer Glück. Es waren immer sehr nette Menschen dabei. An schlechte kann ich mich wirklich nicht erinnern. Klar hat der eine oder andere mal einen schlechten Tag und schaut etwas grimmiger oder grüßt nicht auf Anhieb, aber das ist glaube ich alles noch im menschlich-normalen Rahmen gewesen.

Als wir vor drei Jahren von Heidelberg nach Frankfurt zogen war ich hochschwanger und hatte auch noch ein Kleinkind von knapp drei Jahren. Unser Haus besteht aus sechs Wohnungseinheiten und die meisten wohnen schon seit Jahren hier. Wir sind die ersten und auch die einzigen im Haus mit Migrationshintergrund. Anfangs hatten die Nachbarn nicht wirklich eine Vorstellung, wie und ob das klappen kann, da man ja soviel über „die anderen“ hört. Dennoch hatte keiner von uns Berührungsängste und war auch nicht ganz und gar voreingenommen. Für uns waren unsere Nachbarn nicht DIE DEUTSCHEN und für unsere Nachbarn waren wir nicht DIE MIGRANTEN. Alle bedankten sich für die nette Karte und lobten den Text. Zur Geburt unserer zweiten Tochter kamen alle und gratulierten.

So kam es denn, dass wir immer an diversen Festen uns mit gegenseitigen kleinen Geschenken oder netten Karten eine kleine Freude machen. Die Geburtstage der Kinder, Einschulung, Kita-Beginn oder Nikolaus werden im Haus gemeinsam „gefeiert“. Man trifft sich zum türkischen Tee oder zu weihnachtlichem Stollen, Grund haben wir ja genug um zusammen zu kommen. Man hilft sich aus, achtet auf die Wohnung des anderen, wenn er mal nicht da ist und ist zur Stelle als Nachbar. Ich weiss sehr wohl, dass es, vor allem in Großstädten, nicht selbstverständlich ist, dass man seine Nachbarn alle kennt und so nachbarschaftlich miteinander gut zurecht kommt. Ich zu meinem Teil kann sagen, dass ich mich für meine älteren Nachbarn im Haus ein Stück weit verantwortlich fühle. Wenn ich weiß, dass jemand im Haus krank ist oder trauert, dann möchte ich diesem Menschen sein „Leid“ ein Stück weit abnehmen. Ich freue mich, wenn meine Teller, die ich zuvor mit gekochtem oder gebackenen im Haus verteilt hatte, mit einem großen Lächeln und herzlichem Danke zu mir zurück kommen. Ebenso empfinde ich ein Nachbarschaftstreffen vom gesamten Haus bei meinen deutschen Nachbarn als wirklich besinnliches Zusammenkommen. Es ist machbar und im Grunde genommen wirklich einfach. Es muss nur jemand den ersten Schritt wagen. Seien Sie nicht schüchtern, schreiben Sie doch mal Ihren Nachbarn eine Karte ♥

PS: Dieses Bild stammt aus unserem letzten Nachmittagskaffe im Haus mit allen Nachbarn bei Familie Böning. Es war wirklich ein sehr schöner Nachmittag.

Was Muslime an Weihnachten machen

Heute ist der 2. Advent. Allmählich nimmt die weihnachtliche Stimmung überhand. Im Discounter kommt man an den Leckereien nicht vorbei. Die Fenster sind mit bunten Lichtern geschmückt. An diversen Winkeln der Stadt kann man sich seinen Weihnachtsbaum aussuchen. Und auch die Weihnachtsmärkte locken mit verlockenden Konsumentenfallen. Im Radio hört man die üblichen Weihnachtssong-Klassiker.

Weihnachten hat ohne Zweifel etwas magisches an sich. Klar! Es ist ja auch das Fest der Liebe. Laut einer Umfrage ist in Deutschland Weihnachten, selbst für jene die aus der Kirche ausgetreten oder gar atheistisch besinnt sind, das Fest der Liebe, das Familienfest schlechthin. Es wird also weiter gefeiert.

Die statistische Verteilung der Religionen in Deutschland  sieht laut Wikipedia wie folgt aus:

  • 62% Christen
  • 32-37% Konfessionslos
  • 2,4% Muslime (Knapp 4,5 Mio Muslime)
  • 1% andere (Wie Buddhisten, Jesiden, Bahai, Juden, Hindus, Sikhs etc.)

Wenn also knapp über die Hälfte im Advent für die Weihnachtsstimmung und das Fest der Liebe auf Hochtouren kommt, was machen dann die anderen 40%? Ist Weihnachten eventuell für die anderen auch mittlerweile ein Fest geworden? Oder kann etwa Weihnachten, wenn man es klug angeht, der gemeinsame Nenner der Gesellschaft werden und alle im Fest der Liebe vereinen?

Was also machen die Muslime an Weihnachten? Ein Selbstbeispiel

Wir haben nie mit der Familie Weihnachten gefeiert. Das heisst meine Eltern haben uns nie einen Weihnachtsbaum besorgt, auch keinen Tannenzweig. Hierzu sollte man übrigens unbedingt den Film Almanya-Willkommen in Deutschland gesehen haben. Ich glaube diese Szene ist so real, dass sie dadurch absolut liebenswert ist. Nun denn, meine Eltern haben das eben nicht gemacht, folglich gab es auch keine Weihnachtsgeschenke. Ich glaube wir haben aber auch nicht danach gefordert. Das heißt, es gab keine Heulanfälle weil die anderen das hatten und wir nicht. Also kein Baum, keine Geschenke. Aber trotzdem hübsch zum Anschauen.

Was es dann aber gab, waren selbst gebackene Plätzchen. Auch für die Nachbarn. Heute weiss ich es selbst aus Erfahrung, dass sich die Weihnachtszeit einfach technisch gut dafür eignet. Die Zutaten sind überall in Massen vorhanden. Es ist draussen etwas kälter, so dass man alle Aktivitäten überwiegend ins Haus verlagert. Kinder lieben es mit Teig zu spielen und im Vergleich zur Knetmasse kann man dann das Zeug auch essen. Also ganz ganz viele Plätzchen nach original deutschem Oma-Rezept.

Ein weiteres Muss war der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Meine Mutter brachte uns immer Tagsüber dorthin, weil sie die „heiteren Punschtrinker“, die ihrer Meinung nach am Abend vermehrt sich dort ansammelten, meiden wollte. Also gingen wir immer relativ früh dorthin. Das hatte auch so einen gewissen Reiz, denn oft waren wir die ersten. Aber dennoch  volles Programm. Das heisst, mit Schokolade überzogene Erdbeer-Spieße, Karussell, gebrannte Mandeln, Gernknödel, also alles was das Herz begehrt. Später haben wir diese Weihnachtsmarktabstecher auch gerne mit meiner Schwester allein unternommen.

Ich bin mir sicher, dass wir im Vergleich zu vielen christlichen Fest-Aktivisten, die Sache mit dem Besuch definitiv toppen konnten. Auf Grund der Feiertage und der gemütlich relaxten Situation hatten wir immer einen regelrechten Zulauf, teils angemeldeter aber auch unangemeldeter Besuch. Das war immer verbunden mit ganz viel leckerem Essen und vielen Spielkameraden. Ich erinnere mich heute immer sehr gerne an diese Zeit, denn im Vergleich zu meinen Eltern, kann ich heute dieses besondere Ritual nicht in der Form fortführen. Ich fange dann immer an zu planen und zu organisieren, rotte die türkische Spontanität meiner Gene aus und stehe mit meiner graziösen Deutschen Seite da- tja, dann oft eben ohne spontanen Besuch.

Ein weiteres Muss an Weihnachten, ja ich weiss, das klingt jetzt absolut kitschig, aber so ist es eben nunmal, ist dass man mindestens einmal Drei Nüsse für Aschenbrödel ansehen muss. Meine Mutter sass damals wie hypnotisiert vor dem Fernseher, und sie war wahrlich prinzipiell eine schlechte Zuschauerin, und wir mussten alle still sein oder den Raum verlassen. Später hatte sie mich damit dann auch angesteckt. Heute ist es eines meiner Lieblingsfilme und ach ja wie habe ich mich über diesen Sendeterminzettel der SZ gefreut, wo man doch alles parat hat ♥

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Zuletzt ist an Weihnachten, aber auch an anderen besonderen Anlässen des Jahres die Gelegenheit für Nachbarschaft ein Privileg. Ich schreibe immer gerne allen Nachbarn eine schöne Karte und stelle sie an Heiligabend mit einem kleinen Present vor die Tür. Ich bereite diese Geschenke mit meinen Kindern vor. Es macht uns immer sehr viel Freude den Nachbarn im Haus eine kleine Überraschung zu bereiten. Wir bekommen im Gegenzug immer mindestens eine Grußkarte und meine Mädels immer Süssigkeiten zurück. Es geht hier nicht um Gegenstände oder hübsche Karten; vielmehr geht es beim Fest der Liebe um die Zirkulation im nachbarschaftlichen Haus. Diese Zirkulation findet bei uns im Haus an allen christlichen und muslimischen Festen, zur Geburt, zur Einschulung, zum Sommerbeginn, und sonst noch nachbarschaftlich wichtig-relevanten Gelegenheit statt.

Jesus, ist auch der Prophet der Muslime. Vielleicht nicht in Form der Dreifaltigkeit wie in der katholischen Lehre aber dennoch, ein zu ehrender Prophet. Und wenn man nicht alles, wie manch eine Partei, mit Zwang und Verbot angehen würde, dann würden auch mehr Muslime dazu stehen, dass sie wahnsinnig gerne Weihnachten feiern, als Fest der Liebe.

Über die verschiedenen Aggregatzustände von LIEBE

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Liebe ist die neue Volksdroge. Wir können heute, so auch wie schon immer eigentlich, nicht ohne. Was allerdings neu ist, ist, dass wir nicht wirklich mit können. Man könnte natürlich nun all die lieb- und herzlosen Gräueltaten wie Kriege, Verfolgungs- und Ausrottungsversuche und gleichgültigen Krankheitsepidemien der Vergangenheit als Gegenargument für Musterbeispiele für Lieblosigkeit aufzählen. Dennoch glaube ich, dass wir in der partnerschaftlichen Liebe derzeit mit einer Versetzungsgefahr konfrontiert sind. Medienformate wie „Bauer sucht Frau“, „Catch the Millionär“ und „Hochzeit auf den ersten Blick“ sollen wohlmöglich das letzte Tröpfchen Hoffnung in die Liebe am Leben erhalten. Dabei ist doch Liebe soziologisch betrachtet, adäquat wie die Familie für die Gesellschaft, der Kleister, der die Menschen zusammenhält.

Aber was ist Liebe? Oder präziser gefragt: Hat Liebe eventuell differenzierte Aggregatzustände?

Ich möchte hierbei auf zwei explizite Beispiele von zwei türkischen Frauen eingehen. Beide sind in den 40er Jahren in der Türkei geboren, die eine im Westen, die andere im Osten. Im ländlichen Raum großgeworden, kaum eine Schulausbildung genossen, das heißt nur das Nötigste an Lesen und Rechnen erlernt, nicht in unserem Sinne Berufstätig, sondern vielmehr in der Landwirtschaft, im Haushalt mit den Kindern. Beide Frauen waren kinderreich und verheiratet. Bis zum Tod, mit ein und dem selben Partner.

Die Umstände, die zur Hochzeit sind, trotz biographischer Parallelen so unterschiedlich. Dabei spielt die geographische Lage, meiner Meinung nach keine Rolle, ich glaube, das ist wohl Kismet, wie es so schön heisst. Die Frau aus dem Westen der Türkei hieß Şerife. Sie war meine Großmutter und verstarb vor einigen Jahren. Die Frau aus dem Osten heißt Döne. Sie ist die Mutter unserer Nachbarin und verkörpert für mich die Verbindung von Sherazade und Sherlock Holmes, immer eine Anekdote parat und wahnsinnig neugierig.  Beide Frauen haben großes in ihrem Leben geleistet und verdienen es zumindest in einem Mini-Blog-Beitrag gewürdigt zu werden. Man könnte sicher Biographien über sie schreiben, aber hier konzentrieren wir uns auf den Heiratsantrag, das Liebesversprechen, das Fundament für das gemeinsame „Wir“.

Şerife, die „Schlecht-Gelaunte“ 

Ich habe meine Großmutter immer als störrische alte Frau, die immer schimpfte und nörgelte in Erinnerung. Sie war extrem pingelig und ordnungsliebend. Man muss dazu sagen, dass meine Oma 9 Kinder alleine geboren und quasi alleingroßgezogen hat, da sie 3km vom nächsten Dorf auf dem Bergansatz wohnte und mein Großvater nach Deutschland kam, um für die Familie sorgen zu können. Sie war also Ende der 50er, in der Pampa, Alleinerziehend. Während er das Geld verdiente, verwaltete sie es. Innerhalb weniger Jahre kaufte sie das halbe Dorf auf, eine hochbegabte Geschäftsfrau. Dass das Spuren hinterlässt, kann ich jetzt nachempfinden. Leider kann ich ihr meine Empathie nicht mitteilen. Ich bin mir sicher, wir hätten uns heute stundenlang unterhalten können, und sie hätte viele viele weise Ratschläge für mich und mein Leben, was im Vergleich zu ihrem doch so einfach und komfortabel ist.

Meine Oma war bereits als junges Mädchen von hübscher Statur, jedoch machte ihre ernste Miene und ihr scharfes Mundwerk es den Herren der Schöpfung nicht einfach, ihr den Hof zu machen. So kam es, dass sie „schon“ 19 war und „noch immer“ ledig bei ihren Eltern lebte. Eines Tages erfuhr sie, dass der Lehrer der Dorfschule um ihre Hand halten möchte und dass die Eltern diesem Antrag nicht negativ gestimmt seien. Ich weiss nicht, was in diesem Moment ihr durch den Kopf ging, was sie fühlte oder mit wem sie sich austauschte. Ich weiss nur, dass sie an dem nächsten Morgen vor Sonnenaufgang auf den Esel im Stall sprang, meinen Großvater davon unterrichtete und mit ihm durchbrannte. „Sie hat mich vor die Wahl gestellt, ob ich mit ihr mitkommen will oder nicht. Falls du dich nicht traust, gehe ich alleine, sagte sie“ erzählte mein Großvater. Er selbst war Ringer und von großer Statur, sie hingegen immer relativ schmal und zierlich. Der Anblick war sicherlich filmreif, als sie auf ihrem Esel ihm, den Ringer, den Vorschlag macht, gemeinsam durchzubrennen. So kam es dann! Es kann sich nicht nur um eine Notlösung gehalten haben. Sicherlich haben sich die beiden wohl gesehen und Gefallen aneinander gefunden. Bei der ersten Kommunikation jedoch hat sie schon Nägel mit Köpfen gemacht. Sie hatten gute und auch schlechte Zeiten in der Ehe. Sie haben es jedoch immer geschafft Krisen mit Liebe zu überwinden. Nach ihrem Tod fragte ich meinen Großvater wie es ihm nun ginge und an was er sich bei ihr noch erinnert. Er war nie der Mann der großen Worte. Dennoch beschrieb er eine Szene aus den ersten Tagen ihrer Ehe, bei der sie aus einem Stück Stoff, den er ihr als Geschenk auf dem Bazar gekauft hatte, ein Kleid genäht hatte und ihn lächelnd empfang. Die Erinnerung war so lebendig, so dass ich sie beinahe in seinen Pupillen sehen konnte. Es war Liebe, bis dass der Tod sie scheidete.

Döne: die Liebreizende

Döne war als alte Frau schon wunderschön, so dass man sich ständig fragte, wie sie wohl als junges Mädchen ausgesehen haben musste. Durch ihre erzählfreudige und neugierige Art war sie immer sehr kommunikativ. Man musste sie einfach gern haben und verzieh ihr auch ihre manchmal penetrante Art, die Privatsphäre der anderen ausser Acht zu lassen. Diese wunderschöne Art an ihr muss ihrem Mann Abdullah wohl auch nicht entfallen zu sein. Abdullah war 10 Jahre älter als Döne und hat sich auf den ersten Blick in sie verschossen. Zwischen den beiden bestand wohl auch ein ferner Verwandtschaftsgrad aber dennoch erinnert sich Döne an Abdullah nicht wirklich davor bemerkt zu haben. Davor: Abdullah bekommt vom Militär ein Schreiben für seinen Wehrdienst, welcher damals drei Jahre andauerte. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Diese Länge muss es wohl gewesen sein, die Abdullah für einen Moment in den Wahnsinn trieb, so dass er schnurstracks in das Haus von Döne lief. Zu dieser Stunde war sie mit ihren Schwestern und Cousinen allein zu Hause (das muss er wohl berechnet haben). Er fand sie in der Küche vor. Er nahm das Küchenmesser in die Hand und fragte sie „willst du mich heiraten?“.

Diese Szene haben wir uns mindestens 20 mal erzählen lassen. Und jedes mal wurde laut geschimpft und diskutiert. Wir kleinen Gören fragten immer wieder „Wie konntest du mit einem heiraten, der dich mit einem Messer bedroht hat?“. Sie lachte immer und sagte „Er wurde blind vor Liebe, ich habe es in seinen Augen gesehen. Ein Mann der eine Frau liebt, wäre bereit alles für sie zu machen“. Heute weiß ich, dass Abdullah damals auch recht ansehnlich war und Döne mit seiner Aktion etwas imponierte. Das dieses Format nicht jederfraus Geschmack ist, keine Frage! Nichtsdestotrotz wartete sie drei Jahre auf ihn, was ja auch sein Hauptanliegen an dem Tag in der Küche war. Alle weiteren Verehrer orientierten sich um. Sie heirateten und bekamen viele Kinder. Auch sie hatten Höhen und Tiefen. Döne war, man glaubt es kaum, die Tonangebende dieser Beziehung. Denn, was viele nicht wissen, sind es doch fast immer die Frauen in türkischen Beziehung, die das letzte Wort haben. (Ich lasse jetzt bewusst die Katastrophen-Beispiele aus. Diese gibt es übrigens in allen Kulturkreisen!!!).

Der Aggregatzustand von Liebe: fest bis gasförmig

Ja, es gibt wohl differenzierte Aggregatzustände, dennoch ist es immer die selbe Substanz. Liebe passt sich den Probanden, den Umständen und den Bedürfnissen an. Kritisch wird es, wenn man sie nur noch als flüchtiges Gas mit Kurzzeitwirkung vorfindet.

Ein türkisches Sprichwort besagt Sevgi emek ister (Liebe bedarf Mühe). 

Auf das wir uns mehr Mühe geben.